Tiktak, tiktak

Illustration: Oliver Conrad
Text: Dominik Brülisauer

Anmerkung: Als Kolumnist des SnowboarderMBM durfte ich zwischen 2006 und 2010 regelmässig über meinen Lieblingssport schreiben. Von diesem Text hier bin ich gerade schockiert, wie aktuell er zwölf Jahre später noch ist.

Für die unter euch, die es noch nicht geschnallt haben: Man wird nicht jünger. Alles, was bleibt, ist die Erinnerung – und auch die lässt nach 15 Jahren Dauerparty langsam nach. Ausserdem werden leider nicht nur Informationen gelöscht, die man nicht vermisst, sondern je länger je mehr auch sehr wesentliche Daten. Mir wurde zum Beispiel letzten Samstagmorgen um vier Uhr meine Kreditkarte am Bankomat eingezogen. Grund: Ich hatte anstatt des Codes die letzten vier Ziffern von drei verschiedenen Telefonnummern von Freunden von mir eingegeben. Und beim letzten Versuch war ich tatsächlich verdammt überzeugt von mir und der Richtigkeit der Zahlenfolge. Okay, das kann den Besten passieren, ich bin ja schliesslich der lebende Beweis dafür, aber man muss sich dann am nächsten Tag schon ein paar unangenehme Fragen gefallen lassen. Vor allem, wenn man wie ich als 30-Jähriger noch bei seinen Eltern wohnt. Aber ich schweife ab.

Der Punkt ist, man wird nicht jünger. Beim Snowboarden äussert sich diese Tatsache erbarmungslos. In der Bergbahn fachsimpelt man mit seinen Jibberkollegen übers Snowboarden, Rülpsen und die Simpsons, während rundherum alte Schulkollegen, die mittlerweile wieder Skifahren oder im ganz krassen Fall sogar angefangen haben zu Raceboarden, mit ihren Familien stehen. Im obligatorischen 60 Sekunden Smalltalk erzählen sie von ihrer Karriere auf der Bank oder der Versicherungsgesellschaft. Der Gipfel der Frechheit ist dann meistens ihre Feststellung: «Ja und du? Du bist immer noch genau der Gleiche!» Normalerweise fasse ich das auch immer als Kompliment auf. Schliesslich strahle ich trotz meines doch schon fortgeschrittenen Alters eine fast magische Jugendlichkeit aus. Aber nicht in so einem Moment. In so einem Moment heisst «Du bist immer noch der Gleiche» nicht «Du bist ja immer noch die Augenweide, die du vor vierzehn Jahren warst und allem Anschein nach auch immer bleiben wirst, du Glückspilz!». Nein, in so einem Moment heisst «Du bist immer noch der Gleiche!“ genau das: du bist immer noch der Gleiche. Mit anderen Worten: Mensch, mach mal vorwärts! Noch frustrierender wird es dann mittags im Restaurant. Die alten Schulkollegen verschwinden mit ihrem Nachwuchs im bedienten Teil, währenddem man selbst an der Selbstbedienungskasse ansteht und hofft, dass die Kassiererin das Ketchup, welches man diskret unter dem Frittenteller parkiert hat, übersieht.

Aber das Altern hat natürlich auch faszinierende Seiten. Man stellt sich plötzlich Fragen, die man sich früher nie gestellt hätte. Ob es wohl Steine in der Landung hat? Ob es vernünftig ist, in diesen Lawinenhang zu droppen? Wie cool es wohl tatsächlich ist, im tiefsten Powder seine Hosen unterhalb der Knie zu tragen? Ob es vielleicht mit Aberglauben zu tun hat, wenn man bei jeder Sesselliftfahrt das Gefühl bekommt, man müsse eine Tüte rauchen, nur um den Zorn der bissigen Murmeltiere zu besänftigen? Ob Mädchen wirklich alle doof sind? Ob eine kleine Wolke am Himmel wirklich schon schlecht Wetter genug ist, um den Aprèsski mit gutem Gewissen schon morgens um zehn zu starten?

Ausserdem ist es je länger desto schöner zu beobachten, was für unglaubliche Fortschritte wir Menschen in unserem Krieg gegen die Natur machen. Tausende von Jahren hat die Natur uns unterdrückt, uns mit ihren Unwettern geplagt, uns mit ihren Krankheiten dezimiert, uns mit ihren wilden Tieren terrorisiert und sich uns als übermächtig, erhaben und arrogant präsentiert. Doch nur schon in den fünfzehn Jahren in denen ich mittlerweile snowboarde, haben wir die grässliche Natur uns mehr und mehr untertan gemacht und sie in ihre Schranken gewiesen. Früher mussten wir warten bis Rabenmutter Natur uns mit Schnee versorgt hat, heute haben wir Schneekanonen. Früher musste man sich während des Snowboardens ständig diese hässlichen und unnötigen Eisansammlungen mit ihren tödlichen Spalten (Fachwort: Gletscher) angucken. Heute ist das ein Problem, welches dank der menschlichen Anstrengung ununterbrochen C02 in die Atmosphäre zu pumpen, ständig kleiner wird. Darum nicht vergessen: Nur ein brummender Motor ist ein guter Motor.

In diesem Sinne, viel Glück und gute Fahrt.

Bildschirmfoto 2019-02-11 um 19.39.59

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