Das Arschloch

«Liebe Zugreisende, nächste Station: Morteratsch.» Diese Information wird von einer sympathischen Frauenstimme über den Lautsprecher zuerst auf Deutsch, dann auf Rätoromanisch und auf Englisch mit den Reisenden geteilt. Endlich. Lars und Ellie lächeln sich an. Ellie trinkt den letzten Schluck Rivella blau, drückt die Flasche platt, schraubt den Deckel zu und entsorgt sie im Abfalleimer unter der Ablagefläche. Wenn sie jetzt noch Zeit hätten, würde Lars Ellie verraten, dass PET für Polyethylenterephthalat steht. Nicht, weil sie sich dafür interessieren würde, sondern weil er sich diesen Namen und die Aussprache Poly-ethylen-tere-phthalat vor ein paar Wochen mal zum Spaß eingeprägt und seither darauf gewartet hat, mit diesem Wissen irgendwo angeben zu können. Und das wäre gerade eine gute Gelegenheit, schließlich gibt es keinen anderen Menschen auf dieser Welt, den er so gern beeindrucken will wie Ellie.

Lars ist froh darüber, dass Ellie Rivella schmeckt. Je mehr Schweiz ihr gefällt, desto besser für ihn. Und im Moment zeigt sich das Land glücklicherweise von seiner schönsten Seite. Die Viadukte, Galerien und Kehrtunnels auf der Albula-Strecke der Rhätischen Bahn haben Ellie die Sprache verschlagen – genau so, wie er es sich erhofft hatte. Er weiß zwar nicht warum, aber er ist doch davon überzeugt, dass dieses über hundert Jahre alte UNESCO-Kulturerbe zwischen Thusis und St. Moritz auch ihn in einem guten Licht erscheinen lässt. Schließlich haben seine Vorfahren dieses Bauwerk erschaffen und er ist der Träger ihrer Gene. Menschen, die eine Bahnlinie in so eine zerklüftete Berglandschaft setzen können, die finden auch sonst im Leben die Ideallinie und wissen, wie man Hindernisse überwindet und wie man für die Ewigkeit baut.

Seit der Zug vor etwa zwanzig Minuten aus dem Albula-Tunnel ins Engadin und somit in seine alte Heimat gerattert ist, drückt Ellie ihre Nase regelrecht am Panoramafenster platt. Dieses Verhalten ist typisch, wenn man dieses Hochtal zum ersten Mal zu sehen bekommt. Welcome to Paradise!

Bis jetzt läuft alles nach Plan. Mit einem Taschentuch reinigt Lars die Klinge seines Taschenmessers vom Salamifett und packt den restlichen Käse und das Knäckebrot zurück in die Tupperdose. Sie scheinen die einzigen zwei Passagiere zu sein, die hier in Morteratsch den Wagen verlassen wollen. Die drei Jugendlichen auf den Plätzen hinter ihnen bleiben sitzen und diskutieren auf Italienisch über ein Kopfballtor von Cristiano Ronaldo gegen Liverpool, die greise Frau rechts starrt weiterhin wie versteinert aus dem Fenster und macht dabei den Eindruck, als hätte sie schon seit der Zeit der Bündner Wirren nichts mehr aus der Ruhe bringen können. Während der Zug an Fahrt verliert, stehen Lars und Ellie auf, greifen nach ihren Rucksäcken, an denen Eispickel und Steigeisen fixiert sind, drängen sich zwischen den Sitzen zur Tür und steigen aus.

Die Luft ist hier oben wesentlich kühler als noch in Chur. Der Zugbegleiter verabschiedet sich von ihnen, bläst in seine Pfeife und steigt in den hintersten Wagen. Der rote RhB-Zug fährt weiter Richtung Berninapass, Puschlav und Tirano. Die Bahnhofsuhr zeigt 16.13 Uhr. Lars beobachtet Ellie und wartet auf ihre Reaktion. «Die Berge sind so high! Wow, einfach nur wow!», staunt sie in ihrem gebrochenen Deutsch mit starkem englischen Akzent. Ihr Lächeln bringt ihn zum Lächeln. Er hofft so sehr, dass ihr jede Minute im Engadin gefallen wird. Über den Spitzen der vom Herbst gelb gefärbten Lärchen thronen majestätische Schneeberge. «Siehst du den Berg da? Das ist der Piz Bernina mit dem berühmten Biancograt. Er ist der König der Bündner Berge, über viertausend Meter hoch!» Sie zeigt sich «deeply impressed».

