Das Lesestundenhotel

Illustration: Oliver Conrad
Text: Dominik Brülisauer

Anmerkung: Als Kolumnist des SnowboarderMBM durfte ich zwischen 2006 und 2010 über meinen Lieblingssport schreiben. Wenn ich diese Texte heute lese, bin ich immer wieder positiv überrascht, wie reif ich in diesem Alter bereits war und dass ich keinen einzigen peinlichen Satz veröffentlicht habe.

Wie jedes Mal, wenn ein neues SnowboarderMBM releast wird, gehe ich in Zürich in einen bestimmten Kiosk um schnell das Heft durchzublättern, meine eigene Kolumne durchzulesen und zu kontrollieren, welche Sätze von der MBM internen Zensurstelle alle umgeschrieben wurden und um einfach meinen Text in einem gedruckten Magazin zu sehen, welches tatsächlich verkauft wird. Dabei fühle ich mich immer saugut, da ich irgendwie das Gefühl habe, dass ich meiner pädagogischen Verantwortung nachkomme und mein riesiges Wissen weitergebe. Da ich ein knallharter Verhandler bin, kann es sogar sein, dass ich schon bald für meinen stundenlangen Einsatz für das MBM belohnt werde und schon in naher Zukunft als Entschädigung grosszügigerweise ein Gratisheft nach Hause geschickt bekomme werde… Trotz Finanzkrise!

Aber wie gesagt, momentan lese ich das MBM immer noch umsonst am Kiosk. Die Verkaufsdame hat zu Beginn meine unrentablen Besuche noch mit Bemerkungen wie «Das ist keine Lesestube», oder «Zuerst zahlen, dann lesen» kommentiert. Damit hat sie allerdings aufgehört, als ich ihr mal erklärt habe, dass ich nur meine eigenen Texte lese und für das müsse ich in diesem Land wohl kaum Geld bezahlen. Sie ist sowieso eine der verständnisvollsten Menschen, die ich kenne. Kürzlich hat doch tatsächlich jemand drei Meter neben mir ein Tittenheft aus dem Regal genommen und angefangen zu onanieren. Krass, oder? Auf die Bemerkung der Verkäuferin «Zuerst zahlen, dann wixen» hat er entgegnet, dass er Erotikfotograf sei, für dieses Mag arbeite und er sich nur an seinen eigenen Fotos aufgeile. Und für das müsse er wohl kaum Geld bezahlen – nicht in diesem Land. Sie hat das eingesehen und ihm noch eine Packung Kleenex gereicht.

Jedenfalls, als ich da im Kiosk gestanden bin und von einer Phalanx von Gesichtern umzingelt war, die mir von hunderten von Titelblättern entgegengegrinst haben, kam mir ein interessanter Gedanke. Falls mal ein Ausserirdischer in meinen Garten abstürzt und ich mich darauf genötigt fühlen sollte, ihm unsere Welt zu erklären, dann würde ich ihn in einen Kiosk mitnehmen. In diesem Mikrokosmos findet er auf einen Blick einen sauberen Querschnitt durch unsere Gesellschaft. Grob geschätzt wollen 90% der zum Verkauf angebotenen Literatur zum Fortpflanzen oder zur Selbstbefriedigung anregen, 6% mehr oder weniger interessante Geschichten aus dem Leben der Stars und Sternchen erzählen, 3% aus einem speziellen Fachbereich berichten und 1% wollen mehr oder weniger intelligent über Themen aus Politik und Gesellschaft informieren. Mein neuer kleiner grüner Freund würde dann ziemlich schnell realisieren, dass ein unverhältnismässig grosser Teil der Menschheit am liebsten onaniert, dass ein kleinerer Teil sich für den Erfolg und die Frisuren von erfolgreicheren Leuten interessiert, ein noch kleinerer Teil sich hauptsächlich seiner Freizeit widmet und ein verschwindend kleiner Rest sich um das Weltgeschehen kümmert.

Obwohl natürlich ein Interessensbereich den anderen nicht ausschliesst (Man kann sich ja für Promifrisuren und für Politik interessieren), stimmt einen das Gesellschaftsbild, welches durch einen Kiosk suggeriert wird, schon sehr pessimistisch. Wäre da nicht noch das MBM als leuchtender Stern im dunklen Medienuniversum, ich würde den kleinen Ausserirdischen wohl bitten, mich mitzunehmen, sobald er seine Untertasse repariert hat.

In diesem Sinne, viel Glück und gutes Lesen.

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