… And Justice for James

Text: Dominik Brülisauer

Das Mühsame an Nachbarn ist, dass man sie sich in den seltensten Fällen selbst aussuchen kann. Deshalb sind die Chancen, dass man sein Leben neben einem lethargischen Bücherwurm verbringen darf, der Freude an Hausmeisterarbeiten hat und außerdem noch so asozial unterwegs ist, dass er keine Leute zu sich nach Hause einlädt, leider sehr gering. Viel eher wohnt man neben jemandem, der mitten in der Nacht in voller Lautstärke Bongo spielt, sich dabei mit mongolischen Kehlkopfgesängen begleitet und dazu in Skischuhen einen Stepptanz aufführt. Jedenfalls werfen meine Nachbarn mir das immer wieder mal vor. Bei diesen Gelegenheiten erklären sie mir auch noch gleich, dass sie es zwar verstehen, dass es sich nicht lohnt für dreißig Sekunden die Fenster zu schließen, sie es aber trotzdem begrüßen würden, wenn sie und ihre irritierten Kinder bei meinem nächsten Koitus nicht gleich in der ersten Reihe sitzen müssten. Außerdem soll ich doch bitte damit aufhören, den Kehrrichtsack mit meinen Fischabfällen den halben Monat lang im Treppenhaus aufzubewahren und die Reifenwechsel-Flyer, die unerwünscht bei mir im Briefkasten landen, nicht einfach in den nächstbesten stopfen soll. Wie du siehst, meine Nachbarn sind ziemlich nervig. Achtung, jetzt kommt eine geniale Überleitung: Auch im Nahen Osten gibt es einen Konflikt zwischen Israel und seinen Nachbarn. Der ist allerdings um einiges komplizierter und die Schuldigen sind nicht so klar zu bestimmen wie in meinem Fall.

Ich liege momentan in Lobitos, einem kleinen Fischerdorf in Peru, in einem Liegestuhl und genieße mein privilegiertes Leben. Der Morgen-Surf war super, später gibt es Ceviche in der Strandbar, am Abend einen Sunset-Surf und bestimmt ein paar Cervezas, um den Tag abzurunden. Mir ist vollkommen bewusst, dass andere Menschen weniger Glück haben als ich, der in der Schweiz lebt und von sämtlichen Freiheiten profitieren kann, die überhaupt denkbar sind. Das Glück der Geburt, sozusagen. Ich habe mir lange überlegt, ob ich mich zum Nahost-Konflikt äußern soll. Das Thema ist vermint, der Shitstorm lauert nach jedem Satz, die Emotionen sind aufgeheizter als ein Zelt am Sonntagmorgen am Openair-Festival, wenn man verkatert und vollkommen zerstört in seinem verschwitzten Schlafsack liegt und man genau weiß, dass man sich in den nächsten zwei Stunden noch nicht aufraffen wird, den Reißverschluss zu öffnen und sämtlichen bösen Geister, die man in den letzten Stunden rausgefurzt hat, mit frischer Luft zu bekämpfen. Dabei muss ich vorwegnehmen, dass mich die Situation im Gazastreifen und im Westjordanland nicht kalt lässt. Auch ich weine beim Anblick von toten Kindern, die von ihren fassungslosen Eltern durch die Trümmerlandschaften Gazas getragen werden. Aber ich habe auch nach dem barbarischen Anschlag der Hamas vom 7. September 2023 geheult. Vor allem auch angesichts der Bilder von euphorisch feiernden Muslimen in den Straßen europäischer Städte wie Berlin, London oder Stockholm, die ihre Freude über die Bodycam-Aufnahmen der Hamas, in denen Babys an die Wand geworfen, Frauen vergewaltigt, Kinder erschossen und Männer geköpft werden, freien Lauf ließen. Was sich in diesem Heiligen Land immer wieder abspielt, ist eine gottlose Tragödie.

