MacGyver

Naturgesetze werden eingehalten.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Meine tiefste Überzeugung lautet, dass im Universum Naturgesetze herrschen und wir diese erkennen und nutzen können. Ja, ich glaube daran, dass die Existenz der Welt theoretisch erklärbar ist. Selbstverständlich weiss ich, dass wir vieles noch nicht wissen oder noch nicht wissen können. Aber wenn irgendetwas die offenen Fragen eines Tages beantworten kann, dann wird das die Wissenschaft sein – und bestimmt nicht ein Jesusgroupie wie die Fernsehpredigerin Joyce Meyer, kein im Psilocybin-Rausch dichtender Althippie am Burning Man und auch keine Miss Nordostschweiz, die sich nicht auf ihre Rolle als Dekoration an Schützenfesten oder als Blickfang bei der Eröffnungsfeier von Gartenbeizen beschränken lässt, sondern gerne noch ihre spirituelle und intellektuelle Seite gegen aussen tragen möchte. Theorien aus dieser Ecke besagen meistens, dass man ohnehin nichts wissen kann. Eine Erklärung wie die, dass Freyr nach einem Dreier mit Venus und Aphrodite seinen astronomischen Samenerguss in die Nacht gejagt hatte und daraus die Milchstrasse entstanden ist, hat für diese Leute genau so viel Berechtigung wie jede wissenschaftliche Theorie, die sich mit so lästigen Kleinigkeiten wie Thesen, Versuchsanordnungen, Überprüfung und Fakten herumprügeln muss.

Es ist nun mal eine Tatsache, dass nur die Wissenschaft auf der Basis von Forschung und Beobachtungen Theorien über die kleinsten Teilchen und die grössten Galaxien aufstellt und diese auch noch gleich selber überprüft, falsifiziert und verbessert. Dabei ist die Wissenschaft wie das Gesicht von Wolfgang Joop – eine ewige Baustelle. Auch hier muss man immer wieder nachjustieren, retuschieren, sich von gewissen Dingen trennen, gewisse Stellen glätten oder andere Bereiche ganz ersetzen.

Wissenschaft ist anstrengend, kompliziert und im besten Fall werteneutral. Aus diesen drei Gründen wird sie von immer mehr Menschen verteufelt oder einfach als moderne Religion verniedlicht. Man sieht in ihr nicht eine Methode zur Generierung von Erkenntnissen, sondern ein Werkzeug von denen, die da oben im Elfenbeinturm sitzen, Formeln und Zahlen wälzen und glauben, sie hätten die Weisheit mit der grossen Suppenkelle gefressen. Und wer im Leben dann doch noch ein wenig Orientierung und Halt braucht, der weniger anstrengend, nicht kompliziert und vor allem moralisch korrekt ist, der kann sich immer noch mit Paulo Coelho, Chinesischen Glückskeksbotschaften oder Songtexten von Beatrice Egli zufrieden geben.

Vielleicht hast du jetzt das Gefühl bekommen, dass ich von der Wissenschaftslobby bezahlt worden bin. Weit gefehlt. Meine Liebe und zu den Naturwissenschaften und vor allem für die Physik ist so aufrichtig und ehrlich wie die Liebe und von Roger Schawinski zu sich selbst. Diese Faszination hat mit meinem Fernsehverhalten in meiner Kindheit zu tun. Eine meiner absoluten Lieblingssendungen war «MacGyver». Der gleichnamige Hauptprotagonist wurde von Richard Dean Anderson gespielt. MacGyver arbeitete als Agent für die Phoenix Foundation. In über 139 Episoden hat er Leuten in Not geholfen, Verbrecher gefasst, entführte Menschen befreit oder Attentate verhindert.

Wie du weisst, steht bei jeder guten Show ein bestimmtes Element im Mittelpunkt. Je besser dieses Gravitationsfeld ist, das das ganze Konzept zusammenhält, desto mehr Geschichten kann man daraus entwickeln. Bei «Meteo» ist dieses Gravitationsfeld das Wetter, bei «Baywatch – die Rettungsschwimmer von Malibu» Brüste, bei den verwöhnten Schnösel von «Beverly Hills, 90210» Luxusgüter, bei «Hör mal, wer das hämmert» geile Werkzeuge, bei «Aktenzeichen XY … ungelöst» die Unfähigkeit der Polizei, bei der «Tagesschau» das aktuelle Weltgeschehen, bei den alten Folgen von «Two and a half Men» Charlie Sheen, bei den neuen Folgen von «Two and a half Men» die Abwesenheit von Charlie Sheen, beim «Wort zum Sonntag» die Leichtgläubigkeit der Menschen, bei «Der Bachelor» die Niveaulosigkeit der Menschen und bei «MacGyver» war es eben die Naturwissenschaft.

