Der Kassierer

Wenn man im Winter im Oberengadin auf die Piste möchte, dann begegnet man an den Kassen den Kassierern. Das ist so sicher, wie man im RTL-Dschungelcamp auf C-Promis trifft, die hoffen, dass sie mit dem Verzehr von halbausgebrüteten Schlangeneiern, einem Bad in Kakerlaken-Exkrementen und schnellem Live-Sex eines Tages in die B-Promiklasse aufsteigen können. Übrigens leiden im Dschungelcamp nicht nur die Tiere des Waldes, sondern auch die Eltern der Kandidaten, die zuhause vor dem Fernseher die ganze Tragödie mitverfolgen müssen und es bitter bereuen, dass sie damals während der Schwangerschaft jeden Tag Crack rauchten und ihre Ferien in Tschernobyl verbrachten.

Ein Kassierer der Oberengadiner-Bergbahnen ist an seinem Arbeitsplatz grösserem Druck ausgesetzt als jeder Bombenentschärfer mit Schüttelfrost, Drogenschmuggler mit Wahrheitszwang oder Pointenschreiber beim SRF ohne linke Gesinnung. Die Kassierer arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen, weil sie die pathologische Preispolitik ihrer Vorgesetzten an der Front ausbaden dürfen. Und wenn ich hier von Baden schreibe, dann meine ich nicht ein gemütliches Schaumbad im Kerzenlichtambiente, einem guten Glas Rotwein am Wannenrand und Musik von Tschaikowski im Hintergrund. Nein, ich rede von einem Bad in einem unterkühlten Becken gefüllt mit schlecht gelaunten Piranhas.

Die Schalterangestellten müssen von den Skifahrern immer wieder mal 105 Franken für eine Tageskarte abzocken. Die Gäste haben dann jeweils das Gefühl, dass sie nicht richtig gehört haben, suchen den Fehler bei sich und glauben, dass sie sich nicht richtig ausgedrückt haben: «Entschuldigen Sie, ich wollte eine Tageskarte bestellen, kein Saisonabo». Obwohl die Kassierer diesen Satz 300 Mal pro Tag zu hören kriegen, bleiben sie cool und versuchen mit besänftigender Stimme diesen Preis zu rechtfertigen. Das ist natürlich unmöglich. Ihre Position ist so aussichtslos, wie wenn die Demokratieraketen von der SVP allen versuchen zu erklären, warum die Mehrheit immer Recht hat, aber komischerweise beim Thema Global-Warming immer nur die verschwindend kleine Minderheit der Experten zitieren, die behauptet, dass der Mensch zu unbedeutend ist, um etwas so Massives wie einen Klimawandel herbeizuführen und Gletscher ausserdem ohnehin nur wertvolle Parkflächen für SUVs besetzen würden und deshalb endlich verschwinden sollten.

Während die wütenden, weinenden oder fassungslosen Skifahrer vor dem Ticket-Schalter stehen und mit zitternden Händen ihr letztes Geld zusammenkratzen, erklärt der Kassierer, dass die Bergbahnen dieses Jahr ein neues Preis-Modell namens «Snow Deal» eingeführt hätten. Der Preis ist abhängig von der Nachfrage und dem Zeitpunkt der Bestellung. Wenn man am 3. Januar bereits ein Ticket für den 12. April bestelle, könne man Geld sparen. Frühbucher werden belohnt, spontane Leute bestraft. Das steht zwar diametral zu sämtlichen Werbebotschaften der Ski- und Snowboardindustrie, die gebetsmühlenartig von den Konsumenten fordern, im Hier und Jetzt zu leben. Aber das ist nur ein Detail. Ich persönlich würde eher damit beginnen, in die dritte Säule einzuzahlen, um mir in Zukunft etwas Gutes zu tun, als heute schon sämtliche Wochenenden zu verplanen. Das sei ein wenig, wie wenn man an der Börse beim Kauf einer RUAG-Aktie auf Krieg wettet. Beim «Snow Deal» spekuliert man einfach auf guten Schnee und schönes Wetter – und darauf, dass man an diesem Tag tatsächlich Lust auf Skifahren hat, nicht spontan geschäftlich verreisen muss oder einen Tag zuvor von einem tollwütigen Eichhörnchen in die Zunge gebissen wird. Irgendwie denkt man sich, dass man im Oberengadin auf dem Berg ja nur verarscht werden kann. Entweder man geht an einem Tag auf die Piste, an dem eine grosse Nachfrage herrscht und muss sich den Berg für viel Geld mit viel zu vielen Leuten teilen. Oder man sucht sich ein Datum aus, an dem wetterbedingt niemand oben sein möchte, und tastet sich für weniger Geld durch die Nebelsuppe. So oder so, man kann nur verlieren.