Lars hilft Ellie, ihren Rucksack korrekt auf dem Rücken zu befestigen, zieht ein paar Bändel nach und kontrolliert, ob alles straff und auf ihren zierlichen Körper angepasst festsitzt. Sie grinst und genießt es sichtlich, dass er sich so gut um sie kümmert. Aber das muss er ja auch. Das hier ist sein Revier. Sie ist in London aufgewachsen. Bevor sie Lars vor drei Jahren an einem unverdächtigen Dienstagabend in einem Pub getroffen und nach drei Dates lieben gelernt hatte, kannte sie die Schweiz nur vom Hörensagen, wegen Roger Federer und von James-Bond-Filmen. Und als er ihr erklärte, dass die Engländer quasi den Wintertourismus in seinem Heimattal begründet hatten, wusste sie, dass sie mal hierherkommen musste. Drei Jahre lang kam ständig etwas dazwischen. Zuerst ließ ihr Studentenbudget keine Reise zu, an Weihnachten vor zwei Jahren hatte sie Corona, danach bekam sie keinen Urlaub und das ganze letzte halbe Jahr war Lars mit seinem Start-up in der Informatikbranche ausgelastet. Klar hätte er seinen Laptop mitnehmen und hier in der Schweiz arbeiten können. Aber eben, er will Ellie die ganze Portion Engadin gönnen, ohne Kompromisse, ohne Wenn und Aber. Schließlich gibt es nur eine Gelegenheit, einen guten ersten Eindruck zu machen – das gilt auch für Hochtäler.

Aber jetzt hat es endlich geklappt. Nach drei Tagen bei seinen Eltern, die mittlerweile in Chur leben, will Lars ihr den Ort zeigen, an dem er aufgewachsen und sozialisiert worden ist und zu jedem Baum und zu jedem Steinbock eine Geschichte erzählen kann. Als Erstes wird Lars Ellie heute einen Traum erfüllen und ihr einen Gletscher zeigen. Dann werden sie zur Bovalhütte aufsteigen, von der man einen unbeschreiblichen Blick auf das ganze Berninamassiv hat. Nach einer romantischen Nacht in der Hütte werden sie morgen früh aufstehen und den Piz Tschierva besteigen. Auf dem Gipfel wird ihr Lars in der Morgensonne ein Fondue zubereiten, einen Kräuterschnaps servieren, auf seinem Smartphone ihr gemeinsames Lieblingslied Space Oddity von David Bowie abspielen und ihr einen Heiratsantrag machen. Den Song hat Lars vorsichtshalber bereits runtergeladen, schließlich geht er nicht davon aus, dass er da oben Empfang haben wird oder dass die Bergsteigerschule Pontresina auf dem Piz Tschierva einen WLAN-Hotspot eingerichtet hat.

Den Ring hat er vom wahrscheinlich besten Goldschmied in ganz London anfertigen und auf der Innenseite ihre beiden Namen eingravieren lassen. Ja, er hat jeden Schritt akribisch geplant. Und so wie es aussieht, wird das Wetter morgen mitspielen. Trotzdem ist Lars nervös. Er träumt schon seit seiner Kindheit davon, jung zu heiraten, eine Familie zu gründen und vielleicht bereits mit 50 Großvater zu sein. Er könnte seine Enkel von der Schule abholen und mit ihnen Gleitschirm fliegen oder Skifahren gehen. Er stellt es sich unglaublich cool vor, mit gleichaltrigen Männern vor der Schule auf die Kinder zu warten. Im Gegensatz zu ihnen würde er nicht versehentlich für einen Großvater gehalten werden, sondern er wäre tatsächlich einer. Er findet, es gibt nichts Sympathischeres als einen jungen Mann, der bereit ist, Nägel mit Köpfen respektive Kinder zu machen und seine Partnerin zu heiraten. Doch diese Männer sind seltener geworden als wild lebende Axolotl, die auf Einhörnern reiten und unter Synästhesie leiden. Alle werden ihm gratulieren, seine Eltern werden stolz auf ihn sein und er wird sich richtig gut fühlen. Ein Held der Gesellschaft.

