Salvatore Schillaci

Mit den Füssen Gottes.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Vor 66 Millionen Jahren ist ein riesiger Meteorit auf die mexikanische Halbinsel Yucatán eingeschlagen. Ausser dass er die Erde ziemlich erschütterte und das Schicksal der Dinosaurier besiegelte, sind von ihm keine weiteren spektakulären Aktionen bekannt. Man kann also sagen, dass dieser Meteorit das erste One-Hit-Wonder der Geschichte war – im wahrsten Sinne des Wortes. So wie es nach diesem kurzen aber heftigen Auftritt um den armen Meteoriten ruhig geworden ist, so ist es auch anderen Prominenten ergangen. Ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes sind auch das Schiff Titanic und der Popstar der Terroristenszene Osama Bin Laden reine One-Hit-Wonders geblieben. Wie der besagte Meteorit sind sie nach einem Treffer für immer in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

One-Hit-Wonders gibt es natürlich auch in der Musik. Von der Band Mister Big kennt man nur den Song «To Be With You». Auch von der gesamten Deutschen Gangster-Rapper-Szene kennt man eigentlich nur einen einzigen Song. Ich meine den Song, in dem jemand in schlechtem Deutsch mit Hilfe von vielen peinlichen Fluchwörtern und einem misslungenen Beat Frauen und Homosexuelle disst und Gewalt verherrlicht. Gut, zugegeben, dieser Track wurde von ganz vielen Interpreten in verschiedenen Interpretationen auf diversen Platten und unter verschiedenen Namen veröffentlicht. Aber eben, unter dem Strich ist es nur ein Song. Irgendwie ist auch die Mutter des Komponisten Johann Sebastian Bach ein One-Hit-Wonder. Sie hat neun Kinder auf die Welt gestellt, von denen man heute allerdings nur noch eines kennt. Die Mutter von Isaac Newton war da wesentlich effizienter – ein Kind, ein Hit.

Auch bei den Schauspielern gibt es One-Hit-Wonders. Die besten Beispiele sind wohl Macaulay Culkin aus «Kevin – Allein zuhaus», Paul Hogan aus «Crocodile Dundee» oder das Mammut, das in «Ice Age» das Mammut Manni spielt. Die Chancen, dass man einen dieser Stars jemals in einem anderen erfolgreichen Film wieder zu sehen bekommt, sind minimal. Ausgenommen sind natürlich Fortsetzungsfilme.

Einen meiner absoluten Helden aus meiner Kindheit muss ich im Nachhinein ebenfalls als ein One-Hit-Wonder bezeichnen. Damit meine ich den Italienischen Fussballspieler Salvatore «Toto» Schillaci. Geboren wurde er 1964 in Palermo auf Sizilien. Bis in das Jahr 1990 bewegte er sich unter dem Radar der Weltöffentlichkeit. Da aus dieser Lebensphase nicht viel von Schillaci bekannt ist, verzichte ich aus effizienzgründen auf aufwändige Recherchen und verlasse mich bei deren Beschreibung auf mein Gefühl. Dabei versuche ich italienische Stereotypen möglichst zu umfahren.

Selbstverständlich spielte Schillaci als Italiener bereits in seiner Kindheit Fussball. Auch dass er so lange wie möglich in seinem Elternhaus ausharrte und sich von seiner Mutter von morgens bis abends Spaghetti servieren liess, auch davon kann man als Kenner Italiens ausgehen. Zwischendurch ist er bestimmt auch mit seiner Vespa zur Gelateria gefahren und hat seine Bestellung von draussen über seine Motorroller-Hupe aufgegeben. Während dem Warten auf die Eislieferung ist er lässig auf seinem Sattel sitzen geblieben, hat mit offenem Hemd und entblössten Brusthaaren die Sonne genossen, den Adriano-Celentano «Azzurro» gemurmelt und den vorbeistolzierenden Ragazzas nachgepfiffen.

