Gute Freunde

Illustration: Oliver Conrad
Text: Dominik Brülisauer

Anmerkung: Als Kolumnist des SnowboarderMBM durfte ich zwischen 2006 und 2010 über meinen Lieblingssport schreiben. Wenn ich diese Texte heute lese, bin ich immer wieder positiv überrascht, wie reif ich in diesem Alter bereits war und dass ich keinen einzigen peinlichen Satz veröffentlicht habe.

Ich kann von mir behaupten, dass ich seit dem Tag, an dem diese Erde mit meiner Anwesenheit bereichert wurde, eine unglaublich beliebte Person bin. Die Leute sind schon immer auf mich abgefahren und haben die unterschiedlichsten Charaktereigenschaften an mir zu Recht bewundert. Beispielsweise mein Aussehen (wird hier nicht aus Zufall an erster Stelle erwähnt, ist tatsächlich das Attribut, über das ich mich am liebsten identifiziere), meine Grosszügigkeit, mein sympathisches Wesen, mein saulustiger Humor, meine Intelligenz, meine Eloquenz, meine Potenz, meine Zuverlässigkeit und natürlich meine Bescheidenheit.

Mein kometenhafter sozialer Aufstieg begann schon im Jahre des Herrn 1977, als meine Eltern mich zum niedlichsten Baby des Jahres proklamierten – obwohl mein Vater dies heute merkwürdigerweise bestreitet. Danach talentiertester Klötzchenstapler im Kindergarten, meist geliebter Mitschüler von der Grund- bis in die Rekrutenschule, Partymittelpunkt und gern gesehener Gast an Opernbällen oder an einfachen Geburtstagsfeiern (ein Säufer für alle Fälle), und neuerdings beliebtestes Mitglied der Anonymen Alkoholikerfraktion Oberengadin und des MBM-Kollegiums. Jawohl, ich habe schon unterschiedlichste soziologische Konstellationen mit meinem Licht erhellt. Aber der Freundeskreis, in dem ich es am meisten schätze der Beliebteste zu sein, ist natürlich der meiner lokalen Snowboardkumpels. Warum? Weil man beim Snowboarden herausfindet, wie die Leute wirklich sind. Wenn man es hier schafft, schafft man es eigentlich überall. Die Loser sind aus folgenden fünf Gründen schnell weg vom Fenster:

  1. Freunde, die beim Lawinenverschüttetensuchgerät nicht wissen, dass es neben der Sendefunktion auch einen Suchmodus gibt, lässt man zuhause.
  2. Freunde, die einem bei einem frischverschneiten Lawinenhang immer den Vortritt lassen, beim Kiffen aber nicht früh genug dran kommen können, sind nicht wirklich konsequent.
  3. Freunde, die einem, wenn man vor einem krassen Felsen noch ein paar Sicherheitsbedenken einwendet, immer vorgackern was für ein Weichei man ist, fördern auch nicht unbedingt die gute Stimmung. Vor allem, wenn sie diesen dann weiträumig umfahren, währenddem man selbst noch ohne Luft zu bekommen in seinem Einschlagkrater steckt, nur weil die Landepiste doch tatsächlich viel zu flach gewesen ist.
  4. Freunde, die zufälligerweise immer dann auftauchen, wenn der Kicker schon fertiggeschaufelt ist, und danach die fettesten Arschbomben im Zielgelände landen, scheiden früher oder später auch aus.
  5. Freunde, die in der Gondel immer das Gefühl haben, sie müssen die peinlichen Geschichten ihrer Kollegen lauthals mit allen anderen Anwesenden teilen, sind ebenfalls nicht besonders sexy.

Wie man sieht, hat man beim Snowboarden die Gelegenheit, seine Mitmenschen richtig kennenzulernen. Man erlebt gemeinsam Abenteuer, man pusht sich gegenseitig zu seinen physischen und akrobatischen Grenzen (und manchmal darüber hinaus), macht sich über den Style der anderen lustig und schult sie somit in Ästhetik und Selbstwahrnehmung. Ausserdem muss man sich gegenseitig vertrauen können und man teilt die Freuden des Sports miteinander. Leute, die hier nicht mithalten können, werden automatisch aus der Gang ausgeschieden. Die Spreu trennt sich quasi vom Weizen. Was bleibt sind die richtigen wahren Freunde. Die Leute, mit denen man es wirklich geniessen kann.

Jetzt zu einem ganz anderen Thema. Meine Kumpels vom letzten Jahr ziehen es neuerdings vor, nur noch zu acht unterwegs zu sein. Sie sind der Meinung, dass neun Leute zusammen auf dem Berg ein wenig zu viel sind, es entstehe da immer so eine komische Gruppendynamik, die je nach Situation sehr unangenehm bis gefährlich sein könne. Mit den fünf oben genannten Argumenten habe dies allerdings nichts zu tun, das haben sie mir wiederholt versichert. Die Wahl sei bloss auf mich gefallen, weil ich der einzige sei, der es auch alleine schaffen oder sich dank seiner Beliebtheit am einfachsten anderen Gangs anschliessen könne. Zusammen mit der Erklärung, dass ich ohne sie ohnehin besser dran bin, da ich mich dann von ihnen nicht mehr bremsen lassen muss, habe ich mich als guter Kommunist für das Wohl des Teams geopfert. Ich bin momentan also wieder solo unterwegs. Falls es Leute in der Region Oberengadin mit ähnlichen Problemen gibt, die sich meinem neuen Freundeskreis anschliessen und sich in meiner Aura sonnen wollen, haltet doch bitte nach mir Ausschau (siehe Illustration). Wir könnten so viel Spass miteinander haben, ehrlich!

In diesem Sinne, viel Glück und gute Fahrt.

Frunde_Illu

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