Das Einzige, was ihm im Moment Sorgen bereitet, ist die Ungewissheit, ob Ellie morgen seine Frage mit Ja beantworten wird. Wie soll er reagieren, wenn sie Nein sagt? Oder sie es sich noch überlegen muss? Oder ihn sogar auslacht? Oder ihm mitteilt, dass das jetzt gerade ein wenig ungünstig sei, aber sie ihm schon lange habe sagen wollen, dass sie zu ihrem Ex-Freund William zurückkehren werde und sie nur aus dem Grund noch mit ihm in die Schweiz gereist sei, weil sie unbedingt diesen Gletscher habe sehen wollen. Ihr wird auffallen, dass Lars wegen ihrer Antwort innerlich stirbt, und ihm erklären, dass er, wenn er Hochzeiten schon so toll finde, doch zu ihrer Trauung mit William kommen solle. Ja, sie lade ihn jetzt schon offiziell ein und er dürfe gern noch jemanden mitnehmen, sie werde bestimmt nicht eifersüchtig sein. Lars beißt sich auf die Zunge, um diese negativen Gedanken zu vertreiben. Es wird schon alles gut werden. Hier im Engadin wird er sämtliche Heimvorteile ausspielen.

Sie marschieren los – hinter ihnen der Bahnhof Morteratsch, links von ihnen der Bergbach, der das Schmelzwasser des Morteratschgletschers abführt, vor ihnen der Aufstieg zur Hütte und, wenn alles gut geht, eine glückliche Zukunft. Ellie ist von allem begeistert. Sie streichelt über die Rinde der Föhren und Lärchen, rettet Raupen vom Wanderweg und setzt sie auf warmen Steinen ab, riecht an Blumen und fotografiert alle fünfzig Meter die imposante Landschaft. Lars hat damit gerechnet, dass der Aufstieg heute ein wenig länger dauern wird. So gut kennt er Ellie. Sie bringt seinen Zeitplan nicht durcheinander. Sie wandern durch den Wald immer weiter in die Höhe. Als der Blick auf den Gletscher endlich frei wird, gibt es für Ellie kein Halten mehr. Sie weint und lacht gleichzeitig und ist sichtlich beeindruckt von diesem majestätischen Anblick. Minutenlang starrt sie auf das ewige Eis, das doch nicht so ewig ist, folgt mit ihrer Kamera dem Lauf des Gletschers von den gigantischen Schneebergen bis hinunter ins Tal und wieder zurück. «It’s fucking amazing, fucking amazing!», kann sie nicht oft genug wiederholen und Lars kann es aus ihrem Mund nicht oft genug hören.

Gut gelaunt setzen sie ihren Aufstieg fort. Der Wanderweg führt über Geröllhalden und Wiesen und schlussendlich auf die linke Moräne des Gletschers. Lars weist Ellie an, hier auf ihren Tritt zu achten, aber das hat sie selbst schon begriffen, schließlich fällt die Moräne links und rechts des schmalen Weges geschätzte achtzig Meter steil in die Tiefe. Ellie meint, dass es doch fantastisch sein müsse, auf diesem Eis zu stehen, das noch aus der letzten Eiszeit stamme und auf dem vor ihr bestimmt Mammuts gewandert seien. Er kann sie nur mit Mühe davon überzeugen, dass sie nicht die brüchige Moränenwand zum Gletscher hinuntersteigt, nur um ein paar Selfies zu schießen und auf Instagram ein paar digitale Herzchen ihrer Freunde aus London zu ernten. Der Zufall kommt Lars zu Hilfe. Ein paar Meter unter ihnen löst sich ein Stein, donnert die Moräne hinunter und knallt mit lautem Getöse auf das bläuliche Eis. Besser hätte er ihr die Sache nicht erklären können. Ellie nickt ihm zu, sie hat verstanden und wird den Wanderweg nicht verlassen. Aber sie scheint es trotzdem kaum fassen zu können. Sie hat schließlich noch nie so nah an einem Gletscher gestanden – und jetzt darf sie ihn nicht besteigen. Sie kommt sich bestimmt vor wie ein Spielsüchtiger in Las Vegas, der in jedem Casino Hausverbot hat. Lars gibt ihr einen Kuss und sie wandern weiter.

