Verschwörungstheorien. Die Lösung.

Verschwörungstheorien. Die Lösung.
So kann man vernünftig mit ihnen umgehen.

Illustration und Text: Dominik Brülisauer

Die Erde ist ein hochkomplexer Ort an dem ganz viel passiert. Zum Glück ist das menschliche Hirn nach Millionen Jahren von Evolution ein Meister darin geworden, im Chaos Muster zu erkennen, Unwichtiges auszublenden, Kausalitäten zu entdecken und sämtliche Informationen in eine stringente Geschichte einzuordnen. Das schenkt uns Orientierung – auf der Welt und im Leben. Das ist ein Hund, sieht nett aus. Keine Gefahr. Das ist ein Bier. Fühlt sich kühl an. Trinken. Das menschliche Hirn hat auch ein Bedürfnis, Lücken zu füllen. Auch das macht es sehr erfolgreich. Ein Eishockeyspieler ist nicht einfach ein Mensch mit weniger Zähnen, sondern man stellt sich automatisch vor, was wohl mit ihm passiert ist. Dass seine Vorderzähne gar nie gewachsen sind, er sie bei einem illegalen Hinterhof-Thaiboxkampf in San José de Mayo gegen einen einbeinigen, melancholischen Mönch mit Crack-Vergangenheit verloren oder ein ausserirdischer Tourist vom Planeten Absurdum sie ihm als Souvenir von der Erde rausoperiert hat, bewerten wir als nicht besonders glaubwürdig. Jedenfalls die meisten von uns.

Ein wenig doof ist, dass das Hirn nie alles aufnehmen kann und wir somit nie alles wissen können, was es zu wissen gibt. Erstens würde das unserer Denkzentrale viel zu viel Energie kosten, zweitens ist es zum Überleben ganz einfach nicht nötig. Wir müssen uns also damit abfinden, dass es blinde Flecken gibt, und wir müssen damit leben, dass wir über gewisse Geschehnisse zu wenige Informationen haben, um sie in eine vernünftige Geschichte zu verpacken, die in unser Weltbild passt und die uns am Abend gut schlafen lässt. Je grösser die Wissenslücken und das Defizit an Informationen (oder ein Überschuss an Fehlinformationen) bei einer Person sind, umso anfälliger ist sie natürlich auf Leute, die ihnen diese Lücken mit Bullshit stopfen. Diesen Bullshit bekommt man ganz einfach vom Verschwörungstheoretiker seines Vertrauens geliefert. Dieser Bullshit simplifiziert Komplexität in eine einfache Narration über Gut und Böse und leuchtet jede dunkle Ecke heller aus als hochpotente Scheinwerfer einen Porno-Drehort.

Einen Verschwörungstheoretiker erkennt man übrigens ganz einfach. Meistens schaut er ganz traurig, weil die Journalisten und die anderen Wissenschaftler ihn und seine Vereinfachungen nicht ernst nehmen. Darum wendet er sich direkt an sein Publikum, damit es endlich die Wahrheit erfahren kann. Auf vernünftige Gegenargumente reagiert er so angeekelt wie Gölä auf Deodorant. Er teilt die Gesellschaft in drei Lager: die bösen Verschwörer, die im Geheimen agieren und beinahe übernatürlich mächtig sind, die verarschte Weltöffentlichkeit und in die Superhirnis, die die Verarsche durchschauen. Ausserdem kann er seine Theorie immer beweisen. Er behauptet, dass die Verschwörer so mächtig sind, dass es keine Beweise gibt. Womit seine Theorie bewiesen ist. Und falls sie nicht schuldig sind, sollen sie gefälligst ihre Unschuld beweisen. Was eine absolute Perversion jedes vernünftigen Rechtssystems bedeutet. Beweise du das nächste Mal dem Polizisten, dass du auf der Autobahn mit deinem Skateboard nicht zu schnell gefahren bist, während er dir deinen Busszettel ausstellt.
Wenn du bei jemandem nicht sicher bist, ob er ein Verschwörungstheoretiker ist, sag ihm einfach, er sei einer. Je vehementer er bestreitet, dass er einer ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er einer ist. Es ist also genau gleich wie bei den Homophoben, den Kardashian-Fans oder den Furzern im Auto.