In den sozialen Medien wird gerade mal wieder eine Sau durch das Dorf getrieben. Die Sau ist eine Rampensau namens James Hetfield, Frontmann der legendären Band Metallica. Er ist der Grund, warum ich mich jetzt doch noch zu dieser ganzen Katastrophe äußern möchte. Ich bin Metallica-Fan. Mit der soften Einstiegsdroge «Nothing Else Matters» bin ich Anfang der 90er Jahre nach der Band süchtig geworden, bereits zwei Tage später auf harten Stoff wie «The Four Horsemen» aufgestiegen und bislang nicht mehr davon losgekommen. Namentlich ihre ersten fünf Alben sind Meilensteine, nicht nur des Metal, sondern der Musikgeschichte. Präzision, Aggression, Sensation, alles dabei. Mit ihrem Songwriting, ihrer Virtuosität und ihrer Geilheit haben Metallica das Genre nachhaltiger geprägt als Elon Musk unseren Nachthimmel. Sie haben mehr Leute zum Musikmachen inspiriert als The Lion King Amerikaner zu einer Safari in Brasilien. Sie haben mit ihrem AWMH-Projekt weltweit mehr Geld für bedürftige Menschen gesammelt als Jessica Alves für missglückte plastische Chirurgie ausgibt. Bei mir vergeht kaum ein Tag, an dem ich mir nicht einen Banger wie «And Justice For All» reinknalle und sieben Minuten später besser drauf bin als zuvor. Ihre Musik ist magisch, therapeutisch, kathartisch, eine absolute Bereicherung für den Planeten. Da mir die Band so viel gegeben hat, fühle ich mich gerade verpflichtet, ihnen etwas zurückzugeben. Mehr als nur die tausenden von Franken, die ich ihnen bereits für Alben, T-Shirts, Tickets, Poster und Merchandise-Artikel wie Metallica-Bettwäsche, Metallica-Duschvorhang oder Metallica-Früchtekorb bereits bezahlt habe. Und ja, eines Tages werde ich mir auch ein künstliches Hüftgelenk aus dem Metallica-Shop reinmachen lassen.

Was ist passiert? James Hetfield hat während einem Konzert in Las Vegas eine Ansage gemacht. Die lautete sinngemäß, dass man an einem Metallica-Konzert darauf verzichte, politische Äußerungen zu machen. Die Band sei nicht politisch, Leute sollen an ihren Konzerten Spaß haben, drei Stunden feiern und den ganzen Real-Life-Bullshit draußen lassen. Das war eine Anspielung auf Musiker wie Macklemore, die ihre Bühne und Popularität gerne nutzen, um ihren Fans zu erklären, wie die Welt funktioniert, wer die Guten und wer die Bösen sind. Ich verstehe beide Positionen. Als Fan von Rage Against The Machine und Bruce Springsteen mag ich auch Musiker, die Kante zeigen, ihre Stimme erheben, sich am politischen Diskurs beteiligen. Auch relevante Vertreter aus Rap und Punk, namentlich aus den Anfangszeiten dieser Genres, liefern mehr als nur Sound, sondern auch Inhalt, Gesellschaftskritik, beteiligen sich an Debatten und stoßen sie auch an. Die freie Rede und Meinungsäußerung gehören zu den Grundpfeilern jeder Demokratie. Musiker sind auch Bürger, warum sollten sie sich also nicht äußern? Nun, ein Argument wäre, dass ich von Leuten, die sich von morgens bis abends mit Hustensaft oder Jack Daniels zuballern und in fetten Villen weit abseits des richtigen Lebens wohnen, nicht unbedingt besonders scharfsinnige Analysen zum aktuellen Weltgeschehen erwarte, aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht sind Roger Waters, Kid Rock oder Kanye West gerade drei Beispiele von Leuten, bei denen ich es mir wirklich wünschen würde, sie würden sich auf ihre Musik konzentrieren, und die Verschwörungstheorien gelangweilten YouTube-Kanal-Betreibern mit Geltungsdrang überlassen. Aber eben. Das Leben ist kein Wunschkonzert.

Heavy Metal war bis auf ein paar Ausnahmen nie politisch. Klar, Krieg ist immer wieder mal ein Thema in den Songs. Bands wie Iron Maiden, Motörhead oder Bolt Thrower können mehr als nur ein Liedchen davon singen. Aber der Krieg wird auf einer abstrakten Ebene abgehandelt. Hauptsächlich, weil man mit harter Musik sinnvollerweise über menschliche Abgründe und Grausamkeiten singt, anstatt über leichte Themen wie Strandspaziergänge mit dem Afghanischen Windhund, Cadillac-Ausfahrten zur Rollschuh-Disco oder gegenseitiges Haare-Flechten an Pyjama-Partys mit den Besties. Es wäre einfach ein Oxymoron, wenn man mit dröhnendem Schlagzeug, ohrenmassakrierenden Gitarren und kreischender Stimme einen Besuch in der Confiserie besingt, bei dem man mit seiner Großmutter ein Stück Schwarzwälder-Torte und einen Cappuccino genießt. Weil Metal-Musik nicht politisch ist, bietet sie vielen Menschen eine Heimat. Namentlich ein Metallica-Konzert ist jedes Mal ein Get-Together unterschiedlichster Leute, Generationen, Kulturen, Geschlechtern, Weltanschauungen, Nationen und ja, vielleicht auch von Religionen. Wenn jemals eine Band den Friedensnobelpreis verdient hätte, dann Metallica. Dass man der Band nun ihre unpolitische Haltung vorwirft, ist eine absolute Frechheit. Gut, James Hetfield hätte vielleicht ganz einfach auf den Seitenhieb auf die Künstler, die das anders sehen und ihre Konzerte als Politveranstaltungen verstehen, verzichten können, aber das kann ja mal passieren.