Er hofft, dass ihre Enttäuschung schnell nachlässt. Wenn er will, dass sie morgen zu seinem Heiratsantrag tatsächlich Ja sagt, darf er keine Fehler mehr machen. Mit jedem Höhenmeter nimmt bei Lars die Gewissheit zu, dass alles gut werden wird. Das ist die Kraft dieser sagenhaften Bergkulisse. Die stillen Giganten rundherum lassen einen zwar klein aussehen, aber man fühlt sich trotzdem groß, voller Energie, einzigartig und lebendig. Sie erreichen die Bovalhütte, die mitten in einer Steinlandschaft hoch über dem Gletscher und unterhalb steiler Felswände liegt. Sie atmen erleichtert durch, legen ihre Rucksäcke auf den Boden der Terrasse und nehmen an einem der massiven Holztischen Platz. Eine junge Frau lacht und meint, dass sie sich etwas zu trinken bestimmt verdient hätten, und nimmt gleich die Bestellung auf: zwei Engadiner Bier.

Die Sonne verschwindet hinter den Bergen und taucht die verschneiten Gipfel in leuchtend oranges Licht. Ein japanisches Pärchen sucht in der kühlen Abendluft mit einem Feldstecher die Felswände nach Steinböcken und Gämsen ab, eine Gruppe junger Bergsteiger sitzt laut diskutierend an einem Tisch, trinkt Wein und isst von einer Käseplatte. «Do you like it?», will Lars von Ellie wissen, obwohl er die Antwort bereits kennt. «I love it! I love all of it! Thanks for bringing me up here, Sweetie! Thank you so much!»

Nach ihrem kleinen Aperitif melden sie sich an der Rezeption. Ein blonder Mittfünfziger mit Bartstoppeln, ehrlichen bergseeblauen Augen, sonnengebräuntem Gesicht und dickem Wollpullover, der sich als Hüttenwart Röbi vorstellt und so aussieht, als hätte er schon alles erlebt, was man auf diesem Planeten überhaupt erleben kann, teilt Lars im breitesten Bündnerdeutsch mit, dass das mit dem Doppelzimmer leider nicht klappe, wie er am Telefon bereits angedeutet habe, sondern sie jetzt doch im 16er-Gruppenzimmer übernachten müssten. Da die Hütte aber nicht völlig ausgebucht sei, bestehe die Chance, dass sie nebeneinanderliegen könnten. Am besten sei es, sie würden ihre Seidenschlafsäcke bereits jetzt auf die Wolldecken legen und so ihre Betten reservieren. In Röbis Worten: «So wie die Schwaben in Mallorca ihre Badetücher auf die Liegestühle am Pool legen, bevor sie das Frühstücksbüffet stürmen!» Röbi grinst und zeigt seine weißen Zähne.

Verdammt! Das ist ein kleiner Dämpfer für Lars. Ellie scheint das aber nichts auszumachen. «That’s Part of the Experience, oder?», lächelt sie ihn an und küsst ihn auf den Mund. Allerdings ist er sich nicht sicher, ob er nicht erneut ein wenig Enttäuschung in ihrem Blick ausgemacht hat. Sie steigen die knirschende, enge Treppe in den ersten Stock, öffnen die Tür zu ihrem Zimmer und werden von einem älteren Mann begrüsst, der gerade im Begriff ist, in seine lange Unterhose zu schlüpfen. Es gibt acht Matratzen auf der linken und acht auf der rechten Seite, fünf davon sind offensichtlich besetzt. Es liegen Rucksäcke in den Ablagen, Kleider hängen an den Haken und es riecht so, wie es halt riecht, wenn sich Bergsteiger zusammen auf 2500 Meter über Meer ein Zimmer teilen. Ellie und Lars reservieren sich zwei Matratzen auf der linken Seite in der Mitte, ziehen sich bequeme Kleider und ihre Hausschuhe an, machen sich kurz frisch und begeben sich dann in den bereits gut besetzten Speisesaal.

