Made in China

Illustration: Oliver Conrad
Text: Dominik Brülisauer

Anmerkung: Als Kolumnist des SnowboarderMBM durfte ich zwischen 2006 und 2010 über meinen Lieblingssport schreiben. Wenn ich diese Texte heute lese, bin ich immer wieder positiv überrascht, wie reif ich in diesem Alter bereits war und dass ich keinen einzigen peinlichen Satz veröffentlicht habe.

Beim Snowboarden geht es nicht darum, so schnell wie möglich von A nach B zu kommen, sondern von A bis Z Spass zu haben, und dabei nicht zu vergessen, dass der Style das A und O in diesem Sport ist. Das ist natürlich ideal für mich, weil ich ja bekanntermassen von Natur aus mit einer Überdosis Style ausgerüstet wurde. Deshalb konnte ich auf eine Karriere als Marathonläufer, Boxer oder Tieftaucher verzichten, und mein Leben voll und ganz einer vergnüglichen Freizeitbeschäftigung widmen. Doch natürlich kann man auch den Snowboardsport professionell betreiben, auf der TTR-Tour um die Welt pilgern und während unzähligen Contests versuchen höher, weiter und spektakulärer zu fliegen, als die Konkurrenz. Kann man, muss man aber nicht. Aber selbst wenn man Snowboarden hauptberuflich betreibt, ist man chancenlos, wenn man nicht auch mit seinem Style überzeugen kann. Die Judges sind in dieser Beziehung zum Glück gnadenlos.

Doch wie wir alle wissen, wird in einer globalisierten Welt der Druck auf jeden einzelnen von uns grösser. Momentan rekrutiert die Industrie die Snowboardpros, die sie in bunten Werbespots für Produkte wie Wintersportausrüstung, Lebensversicherungen oder Monatsbinden einsetzt, noch vorwiegend aus Europa oder den USA. Der Verkauf von Monatbinden wird übrigens dadurch angekurbelt, dass Frauen, die Monatsbinden mit Flügelchen verwenden, 30 Zentimeter höher aus der Pipe fliegen, als solche, die von Red Bull gesponsert werden und nur durch das Trinken des Energy Drinks beflügelt werden. Das aber nur nebenbei.

Wir Europäer und die Amerikaner wissen, dass Snowboarden Spass machen muss. Von dieser westlichen Weisheit haben aber die Chinesen noch nie etwas gehört. Wie alle anderen Sportarten, vom Kunstturnen bis zum Sackhüpfen, wollen sie natürlich auch beim Snowboarden besser sein als der Rest der Welt. Dies aus dem einfachen Grund, weil sie das Gefühl haben, dass wenn ein Land im Sport gut ist, dann auch das entsprechende politische System fehlerlos sein muss. Jedenfalls ist es eine Frage der Zeit, bis in China Snowboarder-Fabriken entstehen, in denen fünf Monate alte Babys abgegeben und zu Profis herangezüchtet werden. Den ersten Backside-Air muss man mit drei Jahren stehen, den ersten Frontside 9 mit fünf, den ersten Triple Cork noch bevor die tolpatschigen europäischen Kinder im Kindergarten krampfhaft versuchen ihre ersten Klötzchen aufeinander zu stellen.

Falls im Alter von fünf Monaten eine Million solcher Babies rekrutiert werden, dann kann man davon ausgehen, dass bestimmt etwa 30’000 von ihnen im Alter von 14 Jahren erfolgreich ihre Ausbildung abschliessen und auf den freien Markt verabschiedet werden. Was das für uns bedeutet, kannst du dir ja vorstellen. Dein Spruch, dass Snowboarden doch vor allem Spass machen sollte, interessiert weder die Kommunistische Zentralregierung in Peking noch irgendwelche westlichen Sponsoren. Die Chinesen sind dann nämlich nicht nur viel besser als wir, sondern auch ungleich billiger, weil Made in China.

Eine gute Tatsache ist die, dass Style angeboren und nur schwer lernbar ist. Aus diesem Grund müssen wir so schnell wie möglich dafür sorgen, dass Style auch in Zukunft einen höheren Stellenwert geniesst, als technisches Können. Hier mein Vorschlag, wie man das sicherstellen kann: Man muss unbedingt weltweit in den Snowboardschulen den Numerus Clausus einführen und nur noch durch eine offizielle Snowboardschule ausgebildete und diplomierte Fahrer auf den Berg, zu Contests, zu Fotoshoots oder Videodrehs zulassen. Zu einer Snowboardschule zugelassen werden jeweils nur noch die 15% der Kinder oder Erwachsenen eines bestimmten Jahrgangs, die in der Aufnahmeprüfung Style bewiesen haben.

Abgesehen davon, dass man kontrollieren kann, wie jemand auftritt, sich bekleidet, sich bewegt oder isst, kann man Style auch mit der Hilfe von Heidi Klum nachweisen. Die Anwärter auf einen Platz in der Snowboardschule werden mit einer Folge von «Germanys Next Topmodel» berieselt. Diejenigen, die keinen Hautausschlag bekommen, sind schon mal raus.

In diesem Sinn, viel Glück für die Zukunft.

Made_in_China

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