Sobald man auf seiner online Sinnsuche eine neue Theorie entdeckt hat, die einem die komplexe Welt ein wenig vereinfacht und ein paar Lücken mit einer spannenden Geschichte füllt, teilt man diese auf den Sozialen Medien. Damit möchte man offensichtlich allen zeigen, dass man nicht zu den unwissenden Idioten gehört, die sich von den Mainstream-Medien brainwashen und sich von sogenannten offiziellen Wahrheiten verführen lassen, sondern um sich als querdenkenden Freidenker mit Wissensvorsprung zu profilieren – als Roger Federer des Verstands, als Clara Schumann der Analyse, als Chuck Norris der Kognition.

Dabei gibt es für jeden etwas. Keine Idee ist bescheuert genug, als dass sie nicht von vielen Menschen geglaubt wird, wenn nur ein Wissenschaftler sie bestätigt. Ein Klimawissenschaftler, der meint, die Erderwärmung sei eine Erfindung von Häagen-Dazs, um den Aktienkurs des Glacé-Unternehmens zu steigern. Ein Biologe, der erklärt, dass der Mensch unmöglich mit Affen verwandt sein könne, weil man von ihnen ja nie um Geld angepumpt wird, und die Evolutionstheorie von Satanisten erfunden wurde, um die Katholische Kirche zu schwächen. Ein Semiologe, der in den Chemtrails am Himmel versteckte Werbebotschaften des militär-industriellen Komplexes herauslesen kann. Ein Fernmelde-Techniker, der in der 5G Technologie ein Instrument der internationalen Geburtenkontrollbehörde sieht, die dafür sorgen soll, dass die Hoden von Männern mit billigen Smartphones verstrahlt werden, damit die armen Bevölkerungsschichten bald aussterben – also in etwa fünf Generationen, aufmerksamen Zeitgenossen fällt die Botschaft natürlich auf.

Das klingt natürlich alles spannender als die trockene «Wahrheit». Am besten versieht man sein Referat-Video noch mit einem sphärischen Soundtrack, der so bedeutungsvoll klingt, dass man dazu die Etikette einer Hundefutterdose oder die Biografie einer Fitness-Influencerin vorlesen könnte und das Ganze so interessant klingt wie ein Vortrag von Richard David Precht für normale Leute. Interessant ist auch die Tatsache, dass Verschwörungstheoretiker der Wissenschaft gegenüber kritisch eingestellt sind, aber trotzdem immer Wert darauflegen, dass doch mindestens ein Wissenschaftler ihre Meinung vertritt. Aber wenn solche Wissenschaftler für die Wissenschaft reden, dann ist das so, wie wenn Bundesrat Ueli Maurer im Ausland auf Englisch die Schweiz repräsentiert. Also ein bisschen peinlich.

Dabei finde ich Verschwörungstheoretiker nicht per se schlimm. Auch ich mag gute Geschichten. Aber wie bei der Bibel, dem Jahresbericht von Monsanto oder «The Da Vinci Code» sollte man diese auch als solche deklarieren. Die meisten Verschwörungstheoretiker sind ja auch so klug, dass sie nur Fragen stellen, ihre Fans subtil auf die gewünschte Antwort steuern und sie selber auf die Lösung kommen lassen. Das schafft ein schönes Aha-Erlebnis und Verbindung. Ich versuche das jetzt auch mal. Wenn jemand die ganze Zeit behauptet, die Amerikaner hätten die Anschläge vom 11. September selber organisiert, dabei nur Verdächtigungen und keine Beweise in den Raum stellt, jedenfalls keine, die irgendein Gericht oder ein vernünftiger Journalist ernst nehmen kann, und dabei mit Vorträgen, Klickzahlen und Buchverkäufen ein Vermögen verdient, wer ist dann der eigentliche Gewinner der Anschläge? Cui bono? Nach dieser Logik hätte also der Verschwörungstheoretiker die Anschläge geplant und ausgeführt.

Aber während Verschwörungstheoretiker wie Daniele Ganser, Alex Jones oder David Icke mit ihren Referaten, Büchern und Klickzahlen Geld verdienen, sind die Leute, die sich auch lieber zu den Superhirnis anstatt zu der verarschten Weltöffentlichkeit zählen wollen und dementsprechend die Verschwörungstheorien weiterverbreiten, die wahren Schuldigen. Wer so Theorien ungefiltert teilt, der ist wie jemand, der mutwillig Kopfläuse weitergibt. Wenn man die Leute darauf aufmerksam macht, dass diese schrägen Thesen bereits vom seriösen Wissenschaftsbetrieb entlarvt und als brandgefährlich deklariert worden sind, dann wird gerne behauptet, dass es doch schön ist, mal eine andere Sicht zu kriegen. Die Wahrheit liegt bestimmt irgendwo in der Mitte. Nach dieser Logik wäre der Kompromiss zwischen einer vernünftigen Meinung und derjenigen eines Flatearth-Idioten, dass die Erde halbrund ist. Oder halbflach. Oder oval.