Ich plädiere dafür, dass Metallica ihrer Linie treu bleibt und Politik vor dem Stadion lässt. Warum? Weil ich tatsächlich Tickets für die Live-Musik kaufe. Politik verfolge ich mit Podcasts, Büchern, Talkshows und Zeitungen. Und jedes politische Thema ist im Normalfall komplizierter als einfach eine Parole zwischen zwei Songs. Momentan fordert der Social-Media-Pöbel, dass man Stellung zum Nah-Ost-Konflikt bezieht. Man kann während dem Konzert die Palästina-Flagge hissen, Free-Palestine brüllen, Israel verfluchen. Am besten gleich alles zusammen. Was aber, wenn man diesen komplexen Konflikt differenziert betrachtet? Sollte Metallica dann während ihren Konzerten mit einer Powerpoint-Präsentation die Situation so beschreiben, dass man sich eine Meinung bilden kann? Oder sollen sie ihre Fans belehren, was ihrer Meinung nach die Wahrheit ist, und sie dann einen Aufsatz schreiben lassen? Wow, das stelle ich mir wirklich als einen äußerst gelungenen Partyabend vor. Oder soll die Band einfach eine Diskussion unter den Fans anregen? Soll sich das Publikum in zwei Hälften teilen? Auf der einen Seite diejenigen, die Israel verteidigen, auf der anderen Seite die Pro-Palästina-Fraktion? Im Takt zu Lars Ulrichs Doublebass brüllen sie sich ihre Argumente entgegen. Die einen argumentieren, dass die Juden zuerst auf diesem Gebiet gewohnt haben, dann aber vertrieben und in der ganzen Welt verteilt wurden, sie namentlich in Europa über Jahrhunderte erneut verfolgt und als tragischer Tiefpunkt im Zweiten Weltkrieg sechs Millionen von ihnen systematisch umgebracht wurden, sie mehr als jedes andere Volk des Planeten einen eigenen Staat brauchen, in dem sie sicher sein können, dass es rund 20 arabische und rund 50 muslimische Länder gibt aber nur ein jüdisches, dass die Palästinenser bei ihren letzten Parlamentswahlen 2006 die Hamas an die Macht gepusht haben, eine Terrororganisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, möglichst viele Juden umzubringen, dass sich Israel nach dem Attentat vom 7. Oktober 2023, bei dem die Hamas 1200 Menschen abschlachtete und 251 Geiseln verschleppte, sich gezwungen sah, im Gazastreifen einzufahren, um die Terroristen zu bekämpfen, die blöderweise ihre Waffenlager und Zentralen mitten unter der Zivilbevölkerung in Krankenhäusern und Kindergärten versteckt hatten und darauf hofften, dass Israel möglichst viel Kollateralschaden anrichtet, damit die Weltöffentlichkeit sich gegen Israel wendet.

