Bon Jovi

Knutschen, Mineralwasser und Kuschelrock.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

1983 hat die Band Bon Jovi aus New Jersey ihre Karriere gestartet. Leider gibt es wenig auf dieser Welt, was uncooler ist als Bon Jovi. Dazu gehören vielleicht E-Zigaretten, Männer mit Kleeblätter-Ohrsteckern, Frauen mit Schnurrbart, Hämorrhoiden, Rafael Beutl, Typen, die mit Karabinern ihren Schlüsselbund an der Hose befestigen, aber keine Hipster sind, alle T-Shirts, die man von seiner Mutter geschenkt bekommt, Hipster, Dell-Laptop-User, Radiomoderatoren, die immer unglaublich gut drauf sind, Modelflugzeugpiloten und Menschen, die einen Fiat Multipla fahren. Wenn ich übrigens Verkehrspolizist wäre, würde ich sämtliche Fiat-Multipla-Fahrer aus dem Verkehr ziehen. Wenn jemand so ein hässliches Auto kauft, leidet er garantiert unter einer Sehschwäche und gehört nicht hinter ein Steuer. Ich hechte jedenfalls immer blitzschnell in Deckung, wenn ich irgendwo einen fahrenden Fiat Multipla entdecke. Safety first. Aber eine Besonderheit zeichnet dieses Modell doch noch aus: Es ist das einzige Auto auf der Welt, das nach einem Unfall besser aussieht als vorher.

Zurück zu Bon Jovi. Man muss da einfach ehrlich sein. Es gibt wirklich viele coolere und bessere Musiker als Bon Jovi. Aber die Tatsache, dass es die Band mittlerweile schon seit über 30 Jahren gibt, ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass Coolness gar nicht mal so erstrebenswert ist. Die Coolen leben weniger lang. Jim Morrison, Kurt Cobain, Tupac Shakur, Bon Scott oder Falco, sie alle sind mehr oder weniger in der Blüte ihrer Jugend von der Weltbühne abgetreten. Sie haben das Lebensmotto «Sex, Drugs and Rock n’ Roll» ernst genommen. Bei Bon Jovi heisst das Konzept eher «Knutschen, Mineralwasser und Kuschelrock». Bei ihnen hat man das Gefühl, dass sie sich von gedünstetem Gemüse und ungespritzten Erdbeeren ernähren, früh ins Bett gehen, direkter Sonneneinstrahlung aus dem Weg gehen, sich im Auto anschnallen, ihren Ehefrauen treu sind und auch mit diesen nur Safersex in Missionarsstellung praktizieren. Bon Jovi leben so gesund, sie könnten prompt Botschafter für den Vita Parcours oder für eine Krankenkasse werden. Diese Tatsache ist für einen Rockstar so rufschädigend wie ein Sponsorenvertrag mit Marlboro für Roger Federer.

Nein, Bon Jovi ist keine dreckige, lebensverachtende, selbstzerstörerische Rockband, die auf ihren Tourneen schwangere Groupies und brennende Konzerthallen hinterlässt. Man hat sogar das Gefühl, Bon Jovi gebe sich wirklich Mühe, Coolness grossräumig zu umfahren. Frontmann Jon Bon Jovi hat mit 27 Jahren geheiratet. Ein richtiger Rockstar hat in diesem Alter nur eines zu tun: spektakulär zu sterben und auf der Bühne für jemanden Platz machen, der noch abgefuckter drauf ist als er. Auch die Tätowierungen der Bandmitglieder sehen so aus, als hätte sich der Tattoo-Shop-Betreiber einen Scherz erlaubt und die Zeichnungen seiner blinden Kinder verewigt. Jon Bon Jovi hat beispielsweise ein Superman-Logo auf seiner linken Schulter. Peinlicher wäre höchstens noch eine Tätowierung einer Dose Hundefutter, eines Chinesischen Schriftzeichens oder einer Lebensweisheit von Hausi Leutenegger.

Aber mir war das alles egal. Ich war während meiner ganzen Schulzeit bekennender Fan. Der Band gehörte mein Herz und meine Ohren. Bon Jovi war der Soundtrack meiner Kindheit. Beim morgendlichen Pickelausdrücken lief «It’s My Life», mit «Wild is the Wind» versuchte ich auf meinem stürmischen Schulweg meine Frisur zu retten und mit «(It’s Hard) Letting You Go» verabschiedete ich meine ersten ausgefallenen Haare, die mich darauf aufmerksam machten, dass es langsam an der Zeit war, keine Witze mehr über meinen glatzköpfigen Vater zu reissen. Mit «Wanted Dead or Alive» ging ich auf Mädchensuche, mit «I’ll Be There For You» habe ich ihnen das Blaue vom Himmel versprochen, Liebe machte ich im «Bed of Roses» und mit «Never Say Goodbye» weinte ich in mein Kopfkissen, wenn sie sich mit der Bemerkung, dass «Runaway» ihr persönliches Lieblingsstück von Bon Jovi sei, am Morgen wieder aus dem Staub machten.

