Point Break

Illustration: Oliver Conrad
Text: Dominik Brülisauer

Anmerkung: Als Kolumnist des SnowboarderMBM durfte ich zwischen 2006 und 2010 über meinen Lieblingssport schreiben. Wenn ich diese Texte heute lese, bin ich immer wieder positiv überrascht, wie reif ich in diesem Alter bereits war und dass ich keinen einzigen peinlichen Satz veröffentlicht habe.

Kürzlich ist mir beim Flusssurfen etwas passiert. Ich habe meinen Glauben an Gott wiedergefunden. Und das ist doch wirklich sehr bemerkenswert. Schliesslich habe ich mich doch immer als ein rational denkendes Wesen betrachtet, welches die Errungenschaften unserer okzidentalen Zivilisation, wie zum Beispiel die Aufklärung, die Menschenrechte oder die Sitzheizungen auf Skilifts bewundert hat. Dazu passte es für mich einfach nicht, dass man an einen Gott glaubt. Quasi unsere doch sehr komplexe Realität versucht zu erklären, indem man einfach sagt, dass ein allmächtiges, alles liebendes, alles sehendes und aus dem Nichts entstandenes Wesen, welches hinter den Sternen wohnt, das ganze Universum erschaffen haben soll.

Allerdings habe ich schon davon gehört, dass sich auch vernünftige Menschen in gewissen Situationen an einen Gott wenden. Man tut dies vor allem in Extremsituationen. Zum Beispiel bevor man ein 15 Meter Felsen mit dem Snowboard klären muss, bevor man am Roulettetisch das ganze Erbe seiner Schwiegermutter auf eine Zahl setzt oder wenn man mitten in der Nacht neben seiner neuen Freundin aufwacht und hoffen muss, dass man eben gerade nur vom Pinkeln geträumt hat. Nun, gebrochene Beine, der saumässig hässige Blick der Ehefrau, oder das warmfeuchte Gefühl in der Boxershortgegend können einen ziemlich schnell wieder zum Atheisten werden lassen.

Beim Flusssurfen bin ich letzten Monat in so eine Situation geraten. Hier die ganze Geschichte von vorne. Nach einer Woche intensivem Regenfall donnerten die Wassermassen der Reuss über den Wellen bildenden Damm, krachten in die Talsohle, bauten sich zu einem Berg auf, brachen fauchend wieder in sich zusammen und verabschiedeten sich fluchend in Richtung Meer. Irgendwo zwischen Talsohle und Berg befand sich die kleine Sektion, die surfbar war. Rundherum lauerte das Verderben, ein Gemisch aus schäumenden Fluten, streitsüchtigen Stromschnellen und bissigen Forellen. Und da waren wir. Die Helden des Süsswasserswells, die Legenden der Binnenlandtsunamis, die Ritter der Todesfluten.

Wie man es von mir gewohnt war, droppte ich als erster. Gekonnt habe ich das Board in Position gebracht, bin dynamisch aufgestanden und habe meinen Höllenritt gestartet. Endlose fünf Sekunden später, mein persönlicher Rekord, hat es mich dann aber doch verspühlt und in die Fluten gerissen. Dabei war ich etwa zwei bis drei Sekunden vollständig unter Wasser. Meine Raucherlungen schrieen nach Sauerstoff, mein ganzes Leben – von meinen ersten Schritten als süsses Baby, über meine ersten Masturbationsversuchen als süsser Teenager bis zu meinem ersten Versuch als süsser Flusssurfer – zog an meinem inneren Auge vorbei. Als ich mich dann schon mit meinem Ende abgefunden hatte, bin ich schreiend wieder aufgetaucht. Die Kinder, die ebenfalls am Surfen waren und sich wegen ihrer infantilen Naivität noch wesentlich tiefer in die Welle geschmissen haben als ich, und die dank ihrem geringen Körpergewicht und ihrem besseren Material zwei bis drei Minuten Runs hinlegen konnten, fanden das unerklärlicherweise sehr lustig.

Jedenfalls habe ich es mit Gottes Hilfe dann tatsächlich noch ans Ufer geschafft. Da werde ich zu seinen Ehren eine protzige Kathedrale errichten lassen.

In diese Sinne, viel Glück und Gott mit euch.

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