Zwei junge Frauen servieren den rund zwanzig Gästen Suppe oder Salat zur Vorspeise und Rösti mit Spiegelei als Hauptgang. In der Küche hört man Röbi Witze reißen. Lars stellt sich erneut vor, was der Hüttenwart wohl schon alles erlebt hat. Er wirkt wie jemand, der sich sein eigenes Haus baut, ein Känguru im Faustkampf besiegt, allein um die Welt segelt und irgendwo in der Südsee einer Horde Piraten ihren Schatz abknöpft. In gewissen asiatischen Ländern würden ihm Leute bestimmt Geld für seine dreckige Unterhose bezahlen, weil sie denken, dass sie damit Erektionsschwächen heilen können. Und verdammt, sogar Lars glaubt, dass das funktionieren könnte. Dieser Röbi ist so ziemlich das Gegenteil von ihm selbst. Lars ist ein Computerfreak, der Drachen in Online-Games köpft, während dieser Röbi bestimmt noch keine Sekunde seines Lebens im Internet verbracht hat.

Lars hofft, dass Ellie nicht noch Gefallen an ihm findet. Schließlich verkörpert er alle Back-to-Nature-Weisheiten, die sie sich mit ihren Freundinnen die ganze Zeit hin- und herschickt. Gäbe es tatsächlich mal einen globalen Blackout und sämtliche Zivilisationen würden kollabieren, würde sie sich bestimmt an einen wie diesen Röbi halten wollen. An einen, der mit seinen Pranken Forellen aus dem Wasser fischen, mit seinem Blick Holz zum Brennen bringen und sich an den Sternen orientieren kann. Aber wer weiß, vielleicht orientieren sich die Sterne sogar an ihm. Lars stellt sich vor, wie ein Stern zum Polarstern sagt: «Guck, da ist Hüttenwart Röbi, das ist die richtige Richtung!» Gut, Lars ist auch ein Outdoor-Typ, immerhin hat er früher Kletterkurse besucht und ein paar Berge bestiegen. Aber Röbi, der sprengt alle Kategorien. Neben diesem Röbi wirkt sogar Reinhold Messner wie ein phlegmatischer Stubenhocker.

Aus der Küche hört man, wie Röbi einen Witz über zwei schwule Steinböcke aus der Gegend erzählt. Der ganze Speisesaal bebt vor Lachen. Lars ist sich nicht sicher, ob er in Ellies Gesicht gerade die Spur eines Lächelns entdeckt. Soll er es gut finden, dass sie sich amüsiert? Oder soll er sich Sorgen machen, dass sie morgen seinen Heiratsantrag ablehnen und ihm mitteilen wird, dass sie sich einen wie Röbi suchen wolle, um mit ihm in einem selbst gebauten Zeppelin um die Welt zu fliegen? Er muss seine Gedanken endlich in den Griff bekommen.

Ellie scheint das einfache Essen zu mögen. Sie meint lächelnd, dass es doch schräg wäre, wenn man hier oben Sushi aufgetischt bekäme. Sie ist pragmatisch und sie würde auch in ihrer Ehe nicht mehr verlangen, als gerade adäquat ist. Und vielleicht hat sie den dämlichen Steinbock-Witz auch gar nicht verstanden.

Nach dem Caramel-Nachtisch entschuldigen sie sich bei den drei angetrunkenen Typen am Nebentisch dafür, dass sie nicht mit ihnen jassen können, weil sie morgen früh raus müssen, und verabschieden sich ins Zimmer. Sie haben Glück, sie sind die Ersten. Die Chancen stehen gut, dass sie bereits tief und fest schlafen, bevor sich die ersten Mitbewohner ins Zimmer schleichen und zu schnarchen anfangen. Sie legen sich ihre Sachen für den Tag bereit, sodass sie am nächsten Morgen ohne großen Lärm verschwinden können. Unauffällig legt Lars die Schachtel mit dem Verlobungsring in die äußerste Tasche seines Rucksacks. Dann stellt er den Wecker für 5 Uhr. Nach dem kräftigen Frühstück werden sie losziehen und wahrscheinlich gegen 10 Uhr den Gipfel erreichen. Sie putzen sich mit eiskaltem Wasser die Zähne, legen sich auf die dünnen Matratzen, kuscheln sich unter die Wolldecken und flüstern sich noch ein paar Nettigkeiten zu.