Auf der anderen Seite argumentiert die palästinenserfreundliche Seite, dass die Europäer nach dem Ersten Weltkrieg ziemlich willkürliche Grenzen gezogen hätten und nach dem zweiten Weltkrieg den Zionisten das Land überlassen haben, dass seither der kleine Satan Israel zusammen mit dem großen Satan USA die Palästinenser aus dem Gaza-Streifen und aus dem Westjordanland vertreiben wollen, ihre Siedlungspolitik illegal sei, dass Netanyahu vor dem Angriff der Hamas von diversen Geheimdiensten gewarnt worden sei, er das Massaker aber zuließ, um nachher freie Hand zu haben, dass die Israelische Armee in den letzten drei Jahren den Gaza-Streifen in einen einzigen Ground Zero verwandelt hat, dabei über 70‘000 Palästinenser ihr Leben verloren haben und man hier durchaus von einem Genozid sprechen kann, ob das nun juristisch wasserdicht ist oder nicht, dass es unzählige Aussagen von israelischen Soldaten gibt, die zugaben, dass ihnen von oben mitgeteilt wurde, auf alles zu schießen, was sich bewegt, dass die Bevölkerung ausgehungert und schikaniert wird, dass Israel mit seinem demokratischen System, seiner Wissenschaftsliebe, seiner Comedy-Szene, seinen Frauenrechten und seinen dekadenten Festivals ohnehin weniger in diese Gegend passe als Jonah Hill in seine Badehose, außerdem fühlen sie sich die Juden als das von Gott auserlesene Volk, obwohl doch alle wissen, dass das die Muslime sind. Dazwischen wird selbstverständlich noch über die Rolle der Römer, den Expansions- und Eroberungsdrang des Islam, den Felsendom, die Rolle Jerusalems, die Klagemauer, die Al-Aqsa-Moschee, die Kreuzzüge, das Osmanische Reich, Theodor Herzl, die Balfour-Deklaration, den Völkerbund, die UNO, David Ben Gurion, den Ersten Arabisch-Israelischen Krieg von 1948, die Nakba, die PLO, den Sechstagekrieg, den Jom-Kippur-Krieg, das Camp-David-Abkommen, die Hisbollah im Libanon, die beiden Intifadas, das Oslo-Abkommen, die Ermordung von Jitzchack Rabin oder die Abraham-Abkommen diskutiert. Falls ich auch noch an diesem Konzert sein sollte, würde ich noch anfügen, dass bereits vor 1,4 Millionen Jahren der Homo erectus die ersten Spuren in der Region rund um das heutige Israel hinterlassen hat. Vor 250 000 Jahren folgten ihm die Neandertaler und erst viel später die ersten Homo sapiens. Israelis und Palästinenser sollten froh sein, dass bisher noch kein Homo erectus aus einer Höhle gestolpert kam, ebenfalls Anspruch auf das Gebiet erhebt und man plötzlich von einer Dreistaaten-Lösung sprechen muss. Immerhin lebte er noch vor den Israelis da und wesentlich länger als die Palästinenser.

Wenn beim Metallica-Konzert zwei Stunden später beide Seiten gegenseitig ihre Meinungen fertig ausgetauscht haben, setzten auf der Bühne endlich die Gitarren ein, die beiden Fan-Hälften rasen aufeinander zu und geben sich in der Wall-Of-Death den Rest. So würde ich sagen, wäre das Thema an dem Konzert mit der nötigen Seriosität besprochen worden. Einfach nur «Free Palestine» brüllen oder mit dem Slogan «From the River to the Sea» Israel das Existenzrecht aberkennen, ohne darüber ernsthaft zu reden, was das genau bedeuten soll, ist offensichtlich ein wenig billig. Aber selbstverständlich könnte James Hetfield Floskeln wie «Save the Children» oder «Peace for Everybody» fordern, aber wer sollte da schon dagegen sein? Deshalb kann man es auch sein lassen. Oder was sollte man an einem Rockkonzert sonst noch thematisieren? Fiskalpolitik? Die nächsten Ständeratswahlen? Die Nato-Osterweiterung? Ob man im Nationalpark Steinmännchen bauen darf? Wie schwer Kuhglocken sein dürfen? Und dürfen rechtskonservative Musiker ebenfalls zum ganzen Weltgeschehen ihren Senf dazugeben? Muss Gölä zwischen seinen Songs erklären, dass die Europäische Union Teufelswerk ist, jeder Sozialhilfeempfänger ein Schmarotzer und das Frauenstimmrecht ein Unfall der Geschichte? Lieber nicht, oder? Ich kann jedenfalls gut damit leben, wenn Konzerte politikfreie Zonen bleiben. Im Gegenzug möchte ich auch nicht, dass in der nächsten Polit-Sendung die Gäste bei Sandra Maischberger oder Sandro Brotz zwischen ihren politischen Statements genötigt werden, ihre Lieblingssongs zu singen. Obwohl die Vorstellung, wie während der Arena Thomas Aeschi die Nationalhymne, Balthasar Glättli «The Earth Song» oder Jaqueline Badran ein Trinklied singen, schon ziemlich lustig ist. Und hier noch meine Lösung für den Nah-Ost-Konflikt. Indonesien sollte ein paar Flaschen Arak liefern, die man den beiden Streithähnen ins Trinkwasser mischt. Spätestens am nächsten Tag sind sämtliche Erinnerungen an die letzten Jahrhunderte gelöscht und die beiden können bei null anfangen. Ich musste jedenfalls nach meinem letzten Arak-Abend auf Bali meine Muttersprache neu lernen. Halleluja.

Falls du wisen möchtest, wer ausser Metallica sonst noch zu meinen Jugendhelden gehört, empfehle ich dir meine Hommagensammlung: Das Buch der Helden

Und falls du eher auf einen abgefahrenen Thriller stehst, ist mein neuestes Buch genau dein Ding: Poesie des Bösen

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