Selbstverständlich wirkt auch die aktuelle Corona-Krise auf jeden Verschwörungstheoretiker dieses Planeten stimulierender als Zucker auf einen Affen. Da man den Virus und seine wirtschaftlichen Auswirkungen noch nicht vollkommen verstanden hat, bietet er viel Spielraum für eigene Interpretationen und Geschichten. Und war Facebook eben noch von selbsternannten Klimawissenschaftlern und Flüchtlingsexperten bevölkert, sind 50% aller Mitglieder plötzlich Virologen, Epidemiologen und Infektiologen.

Gewisse Leute vergleichen den Coronavirus mit einer Grippe und verweisen darauf, dass die Influenza jedes Jahr grassiert und die Bevölkerung dezimiert. Die gleichen Leute finden wohl auch, dass jedes Jahr Menschen bei Autounfällen sterben und deshalb ein Rauchverbot in Familienrestaurants total überflüssig ist. Coronaviren gibt es schon lange, die Toten sind nur ein Medienhype. Und falls der Coronavirus tatsächlich gefährlich ist, dann hat ihn Huawei zusammen mit Netflix und der Weltgesundheitsorganisation WHO designt. Huawei wollte sich mit dem Virus dafür rächen, dass sie 2019 von Google für sämtliche Dienste gesperrt wurden. Netflix profitiert davon, dass nun alle im Homeoffice sitzen und den ganzen Tag Serien reinziehen und die WHO findet es geil, dass ihre Budgets wieder aufgestockt werden. Oder Corona wurde von der weltweiten Lehrervereinigung entwickelt, damit sie jetzt noch mehr Ferien haben. Sorry. Ich meine noch mehr unterrichtsfreie Zeit.

Selbstverständlich profitieren auch noch ganz andere Industriezweige. Ärzte und Pflegepersonal bekommen endlich wieder die Anerkennung, die ihnen zusteht. Deshalb haben sie doch bestimmt auch etwas mit der Verbreitung des Virus zu tun. Oder ist es ein Zufall, dass sich die meisten Kranken in den Spitälern aufhalten? Die WC-Papierhersteller gehören auch zu den Gewinnern der Krise. Während Aktien sich im freien Fall befinden wird WC-Papier zum Wertpapier. Soft, Tempo und Zewa haben garantiert in einem geheimen Treffen während einer mondlosen Nacht in einem Toi-Toi-Häusschen hinter den Mauern des Kremls den ganzen Corona-Plan ausgeheckt. Oder wenn man die vollen Corona-Bier Regale in den Liquor-Shops in den Staaten sieht, dann kann man sich durchaus die Frage stellen, ob nicht Budweiser etwas mit der ganzen Sache zu tun hat.

Ob die gern zitierten Youtube-Ärzte tatsächlich mal Medizin studiert haben, spielt keine Rolle. Wer brauch schon einen Doktortitel um über so einfache organische Strukturen wie Viren zu fachsimpeln? Das wäre ja ungefähr so, wie wenn man zuerst Musikwissenschaften studieren müsste, um eine Meinung über so etwas primitives wie die Lieder von Dieter Bohlen haben zu dürfen. Ein verträumter Blick, ein Batik-Shirt, esoterisches Charisma und eine visionäre Aura reichen vollkommen aus, damit man seine Theorien weiterverbreitet.

