Frau Tutsberger | Ausstellungstext

Die junge Künstlerin Alexandra Wohlwend schuf mit ihrem crossmedialen Projekt #tutsberger aus flüchtigen Schnappschüssen Kunstwerke für die Ewigkeit. Ich durfte für sie ihren Ausstellungstext schreiben. Mein bescheidener Anspruch war, dass der Text dem Kunstprojekt gerecht wird. Das war eine Kunst für sich.

 

Ganz nach Joseph Beuys Diktum «Jeder ist ein Künstler» werden heute dank technischen Errungenschaften mehr Bilder produziert, als je zuvor. In Form eines Smartphones hat man die Kamera jederzeit griffbereit in seiner Hosentasche. Neue Medien wie Instagram helfen dabei, diese Bilder innert Sekunden mit der ganzen Welt zu teilen. Daraus resultiert eine Flut von Bildern, die von Rezipienten nicht mehr kontemplativ studiert, sondern im besten Fall flüchtig konsumiert werden können. Mit einer gewissen pessimistischen Ironie kann man behaupten, dass der sakrale Raum des Museums durch den virtuellen Raum des Internets getauscht wurde.

Mit meiner Arbeit möchte ich Bildern ihre Würde zurückgeben. Ich haben Menschen dazu aufgefordert, persönliche Bilder auf das Social-Media-Portal Instagram zu laden und diese mit dem Hashtag (#) Tutsberger zu taggen. Mein Versprechen lautete, dass ich gewisse Fotografien aus dem virtuellen Raum befreie und aus ihnen grossformatige Ölbilder malen werde.

Es haben beinahe 40 Leute bei der Aktion mitgemacht. Die gesammelten Bilder bieten einen abwechslungsreichen Mix zwischen Schnappschüssen, Selfies, Landschaftsbildern oder Tierfotografien. Mit anderen Worten: die Art der Bilder unterscheidet sich nicht signifikant von den Bildern, die sonst in einem durchschnittlichen Instagram-Feed gezeigt werden. Aus diesem Fundus konnte ich schlussendlich meine Selektion treffen, die ich aus dem digitalen Raum befreien und mit Öl auf Leinwand bannen konnte.

Die Bilder mit den Themen Nacht und Ausgang haben mich besonders angesprochen. Sind es doch die Momente, die man in verrauchten Bars oder in frühen Morgenstunden in Clubs erlebt und durchlebt, die besonders schnell an uns vorbeiziehen und am Tag danach nicht selten nur dank der Hilfe von geschossenen Bildern rekonstruiert werden können.

Die Spannung der Gemälde wird dadurch erzeugt, dass zeitgenössische Sujets wie Partybilder oder Essensfotos auf einem Medium präsentiert werden, das einst für royale oder klerikale Würdenträger reserviert war. Bilder, die gerade noch mit Lichtgeschwindigkeit durch das Internet gerast sind und eine Halbwertszeit von wenigen Minuten hatten, erstrahlen jetzt scheinbar für die Ewigkeit auf einem der ältesten Medien der Kulturgeschichte.

Mir war es wichtig, dass meine Technik mehr oder weniger der Handhabung der herkömmlichen Technik der Ölmalerei gleicht. Ich wollte nicht auf einem fix fertigen bzw. bereits bespannten und grundierten Keilramen malen. Entschieden habe ich mich für das rohe Baumwollgewebe „Arles“, welches dicht und schwer ist und eine leicht grobe Struktur aufweist. Die Keilrahmen habe ich mit dem Tuch bespannt und mit Hasenlederleim verleimt. Für die Grundierung habe ich einen Halbkreidegrund gewählt, der eher mager und matt ausgefallen ist und gut saugt. Ich habe die ganze Serie der Arbeit mit einem schwarzen Pigment, Eisenoxidschwarz, grundiert, da meine Auswahl, wie bereits erwähnt, sich vor allem auf Fotos, die sich in der Nacht bzw. in einem dunklen Raum abspielen, gefallen sind. Die Leinwände habe ich ebenfalls an den Seiten grundiert, damit die Tiefe der Dunkelheit der nächtlichen Unterhaltungen und Begebenheiten stärker in den Vordergrund rücken.

Beim Malen der Bilder habe ich mich so gut es geht an der originalen Fotografie orientiert. Allerdings habe ich als Künstlerin doch auch minim auf den Inhalt des neuen Bildes Einfluss genommen. Allerdings haben dabei nur visuelle Kriterien eine Rolle gespielt. Ich habe keine Zensur geübt, die Essenz der Fotografie wurde erhalten.

Meine Palette beschränkt sich mehr oder weniger auf sechs Farben pro Bild. Bei jedem Gemälde habe ich für die Hautfarben dieselben Pigmente gewählt: Französischer Ocker, Titanweiss, Kadmiumrot und Spinellgrau. Ausserdem habe ich keine gekauften Tubenfarben verwendet, sondern sämtliche Farben sind Pigmente, die mit Leinöl angerührt und mit Balsamterpentinöl verdünnt wurden.

Das ganze Projekt findest du hier.

 

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