Die Schweiz sieht rot

Illustration: Fabian Sigg
Illu-Idee & Text: Dominik Brülisauer

Anmerkung: In meiner Kolumne für das Spassmedienimperium Joiz habe ich bis zu dessen Grounding 2016 unter der Rubrik «Guter Rat ist billig» Ratschläge zu den wichtigsten Daten des Jahres verschenkt.

Die Schweiz sieht rot
So feierst du den Tag der Arbeit

Am 1. Mai feiert man in zahlreichen Staaten und in gewissen Regionen der Schweiz den Tag der Arbeit. Das Paradox am Tag der Arbeit liegt darin, dass man an diesem Tag frei hat. Das ist ungefähr so konsequent, wie wenn man am Tag seiner Hochzeit fremdgeht, an Weihnachten Osterhasen sucht oder am Tag der Kranken demonstrativ gesund bleibt.

Der Tag der Arbeit ist ein Tag der linken Romantiker und Nostalgiker. Alte Utopien werden wiederbelebt und gescheiterte Helden gefeiert. Man trauert der Tatsache nach, dass Massenmörder wie Josef Stalin, Mao Zedong oder Che Guevara von der Realität eingeholt wurden und dass man nicht in einem kommunistischen Paradies wie Nordkorea leben darf. Dort hat man in einem Einkaufszentrum nicht die Qual der Wahl, muss nicht ständig Abstimmungsmaterial vom Briefkasten zum Altpapier schleppen und in der Schule wird man nur mit der Heldengeschichte eines einzelnen Staates genötigt.

Globalisierungsgegner und Kapitalismuskritiker treffen sich am 1. Mai zu Kundgebungen. Man hört sich ein paar kämpferische Reden von Gewerkschaftsführern, SP-Politikern oder Rapper Stress an. Zusammen träumt man von einer gerechten Welt, in der jedes Land Fussballweltmeister wird, jeder Schauspieler – ja, sogar Adam Sandler – einen Oscar gewinnt, jeder Mann mit Gisele Bündchen schlafen darf und jede Frau einen Bündner heiraten kann. Die Feindbilder des Tages sind Grossbanken, Industrielle und der Satan Amerika. Aus Protest gegen das imperialistische Amerika trinkt man keine Coca-Cola, sondern einen langweiligen Ersatz, wie zum Beispiel eine Afri-Cola. Das ist eine Limonade, die sich in den 1930er-Jahren in Nazi-Deutschland als Alternative zum angeblich jüdischen Coca-Cola positionierte. Ich finde das witzig.

Beim ganzen Amerika-Bashing vergisst man allerdings, dass wir den Tag der Arbeit aus den USA importiert haben. Ab dem 1. Mai 1886 haben Arbeiter auf dem Haymarket in Chicago mehrere Tage für den Achtstundentag gestreikt. Bei den Ausschreitungen sind mehrere Menschen gestorben. Damit der erste Mai traditionsgemäss auch bei uns nicht zu einem gemütlichen Familientag wird, wie sich das die Organisatoren jeweils erhoffen, dafür sorgt der Schwarze Block.

Der Schwarze Block ist nicht die 3D-Version von Kasimir Malewitschs Schwarzem Quadrat, sondern eine Vereinigung aus geistig und materiell benachteiligten Saugoofen. Diese können sich keine Playstation leisten und müssen deshalb in der realen Welt die Sau rauslassen. Dabei tarnen sie ihre Freude am Vandalismus als politische Aktion und sie vermummen sich, weil sie ihre Pickelgesichter verständlicherweise nicht gerne in der Öffentlichkeit zeigen möchten. Die Polizei macht jeweils kurzen Prozess. Sie benebelt die Meute mit Tränengas, verteilt Füdlitätsch und schickt die Chaoten nach Hause zu ihren verzweifelten Mamis.

Der 1. Mai ist übrigens nicht die einzige Tradition, die wir von den Amis übernommen haben. Ein anderes Beispiel ist Halloween. Wenn das so weiter geht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir unseren Nationalfeiertag am 1. August streichen und dafür am 4. Juli mit den Amerikanern den Independence Day mitfeiern. Ich bin der Meinung, dass die Amerikaner jetzt mal einen Feiertag von uns übernehmen sollten. Mein Vorschlag: das Sechseläuten. Anstatt einen Böögg sollten sie einfach jedes Jahr einen rechtsbürgerlichen Klimawandelleugner anzünden. Je nach dem wie lange er brennt, findet man heraus, wie viele Grade das Erdklima im nächsten Jahr steigen wird. Den ganzen Event können sie ja Burning Man nennen.

Mein Ratschlag zum Tag der Arbeit. Schau dir am Abend ja keine traurige Filme wie «Das Schicksal ist ein mieser Verräter», «Dancer in the Dark» oder «La Vita è bella» an. Und falls die Tragödie Schweizer Fussballnationalmannschaft ein Spiel hat, solltest du das vorsichtshalber auch noch gleich ignorieren. So gehst du am 2. Mai nicht mit verheulten Augen aus dem Haus. Du möchtest ja wohl kaum, dass dein Lehrer oder Chef das Gefühl bekommt, dass du am Tag zuvor von der Polizei mit Tränengas geduscht wurdest. Oder?

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