Jedenfalls werden wir die Corona-Krise früher oder später dank seriösen Wissenschaftlern in den Griff bekommen. Was aber bleiben wird, sind die Verschwörungstheoretiker. Deshalb habe ich hier einen Vorschlag, wie wir dieses Problem lösen können. Als Kind habe ich zuhause mit meinen Eltern und meinem Bruder jeden Sonntagabend den «Tatort» geschaut. Natürlich brüllte bereits nach fünf Minuten jeder in die Runde, wer nach seiner Meinung der Mörder war. Selbstverständlich ohne Beweise zu haben, einfach so nach Gefühl. Ab und zu hatte sogar jemand von uns recht. Aber er wäre trotzdem nicht auf die Idee gekommen, am nächsten Tag in Pontresina auf den Polizeiposten zu gehen und sich als neuer Profiler vorzustellen, falls wieder mal jemand im Dorf einen Blumentopf klauen würde.
Damit nicht alle während dem «Tatort» ununterbrochen ihre haltlosen Verdächtigungen rumschreiten, führten wir in der Familie Spielregeln ein. Vor jedem «Tatort» zahlte jeder fünf Franken in einen Pot ein. Während der Sendung durfte jeder einmal raten, wer der Täter war. Wer als erster richtig lag, bekam die Kohle. Die Wirkung war sensationell. Man überlegte, bevor man sprach. Bis auf die lausigen Geschichten konnte man den «Tatort» wieder geniessen, und wenn man mal richtig lag, sogar noch richtig geil abkassieren.

Nach diesem Prinzip sollte man die Sozialen Medien organisieren. Als grosses globales Ratespiel. Abhängig vom steuerbaren Einkommen bezahlt jeder User jährlich einen relevanten Prozentsatz seines Lohnes in einen Fond. Zu jedem Thema, egal ob es um den Einfluss der Plejaden auf den Menschen, George W. Bushs Rolle bei der Sprengung von WTC 7 oder die einzig wahre Deutung von Kornkreisen geht, darf jeder Internetbenutzer nur einen Post machen. Sobald die wissenschaftlich verifizierte und von mir als Headjudge legitimierte offizielle Wahrheit ans Licht kommt, wird abgerechnet. Ab sofort wird sich jeder zweimal überlegen, ob es eine gute Idee ist, die total aus dem Zusammenhang gerissene Statistik weiterzuleiten, die wirren Thesen des Professors mit dem Aluminiumhelm als interessante Theorie zu teilen oder reflexartig alles zu liken, was Profilierungsneurotiker wie Dieter Broers posten. Selbstverständlich werden die unbelehrbaren Verschwörungstheoretiker behaupten, dass alles gefaked ist. Aber wenigstens können sie nur noch einen Post pro Thema machen und sie bezahlen dafür.

Und noch etwas für die selbsternannten Freigeister, die jetzt davor warnen, dass der Schweizer Bundesrat die Krise dazu missbraucht, sämtliche Bürgerrechte abzuschaffen um eine Diktatur zu installieren und dabei auf Hitlers Machtergreifung schielen. Ihr habt nicht nur das politische System der Schweiz nicht verstanden, sondern auch nicht begriffen, dass Hitler damals vor einer jüdischen Weltverschwörung warnte. Leute, die darauf anfällig sind, in der Corona-Krise Verschwörungen von dunklen Mächten zu entdecken, die hätten damals bestimmt auch ganz munter die Protokolle der Weisen von Zion weiterverbreitet und einem Erlöser zugejubelt, der endlich Licht ins Dunkel bringt und die Menschheit oder wenigstens die Deutschen zurück zur Wahrheit führt. Betonung auf «führt». Bitte bedenkt das, bevor ihr euch mit euren Mistgabeln, Sturmgewehren und brennenden Fackeln vor dem Bundeshaus zusammenrottet um eure Rechte zu verteidigen. Und wenn euch Demokratie wirklich am Herzen liegt, warum hört ihr lieber auf das schwarze Schaf und nicht auf die Mehrheit der Experten? Ja, ich weiss, weil‘s langweilig ist.

01_Verschwörungstheorie

7 Gedanken zu “Verschwörungstheorien. Die Lösung.

  1. „Der/das Dumme ist gefährlicher als der/das Böse“
    Zitat Dietrich Bonnhöfer
    Fragt sich nur wer hier der Dumme und wer der Böse ist!

    Gefällt mir

    1. Liebe Sabine
      Ich würde sagen, da weder das Böse noch das Kluge absolute Kategorien sind, und erwiesenermassen alle Menschen zu klugen/dummen und guten/bösen Handlungen fähig sind (je nach Perspektive halt. Für eine Kuh ist jeder Fleischesser böse, obwohl dieser gerne der Nachbarin beim Einkaufen hilft), finde ich meinen Vorschlag mit dem Fixbetrag in einen Fond einbezahlen sehr vernünftig. Und jetzt auch noch ein Zitat: «Stupid is who stupid does» Mutter von Forrest Gump. Ich wünsche dir ein schönes Wochenende, Dominik.

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