Wenn man beim Kassierer einwendet, dass dies ein Hochrisikogeschäft sei, lächelt er deeskalierend und erzählt einem mit einfachen Worten, dass dieses flexible Preismodell bei Airlines schon lange gang und gäbe sei. Während man langsam vom Abzählen des Geldes wunde Finger bekommt, denkt man darüber nach, dass dieser Vergleich ja total daneben ist. Flugzeuge haben ja eine beschränkte Anzahl Plätze. Hier in den Bergen wird man ja kaum jemals jemandem sagen, dass er nicht mehr rauf gehen dürfe, weil bereits alles voll sei. Das marktwirtschaftliche Dogma, nach dem Angebot und Nachfrage den Preis definieren, spielt hier also überhaupt keine Rolle. Aber der Kassierer würde sich niemals auf eine solche Diskussion einlassen. Warum nicht? Weil die Kassierer der Oberengadiner Bergbahnen rhetorisch geschulter sind als jeder Negotiator beim FBI, der mit schwerbewaffneten Geiselnehmern verhandeln muss. Der Kassierer lenkt in der Zwischenzeit lieber ab und sinniert darüber, dass es bestimmt auch noch bald einen «Schnitzel Deal» geben würde. Bei dem kann man bereits heute sein Essen bestellen, das man in zwei Monaten im Bergrestaurant essen möchte. Oder wie wäre es mit einem «Chill Deal» drei Wochen früher den Liegestuhl auf der Alpina Hütte reservieren? Ja, das ist Zukunftsmusik. Fuck Trump – die richtigen Deals werden bei uns gemacht.

Irgendwann hat man sämtliche Hosentaschen geleert und das verlangte Geld meterhoch auf der Theke aufgestapelt. Kurz bevor der Kassierer das Vermögen auf Nimmerwiedersehen einsackt, fühlt er sich noch genötigt, den Gast darüber aufzuklären, welche Lifte und Bahnen heute gerade in Revision oder windbedingt geschlossen sind. Man kann also immer noch zum «Snow Deal» nein sagen, schliesslich wurde das Angebot gerade verkleinert, ohne dass sich am Preis etwas geändert hätte. Denke an einen Bäcker, der kurz vor dem Verkauf eines Gipfelis vor deinen Augen selber noch ein fettes Stück abbeisst.

Vernünftig wäre es, das Geld wieder an sich zu reissen und damit seine Kinder studieren zu lassen, eine Hektare Regenwald zu retten oder ein Dorf in Indien ein Jahr lang mit Netflix zu versorgen. Aber der Mensch ist nicht vernünftig. Man hat bereits zu viel Zeit beim Anstehen investiert, um jetzt einen Rückzieher zu machen. Der Psychologe Daniel Kahneman hat Bücher über dieses Thema geschrieben. Stattdessen redet das Hirn die ganze Sache schön und meldet: «105 Franken um 45 Minuten an der Talstation anzustehen, dann mit fünf Menschen mit Verdauungsproblemen in eine Gondel eingeschlossen zu werden, oben feststellen, dass der ganze Pulverschnee bereits ins Puschlav geblasen wurde, und den kümmerlichen Rest des Tages mit allen anderen Abgezockten und dementsprechend schlecht gelaunten Skifahrern auf den zwei noch offenen Pisten herumzucruisen? Ja, das klingt doch fair. Her mit dem Ticket».

Der Kassierer wird in diesem Moment noch erwähnen, dass die Pisten hervorragend präpariert seien und das halt seinen Preis habe. Wenn ich diesen netten Menschen zuhöre, vergesse ich auch immer wieder, dass ich Freerider bin und es am liebsten hätte, wenn überhaupt kein Pistenfahrzeug den Tiefschnee platt walzen würde. Präparierte Pisten sind für mich so ärgerlich wie gekieste Langlaufloipen. Wenn man sich vom Kassierer verabschiedet, hofft man, dass er eine Nahkampfausbildung hat und dass die Scheibe zum Schalter aus reinstem Panzerglas besteht. Man kriegt das komische Gefühl nicht los, dass er früher oder später mal einem Gast die Skihosen runterlassen muss, der das Ganze weniger sportlich nimmt. Ich wünsche viel Glück. Ehrlich.

2 Gedanken zu “Der Kassierer

  1. Ein Lesevergnügen, welches sich Nahtlos in die Reihe der früheren Blogs einreiht. Dem roten Faden folgend, nicht anstössig, nicht verletzend, nicht beleidigend. Einfach witzig, satirisch und dem angeprochenen Kern der Sache einen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben. Die Spezis „Kassierer“ werden darin für Ihre zu diesem Thema nicht einfachen Position sogar gelobt und ihrer Arbeit wird höchste Anerkennung gezollt. Also, wo liegt das Problem? Mag es sein dass die EP kein Rückgrat beweist und sich eher dem „dessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing“ verpflichtet fühlt? Wenn die Bergbahnen von ihrem neuen Preissystem überzeugt sind, und sich dieses auch in Zukunft bewährt, so können die Verantwortlichen locker über einem solchen Beitrag stehen. Wenn nicht, dann war dieser Text besonders wertvoll.

    Don Alberto

    Gefällt 1 Person

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