Grün sein, aber richtig

Illustration: Oliver Conrad
Text: Dominik Brülisauer

Anmerkung: Als Kolumnist des SnowboarderMBM durfte ich zwischen 2006 und 2010 über meinen Lieblingssport schreiben. Wenn ich diese Texte heute lese, bin ich immer wieder positiv überrascht, wie reif ich in diesem Alter bereits war und dass ich keinen einzigen peinlichen Satz veröffentlicht habe.

Snowboarder bezeichnen sich selbst immer wieder gerne als Naturfreunde, Treehugger oder Umweltschützer. Wir rechtfertigen diese Titulierungen damit, dass wir uns ja oft outdoor bewegen, die Berge und das Meer lieben und wir immer mehr Wert darauf legen, dass unsere Boards und unsere Klamotten ökologisch und nachhaltig produziert werden. Das ist cool. Nach den medialen Grossereignissen der letzten Jahren – wie zum Beispiel Deepwater Horizon, richtig, das war die lecke Ölplattform im Golf von Mexico, oder der Katastrophe von Fukushima, richtig, das war die Geschichte in Japan – ist es ein richtiger Trend geworden, grün zu sein. Doch ein grüner Lifestyle erfordert viel Disziplin, Verzicht und Askese. Genau diese Tatsachen passen oft nicht zu der spassorientierten und lockeren Lebenseinstellung, die der Snowboardsport eigentlich ausmacht.

Du kannst es drehen und wenden wie du willst, Snowboarden ist immer noch umweltschädlicher als zuhause zu bleiben und vor dem Kaminfeuer ein Buch lesen, das aus recyceltem Papier gefertigt wurde. Selbst der Weg zum Berg ist energieaufwändig – auch wenn du dafür nicht drei Mal pro Jahr nach Alaska reist und dich dort mit dem Hubschrauber auf sämtliche Berge fliegen lässt. Hier mein Vorschlag, wie du Snowboarden und grün sein unter einen Beanie bekommst.

Als erstes musst du natürlich dein Board selbst anfertigen. Das Material dazu gewinnst du logischerweise auf ökologische Art und Weise. Dazu gehört vor allem Holz. Das gewinnst du von der Eiche in deinem Garten. Die Eichhörnchenfamilie, die bis jetzt auf diesem Baum gewohnt hat, musst du mit deinem Fahrrad in den nächsten Wald umsiedeln – oder du nutzt sie als Rohstoff zur Herstellung deiner bald berühmten Ravioli. Für den gefällten Baum pflanzt du natürlich zwei neue. Das Eisen für die Snowboardkanten gewinnst du aus dem Einschmelzen deiner Zentralheizung. Den Belag fertigst du aus Plastiksäcken, die du sonst weggeschmissen hättest. Du kannst sie ganz einfach auf das Holz bostitchen. Allerdings musst du die Säcke wahrscheinlich nach jedem Snowboardtag ersetzen. Aber hey, dafür sieht dein Board immer wieder anders aus. Ist doch cool, an einem Tag mit einem Aldi Logo und am nächsten mit einem Beate Uhse Belag im Park Methods zu reissen. Als Bindung nimmst du alte Wanderschuhe oder holländische Holzzockel. Die nagelst du direkt auf das Brett.

Den Weg von deinem Bio-Haus bis zur Gondel bewältigst du natürlich mit dem Auto, du möchtest ja schliesslich keinen ökologischen Fussabdruck hinterlassen. Den Weg von der Tal– bis zur Bergstation legst du im Freddy Nock-Style zurück. Das heisst du balancierst dich auf dem Kabel der Luftseilbahn in die Höhe. Dann hast du bereits ein wenig Adrenalin getankt und kannst dir oben die langweiligen Aufwärmübungen, die du damals noch in der Snowboardschule gelernt hast, ersparen. Beim Runterbrettern musst du jeglichen Kontakt mit präparierten Pisten vermeiden, ausser du hast irgendwo im Gebiet ein Pistenbully gesehen, der Solarpanels auf seinem Dach hat oder mit Pedalen-Antrieb ausgestattet ist. Zu Mittag konsumierst du selbstverständlich nur Nahrung aus der Region. Also zum Bespiel Steinadlerschenkel, Murmeltiergulasch oder Steinbockleber. Zum Dessert kannst du dir dann einen Apfel genehmigen. Im Winter musst du leider auf einheimisches Obst verzichten, aber die neuseeländischen schmecken auch nicht schlecht. Erkundige dich einfach zuerst, ob der Apfel von einer Bio-Farm stammt.

Jetzt kommt aber noch die gute Nachricht. Wie du weisst, schrumpft die Snowboarder-Population, weil die Kids von heute wieder skifahren. Das ist zwar etwa gleich logisch, wie wenn wir jetzt freiwillig unseren durch Jahrtausende erarbeiteten aufrechten Gang ablegen und ab sofort wieder auf allen Vieren durch die Gegend kriechen würden, aber was soll’s? Es gibt ja auch Spinner, die ihre Kinder nicht mehr impfen lassen wollen. Jedenfalls sind wir Snowboarder mittlerweile eine gefährdete Spezies. Das heisst nichts anderes, als das wir mit gutem Gewissen durch die Naturschutzgebiete fahren dürfen. Wenn du das dem Park Ranger so erklärst, wird er es verstehen und dir vielleicht noch eine Erkennungsmarke an dein Ohr heften.

In diesem Sinne, viel Glück und gute Fahrt.

Gruen_Illu

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