Jon Bon Jovi war der beste Sänger, Richie Sambora der beste Gitarrist, David Bryan der beste Keyboarder, Alec John Such der beste Bassist und Tico Torres der beste Drummer der Welt. Wer etwas anderes behauptete, den habe ich ungefähr so behandelt wie Kim Jong-un seine Kritiker. Meine devote, fast schon homosexuelle Liebe zu Jon Bon Jovi, habe ich bis heute nicht ganz aufgearbeitet. Auffällig ist vielleicht, dass ich später in meinem Liebesleben ein paar Freundinnen hatte, die beim genaueren Betrachten durchaus Ähnlichkeiten mit dem Jon Bon Jovi der 90er Jahren aufwiesen – blonde lockige Haare, gute Figur und auch bei ihnen habe ich oft nicht verstanden, was sie mir überhaupt sagen wollten. Jetzt bin ich extrem froh, dass ich als Kind nicht auf Zucchero oder Meat Loaf abgefahren bin. Sonst wäre ich heute wohl mit einer Seekuh zusammen.

Nicht nur der Personenkult, auch andere Aspekte meiner Kindheit erinnern mich heute an Nordkorea. Dass ich in meinem Kinderzimmer jeden Morgen eine Bon-Jovi-Flagge hisste und vor ihr salutierte, wirkt heute befremdend. Auch dass ich damals auf dem Pausenplatz Wertpapiere von Microsoft gegen alte Bon-Jovi-Poster aus der Bravo eintauschte, ist nicht mehr ganz nachvollziehbar. Und wie niemand ausserhalb von Nordkorea Nordkorea toll findet, konnte ich Aussenstehende nicht von Bon Jovi überzeugen. Aber das heisst nicht, dass ich es nicht versucht hätte.
Einer meiner missionarischen Höhepunkte war ein Vortrag an der Schule. Mit Argumenten aus der Harmonielehre, der Musikgeschichte und der Frisurenwissenschaften versuchte ich meine Mitschüler auf den rechten Weg respektive auf den richtigen Gehörgang zu bringen. Aber ich hätte grössere Chancen gehabt, einem iranischen Mullah Frauenrechte schmackhaft zu machen oder einen Löwen vom Vegetarismus zu begeistern.

Meine ganze Jugend habe ich umsonst darauf gewartet, dass die Band endlich mal in einen Skandal verwickelt wird. Eine Parkbusse mit dem Tourbus, ein Konzert fünf Minuten zu spät beginnen, eine gewünschte Zugabe nicht spielen oder einmal auf die Bühne kotzen – auch wenn die Ursache der Übelkeit nur ein schlechtes Salat-Sandwich gewesen wäre. Das hätte mir gereicht, um allen zu erklären, dass Bon Jovi badass-cool sind. Aber Bon Jovi haben immer wieder bewiesen, dass sie der Disney-Film unter den Rockbands sind. Sie fluchen nicht und sie schauen immer mit herzigen grossen Augen. Jon Bon Jovi macht sich für die Demokraten stark, die Band zerstört keine Gitarren auf der Bühne und sie verlassen ihre Hotelzimmer in besserem Zustand, als sie diese bezogen haben. Wenn sich ein Hotelier auf den nächsten Besuch einer Rockband freut, dann ist das normalerweise so, wie wenn New Orleans Hurrikan Katrina vermissen würde.

Mit den Jahren wurde Jon Bon Jovis Mähne immer kürzer. Analog zu Jon Bon Jovis Frisur hat sich auch meine Liebe zur Band verflüchtigt und Platz gemacht für andere Künstler. Aber da alte Liebe bekanntlich nicht rostet, lege ich heute immer wieder mal einen Klassiker wie «Bad Medicine» oder «Livin on a Prayer» auf. Und wenn ich ehrlich bin, gehe ich zu den Songs wieder voll ab. Aber das würde ich heute nicht mehr zugeben.

01_meine_helden_bon_jovi_fertig

 

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