Der KommunICHmus

Illustration: Oliver Conrad
Text: Dominik Brülisauer

Anmerkung: Als Kolumnist des SnowboarderMBM durfte ich zwischen 2006 und 2010 über meinen Lieblingssport schreiben. Wenn ich diese Texte heute lese, bin ich immer wieder positiv überrascht, wie reif ich in diesem Alter bereits war und dass ich keinen einzigen peinlichen Satz veröffentlicht habe.

Wie immer bin ich letzten Sonntagmorgen um 7:30 Uhr aufgestanden. Nach intensiven 45 Sekunden Einsatz für die obligatorische Körperhygiene und einem starken Kaffee habe ich angefangen meine Leute aus den Federn zu trommeln und mitsamt ihrem Delirium und ihren Restalkohol-Transpirationen auf den Berg zu prügeln. Als einziger Nicht-Alkoholiker der Truppe (ich trinke mich schliesslich nur zum Genuss ins Koma – nicht aus Sucht) fühle ich mich irgendwie für meine Leute verantwortlich und möchte sie am Tag danach immer zur sportlichen Betätigung motivieren.

Meine Kollegen fluchen und wehren sich normalerweise mit Händen und Füssen dagegen. Aber sobald wir dann auf dem Berg sind und der Powder vor uns im ersten Sonnenlicht glitzert, ist alles wieder vergessen. Spätestens von dem Moment an bekomme ich wieder High-Fives und Thumb-Ups. Trotzdem frage ich mich manchmal, warum ausgerechnet ich immer die Rolle des Motivators spielen muss. Die Antwort habe ich mir letzten Sonntag selber gegeben. Es liegt an den Genen. Widerstand ist zwecklos. Hier mein zusammengefasster Gedankengang:

Eigentlich sind die Berge eine lebensfeindliche Umgebung. Es ist kalt, Nahrung ist nur schwer zu finden und Lawinen können einem richtig auf den Sack gehen. Trotzdem haben vor ein paar hundert Jahren ein paar Vollignoranten sich dazu entschlossen, genau diese Landstriche zu ihrer Heimat zu machen. Sie fanden es wohl aus irgendeinem Grund cooler sich auf 2000 Meter über Meer die Genitalien abzufrieren, ihre angepflanzten Kartoffeln aus dem Eis zu kratzen und acht Monate des Jahres im Haus eingeschneit zu verbringen, als irgendwo in milderen Gebieten am Strand zu chillen, am Abend die Fische aus ihren Netzen zu pflücken und den Rest der Zeit in der Nase zu bohren.

Die Leute in den Bergen haben gelernt zusammenzuhalten. Einer allein war nichts Wert, in der Gemeinschaft war man stark. Der Verwegene hat oberhalb des Dorfes in den Felswänden die Schutzbarrikaden errichtet. Der Starke hat die Häuser gebaut. Der Geschickte ging auf die Jagd. Der Potenteste hat die Frauen des Dorfes geschwängert und diese wiederum haben auf die Kinder aufgepasst, die noch nicht von den Bären gefressen oder von den Bartgeiern entführt worden sind. Ja, die gute alte Zeit.

Jedenfalls haben in der Zwischenzeit Zentralheizung, Schneepflug und Snowboards auch die Bergwelt zu einem angenehmen Wohnraum gemacht. Dem Donnergott sei Dank. Trotzdem sind wir Bergler ein spezielles Volk geblieben. Diverse Überlebensstrategien unserer Vorfahren haben sich in unsere Gene reingefressen und werden immer noch von Generation zu Generation weitervererbt. Wir identifizieren uns beispielsweise immer noch über das Kollektiv, was sich sogar bei einem Sport wie Snowboarden äussert. Das obwohl dieser Sport Individualismus grossschreibt.

Genau das ist mir eben letztes Wochenende aufgefallen, nachdem ich über meine Rolle als Motivator der Gruppe reflektiert hatte. Ich bin gar nicht der einzige, der jedes Wochenende eine Rolle zu erfüllen hat. Drei andere Beispiele sind Gianki, Röbi und Möni. Gianki ist der Typ ewiger Student. Wenn er dabei ist, kommen wir uns alle immer verdammt jung vor, weil man mit ihm ständig über Probleme reden kann, die man vor etwa 15 Jahren selber hatte. Er ist der Jungbrunnen der Truppe. Röbi wiederum gibt der Gruppe einen coolen Groove, schliesslich wurde er zu seinen besten Zeiten als Snowboard-Pro und Kletterprofi gleichzeitig gesponsert. Ich muss hier wohl nicht noch explizit erwähnen, wer genau sein Mentor war. Eine andere Figur ist Möni. Möni ist unser Crash-Test-Dummie, der kopflose, der alles dropt. So einen braucht man in der Gruppe, sonst wagt man selbst nie etwas. Und falls mal etwas nicht funktionieren sollte, merkt er es als einziger.

Seit ich diese Erkenntnis gewonnen habe, ertrage ich das Gemecker meiner Freunde am frühen Morgen schon viel besser.

In diesem Sinn, viel Glück und gute Fahrt.

Kommunichmus.png

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