Zwanzig Minuten später schleicht der ältere Herr mit der langen Unterhose mit einer Stirnlampe ins Zimmer und schlüpft beinahe geräuschlos in seinen Schlafsack. Ein paar weitere Gäste folgen, auch sie sind sehr leise und schlafen gleich ein. Ellie bekommt das nicht mal mit. Sehr gut. Je ausgeschlafener sie morgen sein wird, desto besser für Lars. Dass er selbst heute noch zum Schlafen kommen wird, das kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Er ist so nervös und aufgedreht, als hätte er gerade zwölf mit Kokain gezuckerte Espressos getrunken. In seinem Necessaire hat Lars zwar ein Fläschchen vom hochpotenten Schlafmittel Dorminotte-2000, aber das ist nur für absolute Notfälle bestimmt. Man behauptet, dass man pro Tröpfchen einen Tag tief und fest durchschläft. Das Risiko, morgen den Wecker nicht zu hören, möchte Lars nicht eingehen.

Am liebsten würde Lars Ellie bereits jetzt auf seine Schultern packen, auf den Gipfel spurten und ihr oben lauthals seine Liebeserklärung und seinen Antrag vorsingen. Dann würde er mit ihr hemmungslos und leidenschaftlich Liebe machen und dabei sein Glück ins Tal jauchzen. Er streichelt sanft über ihr schlafendes Gesicht und hofft, dasssie gerade etwas Schönes träumt. Vielleicht von der Geburt ihres ersten Sohnes, ihren ersten Familienferien am Meer oder von einer zukünftigen Weihnachtsfeier, auf der ihre Kinder Flöte spielen und Ellie und Lars so tun werden, als würden ihnen die disharmonischen Klänge gefallen, und sich mit einem Eierlikör lächelnd verliebt zuprosten. Lars ist der Wächter ihres Schlafes und er gefällt sich in dieser Rolle. Er will sie für den Rest seines Lebens spielen.

Eine halbe Stunde später wird die Tür geöffnet und jemand schaltet das Licht ein. Lars hält seine Augen geschlossen, erkennt aber an den Stimmen, dass es die drei Typen sind, die im Speisesaal am Tisch hinter ihnen gejasst und getrunken haben. «Pssst! Wir müssen ruhig sein!», sagt einer viel lauter als nötig. «Du bist ja der Einzige, der redet!», sagt der Zweite. «Du hast jetzt auch geredet!», sagt der Dritte. «Du jetzt auch!», antworten die ersten zwei wie aus einem Mund und bekommen einen Lachanfall. Sie löschen das Licht und stürzen wieder aus dem Zimmer, schließen die Tür und diskutieren im Gang weiter. Anscheinend möchten sie schon leise sein, wissen aber nicht so genau, wie sie das anstellen sollen. Ellies Atem verrät Lars, dass sie immer noch tief und fest schläft. Das beruhigt Lars aber nur kurzfristig.

Zwei Minuten später stolpern die Typen erneut ins Zimmer. Dieses Mal schalten sie das Licht nicht ein, sondern suchen sich mit den Lampen ihrer Smartphones ihren Weg durch die Dunkelheit. Sie haben also etwas gelernt. Nach einer kurzen Diskussion darüber, welcher Schlafsack wem gehört, und ein paar unterdrückten Lachanfällen legen sie sich tatsächlich hin und sind überraschend ruhig. Wer hätte das gedacht? Ellie scheint von dem nichts mitbekommen zu haben.

Zehn Minuten lang ist es totenstill. Zu Lars Freude schnarcht noch niemand. Aber dann beginnt einer der drei Typen zu husten. Zuerst leise in sein Kopfkissen, dann immer lauter. Er scheint sich nicht dagegen wehren zu können. Ellie stöhnt und dreht sich zur Seite. Sie ist bestimmt schon in ihrer REM-Phase. Wenn sie jetzt aus dem Tiefschlaf gerissen wird, dann wird sie morgen eine Laune haben wie eine menstruierende Godzilla. Adieu Eheglück, adieu Familie, adieu disharmonische Flötenklänge an Heiligabend. Lars denkt kurz darüber nach, ob Godzilla überhaupt weiblich ist, kann sich aber nicht festlegen. Wahrscheinlich schon.