Mein Gefühl sagt mir auch, dass er bei so einer Gelegenheit mal der falschen Frau ein Kompliment gemacht hat – wahrscheinlich der Frau, Mutter oder Tochter des lokalen Mafiabosses namens Don Tortelloni. Aber Schillaci hatte Glück. Don Tortelloni hatte gerade ein Anger-Management-Seminar bei Schmusebarde Lucio Dalla in der Toskana erfolgreich abgeschlossen. Anstatt Schillaci mit Betonschuhen im Hafen zu versenken, liess er ihn zu einem befreundeten Mafiosi namens Don Coglioni nach Turin abschieben. Don Coglioni übte grossen Einfluss auf den lokalen Fussballverein aus. Der Turiner-Mafiosi hatte gerade ein paar Wetten gegen Juventus Turin am Laufen. Um seine Gewinnchancen zu erhöhen, konnte er durchsetzen, dass der Nobody Schillaci in der Mannschaft mitspielen musste. Der Plan hätte funktionieren können. Aber komischerweise hat sich Schillaci auf dem Rasen gar nicht mal so schlecht angestellt. «Porca puttana», dachte sich Don Coglioni und zerquetschte in seiner rechten Hand eine Tomate.

Auf weiteren merkwürdigen Umwegen schaffte es Schillaci dann schlussendlich sogar in die Italienische Nationalmannschaft. Wie das genau funktioniert hat, kann ich nur spekulieren. Meine momentane Vermutung ist die, dass Papst Johannes Paul II persönlich gefordert hatte, auch einen Amateur für Italien spielen zu lassen. Schliesslich soll Fussball ja nicht nur Völker verbinden, sondern auch verschiedene Gesellschaftsschichten und Talentstufen. Oder Gott wusste bereits, dass die Italiener an den Fussball-Weltmeisterschaften 1990 im Halbfinale auf Argentinien treffen würden. Weil der Argentinier Diego Armando Maradona 1986 an der WM in Mexiko ein Tor mit seiner Hand geschossen hatte und danach noch die Frechheit besass, dieses Foul als «Hand Gottes» zu bezeichnen, wollte Gott ihm diese Blasphemie zurückzahlen. Im Halbfinale sollten die Argentinier auf die Italiener treffen, wo sich die Weltmeister von 1986 von einem Fussball-Greenhorn namens Salvatore «Toto» Schillaci oberpeinlich würden besiegen lassen müssen. Allerdings haben die Argentinier das Halbfinalspiel gegen Italien gewonnen. Wahrscheinlich, weil Maradona mittlerweile bereits dank der Vermittlungsarbeit von Pablo Escobar einen Pakt mit dem Teufel abschliessen konnte. Aber wie gesagt, Recherchen sind hier schwierig – und ich möchte ja schliesslich nicht einfach irgendwas behaupten.

Sicher ist aber, dass die Fussball-Weltmeisterschaften 1990 zwar von Deutschland gewonnen wurden, aber der Star des Turniers ganz klar Salvatore Schillaci hiess. In den magischen Italienischen Nächten wurde er über Nacht zum absoluten Überflieger. Zur offiziellen und ebenfalls unvergessenen Hymne von Gianna Nannini und Edoardo Bennato «Un’estate italiana» schoss Schillaci für die Squadra Azzurra Tor um Tor – sechs an der Zahl. Er war nicht zu bremsen, war stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Mit seinen Kopfbällen, Weitschüssen und Dribblings brachte er nicht nur die Italiener, sondern auch mein 13-Jähriges-Ich zum Träumen. Obwohl ich damals vor dem Turnier mein ganzes Sackgeld auf einen deutschen Sieg gesetzt hatte, war es der flinke Italiener, den ich anfeuerte. Das sagt auch etwas über die Deutsche Mannschaft aus. Obwohl eine Niederlage der Deutschen mich damals finanziell total ruiniert hätte, und ich etwa einen Monat lang hätte warten müssen, bis ich mir am Kiosk endlich wieder einen Super Bazooka hätte leisten können, habe ich es nicht übers Herz gebracht, ihnen zuzujubeln.

Als Torschützenkönig des Turniers hat Schillaci von der FIFA den Goldenen Schuh verliehen bekommen. Diese Auszeichnung bringt aber überhaupt nichts, wenn man sich nicht bei der nächsten WM einen zweiten Schuh verdient. Dieses Glück blieb Schillaci leider vergönnt. Wie bereits angedeutet, hat das One-Hit-Wonder in diesen italienischen Nächten zwar strahlend hell geleuchtet, aber danach sind seine Leistungen wieder auf das Niveau eines Grümpel-Turnier-Spielers gesunken. Er hat noch ein wenig Zeit bei Inter Mailand verplempert und wurde schlussendlich nach Japan abgeschoben. Heute ist er für mich ein Symbol dafür, dass jeder über sich hinauswachsen kann. Und auch dafür, dass man den richtigen Zeitpunkt für seinen Rücktritt nicht verpassen sollte.

13_Meine_Helden_Salvatore_Schillaci_fertig

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