Das hatte einen guten Grund. MacGyver lebte nach dem Motto «Not macht erfinderisch». In seiner Kindheit machte er schlechte Erfahrungen mit Waffen. Seither war er vom Pazifismus angesteckt und hatte sich geschworen, ohne den Einsatz derselben für das Gute zu kämpfen. Das ist zwar ungefähr so bescheuert, wie wenn jemand als Kind mal mit dem Fahrrad umgefallen ist, aber als Erwachsener trotzdem an der Tour de France mitmachen möchte und dann alle Etappen zu Fuss zurücklegt. Aber MacGyver konnte sein Waffendefizit mit Grips und dem fulminanten Einsatz seines Schweizer Armeemessers kompensieren. Ironischerweise verwandelte er damit alles in Waffen, was ihm in die Finger kam. Je nach Situation und Dringlichkeit bastelte er aus einer Seife und einem Tannenzapfen eine Handgranate, aus einem Schnürsenkel und einem Gefrierfach eine quantencomputerbetriebene Wasserstoffbombe und aus den Lego-Bauteilen des Star-Wars-Raumschiff Millenium Falcon das Star-Trek-Raumschiff Enterprise mit der Innenausstattung des Aliens-Raumschiff Sulaco – dass das Raumschiff auch noch mit funktionstüchtigen Laserkanonen ausgestattet war, versteht sich wohl von selbst.

MacGyver war so erfinderisch und er konnte so gut basteln, dass er sogar folgende drei Innovationen hätte produzieren können. Erstens einen Lügendetektor, der sich nach einer Rede von Donald Trump nicht in eine Burnout-Klinik verabschieden muss. Zweitens einen Kebab, der nicht nach drei Bissen auseinanderfällt und einem dabei einen Saucen-Tsunami über die frischgewaschenen Hosen fluten lässt. Drittens ein Elektroauto, das bei der Produktion nicht bereits mehr Energie verschwendet als ich in meinen verzweifelten Versuchen, ein angesehener Literat zu werden.

Aber abgesehen von seinem Einfallsreichtum bewunderte ich an MacGyver auch die Tatsache, dass er eine Vokuhilafrisur tragen konnte, und ich ihn dabei trotzdem noch ernst nehmen konnte. Das empfinde ich tatsächlich heute noch als eine seiner grössten Leistungen. Bei jedem anderen Menschen auf dieser Welt wirkt eine Vokuhila ungefähr gleich seriös wie ein Chef, der mit kurzen Hosen zur Arbeit kommt, ein Türsteher, der ein Hello-Kitty-Shirt trägt, ein Thai-Boxer, der von Nickelodeon gesponsert wird oder ein Philosoph, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, zu klären, ob Ohrfeigen zu den Früchten oder zum Obst gezählt werden sollten.

Für mich persönlich war es zwar nie eine Option, mir selber eine Vokuhila schneiden zu lassen – ich hätte mir sogar eher noch das Kelly-Family-Logo auf den Hals tätowieren lassen –, aber der Pazifismus und die Kreativität von MacGyver inspirierten mich dazu, darüber nachzudenken, was eine coole Erfindung sein könnte. Dabei bin ich auf die Idee für einen speziellen Mückenspray gekommen. Herkömmliche Mückensprays bringen das Insekt ja einfach um. Obwohl ich Mücken, die den ganzen Abend nichts Besseres zu tun haben, als mir auf den Sack zu gehen, auch äusserst nervig finde, glaube ich doch, dass die Todesstrafe für diese kleinen Sticheleien ein wenig übertrieben ist. Ich wollte ein Mittel entwickeln, mit der man die lästige Mücke zwar ansprayt, aber anstatt dass sie jetzt in einem qualvollen Todeskampf grausam verreckt, wird sie für zwei Sekunden auf die Grösse eines Menschen aufgebläht. In dieser Zeit kann man ihr mit Vollgas eine Faust ins Gesicht hauen. Ehe sie realisiert, was mit ihr geschehen ist, schrumpft sie wieder auf ihre ursprüngliche Grösse zurück, leidet unter Kopfweh und denkt darüber nach, ob es wohl gerade eine gute Idee war, mir mein Blut abzwacken zu wollen. Das Produkt könnte man PRO-BRUMM taufen und mit dem Spruch «… und die Mücke hat keinen Stich und macht ne Fliege» bewerben. Genial.

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