Der Hustenanfall lässt leicht nach. Der Typ grübelt in seinen Sachen rum, findet das Gesuchte und schleicht aus dem Zimmer. Lars hofft, dass er ein hustenlinderndes Medikament schluckt und sich ein hochpotentes Schlafmittel wie Dorminotte-2000 einwirft, das ihn innerhalb von Minuten in eine versteinerte Mumie verwandelt, aber dem ist leider nicht so. Lars hört durch das leicht geöffnete Fenster jemanden vor die Hütte treten und ein Feuerzeug bedienen. Kurz darauf dringt Zigarettenrauch ins Zimmer. Das kann doch nicht wahr sein! Ein erneuter Hustenanfall bestätigt seinen Verdacht: Der Typ steht tatsächlich vor der Hütte und raucht und hustet und raucht und hustet. So ein Idiot!

Nach fünf Minuten geht die Tür quietschend wieder auf und der Typ kriecht zurück auf seine Matratze. Zwei Minuten später macht sich auch schon der nächste Hustenanfall bemerkbar. Kann es sein, dass sein Plan vom Glück gerade von so einem egoistischen Arschloch durchkreuzt wird? Nein! Das darf nicht sein! Lars hat Ellie nicht verdient, wenn er nicht jederzeit alles für sie tut. Er hat sie hier hinauf in die Berge gebracht, er ist für sie verantwortlich. Zu lange haben sie darauf gewartet, endlich hier sein zu dürfen.

Er könnte ihr ein Tröpfchen Dorminotte-2000 einflössen, aber dann würde er sie morgen bestimmt nicht pünktlich aus dem Bett kriegen. Verdammt. Wenn jetzt nicht alles stimmt, wann dann? Lars denkt an den Schmetterlingseffekt. Wenn schon ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tsunami in Japan auslösen kann, was wird dann die selbst verschuldete Husterei dieses Vollpfostens für Auswirkungen auf Lars Leben haben? Wenn Ellie jetzt nicht pennen kann, wird sie morgen beim Aufstieg unausgeschlafen und unkonzentriert sein, sich ihren linken Fuß verstauchen, schreien vor Schmerzen, konsterniert weinen und Lars anbrüllen, er solle gefälligst besser auf sie aufpassen. Sie wird am Boden sitzen und mit ihrem unverletzten Bein nach ihm treten. Da er ihr ausweichen wird, wird sie erst recht einen Wutanfall bekommen und damit beginnen, Steine nach ihm zu werfen. Außer Reichweite ihrer Wurfgeschosse wird Lars die Rega rufen. Der Helikopter der Schweizer Rettungsflugwacht wird eine halbe Stunde später Ellie bergen, sie wird sich Hals über Kopf in den Piloten verlieben und sie werden zusammen zu den Sternen davonfliegen und Lars mit seinem gebrochenen Herzen allein auf dem kalten Boden der Tatsachen zurücklassen.

Lars weiß, dass das ein sehr unrealistisches Szenario ist. Aber dass sie morgen schlecht drauf sein und ihm beibringen wird, dass sie nicht mit jemandem das Leben teilen wolle, der es nicht mal fertigbringe, eine Nacht vor seinem Antrag ein romantisches Zimmer zu organisieren, das scheint ihm durchaus plausibel zu sein. Auch die Tatsache, dass sie heute nicht auf den Gletscher klettern konnte, wird ihm alles andere als helfen. Sie wird ihm sagen, dass die Geschichte mit dem Gletscher symptomatisch für ihre ganze Ehe wäre. Er würde sie dank seiner Bemühungen immer knapp ans Ziel bringen – bis kurz vor die Schwangerschaft, bis kurz vor den Eigenheimkauf oder bis kurz vor die gemeinsame Weltreise. Aber auf den letzten Metern vor dem Glück würde er versagen. Das wird Ellie nicht genügen. Sie wird ihn mit seinem Ring und seinen Träumen auf dem Berg knien lassen, vielleicht weinend allein vom Piz Tschierva runterklettern, nach England zurückkehren und aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen. Ihr Ex-Freund William wird ihr bestimmt beim Packen helfen.

