Daniel Meuli | Pressetexte

Der Engadiner Daniel Meuli gehört zu den innovativsten Fotografen der Gegenwart. Das gilt nicht nur für die Wahl seiner Sujets, sondern auch für seine unermüdliche Experimentierfreude und seinen Drang, das Medium bis zu den Grenzen seiner Möglichkeiten auszuschöpfen. Dabei wird klar: digital war gestern. Da langsam aber sicher auch die internationale Kunstszene auf ihn aufmerksam wird, darf ich immer wieder mal für ihn Presse- oder Ausstellungstexte verfassen. Und wenn er nicht gerade mit Lindsey Vonn oder Not Vital abhängt, findet er immer wieder mal Zeit, mit seinen alten Kumpels ein Bierchen zu trinken und den ganzen Gossip des Tals durchzudiskutieren.

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«Shades of White»

Man sagt, die Inuit kennen über 100 Wörter für Schnee. Dies könnte man auch von den Engadinern behaupten. Wenn man in diesem Hochtal aufwächst, arrangiert man sich mit dem Winter. Bei uns lässt der Schnee niemanden kalt. Er bestimmt den Rhythmus. Unser weisses Gold lockt Touristen aus der ganzen Welt an und belebt unsere Hotellerie, während Flora und Fauna ihre Aktivitäten auf ein Minimum beschränken.

Schnee ist nicht gleich Schnee. Wie in jeder leidenschaftlichen Liebesbeziehung ist unser Verhältnis zu ihm ist ambivalent. Der Schnee bringt uns Leben und Bedrohung, er lässt uns vor Lebensfreude singen und vor Todesangst verstummen. Eine Schneeflocke unter dem Mikroskop eröffnet dem Betrachter eine Welt aus Schönheit und Symmetrie. Der fallende Schnee inspiriert Poeten und Romantiker. Eine Staublawine, die unaufhaltsam ins Tal donnert, macht uns klein und verletzlich. Und wenn der Schnee im Frühling wieder schmilzt, werden wir uns unserer Vergänglichkeit einmal mehr bewusst.

Als Fotograf befasse ich mich mit der Oberfläche – mit der Erscheinung von Schnee. Dabei ist die Erkenntnis interessant, dass der Schnee eigentlich gar nicht weiss ist, sondern viel eher transparent. Der einzelne Kristall besteht aus durchsichtigem Eis. Im sechseckigen Schneekristall wird das Licht gebrochen und in alle Richtungen reflektiert. So entsteht der Eindruck von Weiss.

Die feinen Abstufungen der Farbe Weiss und die vielen kleinen Details, die den Schnee ausmachen, faszinieren mich seit ich mit meiner überdimensionalen Camera Obscura arbeite. Es ist beeindruckend, wenn sich mit Hilfe von Licht die Millionen kleiner Schneekristalle aus der absolut weissen Oberfläche in eine sich stetig verändernde kleine Welt formen.

Bedingt durch meine Eins-zu-eins-analog-Fotografie betrachte ich die Projektion auf der Lichtfläche horizontal und vertikal gespiegelt. Sobald der Horizont – oder jeglicher Bezug zur Umgebung – verschwindet, verliert sich der Bezug zu Ort, Zeit oder Raum. Ein wahrlich befreiendes Gefühl.

«Pied-à-terre | Es ist alles eine Frage der Zeit»

Heimat ist dort, wo man sich zuhause fühlt. Das ist für mich das Engadin. Hier habe ich nicht nur meinen Wohnsitz, sondern mittlerweile auch meinen Zweitwohnsitz – meinen Pied-à-terre. Ein wahrlich bodenständiger Ort der Entschleunigung. Doch dazu später.
Meine grosse Leidenschaft gilt der Fotografie. Für diese Passion nehme ich mir Zeit. Sehr viel Zeit, um genau zu sein. Man kann sagen, dass ich mich antizyklisch verhalte und in der immer schneller drehenden Welt einen Kontrapunkt setzen möchte.

Es ist kein Geheimnis, dass das digitale Zeitalter unseren Wahrnehmungsapparat immer wieder überfordert. Idealisierte, verzerrte und retuschierte Realitätsentwürfe werden jede Sekunde tausendfach ins Internet geladen und durch Glasfaserkabel mit Lichtgeschwindigkeit über den ganzen Globus gestreut. Dabei werden sie geliked, geteilt, kommentiert und multipliziert. Aber werden sie auch angesehen? Werden sie auch wirklich verstanden?

Die Flut an Bildern, mit denen wir jeden Tag überschwemmt werden, lässt uns kaum Zeit sie richtig einzuordnen, ihre Glaubwürdigkeit zu hinterfragen oder mit ihnen überhaupt in einen intellektuellen Dialog zu treten. Mit meiner bescheidenen Arbeit möchte ich den Bildern ihre Seele zurückgeben. Dafür bin ich ein paar Schritte zurückgegangen – und zwar zum Anfang der Fotografie. Mit meiner mobilen Blackbox – eine Art Camera Obscura – fange ich das Licht ein und fixiere es mit einem chemischen Prozess auf Fotopapier. Keine abstrakte Codierung aus Einser und Nullen, sondern konkrete analoge Magie. Zeitlos. Eine Hymne an die Langsamkeit. Diese Blackbox ist mein bereits erwähnter Pied-à-terre.

Auf den Spuren von Giovanni Segantini streife ich mit ihr durch die Landschaft und suche und finde meine Motive. Ein zeitintensiver Prozess, wie gesagt. Dabei entstehen wahre – und vor allem ehrliche – Unikate. Grossformatige Bilder, die zum kontemplativen Betrachten und kindlichem Entdecken einladen. Und wie man sich in den Bildern verliert, merkt man, wie sich die Welt plötzlich langsamer dreht und man wieder festen Boden unter die Füsse bekommt. Sie bieten nichts weniger als eine wohlverdiente Ruhepause. Sozusagen auch ein Pied-à-terre für den Rezipienten.

 

Website Daniel Meuli

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