Der Typ hustet eine Minute lang durch die Dunkelheit, schleicht im Licht seines Smartphones erneut aus dem Zimmer und raucht eine weitere Zigarette vor der Hütte. Lars stellt sich vor, wie er ebenfalls aus dem Zimmer schleicht, dem Typen seinen Eispickel in den Kopf rammt und die Leiche in einer Gletscherspalte entsorgt. Würde er das hinbekommen, bevor in ungefähr vier Stunden sein Alarm losgeht? Der Typ wiegt vermutlich um die 65 Kilo. Vielleicht 70. Er müsste ihn etwa zwei oder drei Kilometer durch die Sternennacht den Berg hinunterrollen, über die Moräne schleifen, eine geeignete Spalte finden und ihn hineinwerfen. Und wer weiß? Vielleicht wird das Arschloch in ein paar Jahrhunderten als Ötzi vom Morteratsch berühmt werden und die Leute werden sich wundern, wie er wohl ums Leben gekommen ist. Wahrscheinlich wird niemand darauf kommen, dass er Nebendarsteller in einer wunderschönen Liebesgeschichte gewesen ist.

Jedenfalls müsste Lars nach dem Beseitigen der Leiche wieder zurück zur Hütte steigen, sich frisch machen und sich neben sie legen, fünf Minuten später den Wecker abwürgen, so tun, als ob er ausgeschlafen wäre, gute Stimmung verbreiten, auf den Piz Tschierva steigen, Fondue kochen, David Bowie abspielen, den Antrag machen und am Abend mit Ellie feuchtfröhlich ihren neuen Beziehungsstatus feiern. Mit anderen Worten: Es gäbe einiges zu tun.

Während Lars über seinen Plan nachdenkt, geht die Zimmertür wieder auf und der Typ ertastet sich seinen Weg zurück zu seinem Bett, klettert mehr oder weniger geschickt rein, versucht erneut, sein Husten zu unterdrücken, und beginnt, auf seinem Smartphone etwas zu lesen oder Bilder anzuschauen. Ellie wird unruhig und scheint kurz vor dem Aufwachen zu sein. In Lars steigt der blanke Hass auf und Adrenalin jagt durch seine Blutbahnen. Das Arschloch hat es nicht besser verdient. Ehe Lars noch länger darüber nachdenken kann, schlägt er seine Wolldecke zurück, schlüpft aus seinem Schlafsack, eilt durch das Zimmer zum schwach bläulich beleuchteten Gesicht des Idioten und wirft sich auf ihn. Der scheint vollkommen überrumpelt und fragt ganz perplex, was das solle, und bekommt als Antwort mit voller Wucht einen Kinnhaken reingedonnert. Er ist sofort bewusstlos.

Unglaublich, dass das so einfach funktioniert hat. Wahrscheinlich war der Typ noch zu betrunken, um sich zu wehren oder um Hilfe zu rufen. Lars horcht in die Dunkelheit. Es hat tatsächlich niemand etwas mitbekommen. Sein Schlag ist echt nicht schlecht gewesen für einen Computerfreak. Schade, hat Ellie das nicht mitbekommen. Wie lange wird es dauern, bis er wieder aufwacht? Fünf Minuten? Eine halbe Stunde? Er wird sich bestimmt noch daran erinnern, was eben passiert ist und hier im Zimmer einen Riesenradau veranstalten, ihn zur Rechenschaft ziehen und dabei Ellie wecken. Wie soll er ihr erklären, dass er einem Fremden einen Kinnhaken verpasst hat, nur weil er ein wenig gehustet hat. Lars denkt daran, dem Arschloch sein Kopfkissen auf das Gesicht zu drücken, bis er für immer Ruhe gibt. Aber das wäre zu offensichtlich Mord.

Ohne länger zu zögern, schleicht Lars zu seinem Rucksack, holt sich sein Fläschchen Dorminotte-2000 und gießt dem bewusstlosen Wichser ein paar Tröpfchen mehr als nötig in seinen Mund. Er glaubt nicht, dass der Typ jemals wieder aufwachen wird, und legt ihm das Fläschchen in seine Hand. Lars schleicht zurück in seinen Schlafsack. Ellie schläft tief und fest. Er streichelt sanft über ihr Gesicht. Morgen wird ein guter Tag. Ihrem Glück steht nichts mehr im Weg. Die Zeichen stehen gut. Er denkt darüber nach, ob King Kong und Godzilla heiraten können und ob sie dann Queen Godzilla wäre. Bevor er sich überlegen kann, wie ihre Monsterkinder aussehen würden, beginnt der Alte mit der langen Unterhose zu schnarchen. Lars spürt, wie sich seine Faust ballt.

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