SRG | Unterhaltung mit Haltung

Ein Ausschnitt aus meinem Buch «Schweiz ist geil. Vom Urknall bis Roger Federer»

Dass wir Schweizer das bestinformierte Volk auf dem Planeten sind, liegt daran, dass wir das sein müssen. Schließlich leben wir in einer direkten Demokratie. Das heißt, wir können die Verantwortung über unser Schicksal nicht an einen König, Diktator, Autokraten, Präsidenten, einen Klub von Technokraten oder einen Wächterrat abtreten. So verlockend das auch klingen mag. Wir müssen selbst entscheiden und Verantwortung übernehmen. Da ist es unabdingbar, dass wir uns auf unabhängige Medien verlassen können, die uns ständig mit ausgewogenen Analysen, Hintergrundberichten, Reportagen, News und Ansichten aus sämtlichen Blickwinkeln versorgen, die stets objektiv und kein bisschen ideologiegefärbt sind.

Zu unserem breiten Medienangebot gehören Tausende private Facebook-Profile von aufgeweckten Bürgern, die je nach Situation gerade Experten für Virologie, Energieversorgung, George Orwell, Landesverteidigung, NATO-Hegemonialpolitik oder Geschichte sind. Höchst informativ sind auch unsere erstklassigen Online-Portale wie Watson, Republik, Bluewin, Nau oder Izzy. Und wenn man schon mal online ist, kann man sich zur Auflockerung gleich noch ein paar geile Katzen reinziehen. Unser Tierfanatiker Dean Schneider ist der mit Abstand erfolgreichste Katzenvideo-Vertreiber der Welt. Das liegt vielleicht auch daran, dass der ehemalige Finanzberater aus Dübendorf in Südafrika nicht mit faulen Miezekätzchen rumtollt, sondern ausschließlich mit blutrünstigen Löwen und anderen hungrigen Raubkatzen. Sein Blog ist immer wieder einen Besuch wert und man sieht, wer die Krönung der Schöpfung ist: Löwen sind die Könige der Tiere, aber sie tanzen nach der Pfeife eines Schweizers. Noch Fragen?

Informativ sind auch unsere unzähligen privaten Radiosender von A wie Radio Argovia bis Z wie Radio Zürichsee mit ihren unzähligen stets gutgelaunten Moderatoren, die ihre drei Zuhörer mit viel Freude und wenig Werbeunterbrechungen durch den Tag bringen. Oder wer sich lieber die Zeit nimmt, eine Zeitung zu lesen, wird ebenfalls bestens bedient. Dabei muss man sagen, dass in der Schweiz bereits Schülerzeitungen von Grundschulen das Niveau der New York Times erreichen, da sind sich Medienwissenschaftler weltweit einig. Extrem preiswerte und lesenswerte Gratiszeitungen wie 20 Minuten, Traditionsblätter wie Neue Zürcher Zeitung, Die Weltwoche, Coop-Zeitung, Nebelspalter, WOZ Die Wochenzeitung oder für die aufnahmeschwächeren Gemüter der Blick, sorgen dafür, dass alle Leute an ein Minimum an Information gelangen. Und wer sich lieber passiv berieseln lässt, der kann sich auf einen bunten Strauß an qualitativ hochstehenden Fernsehkanälen wie Tele Top, TeleBärn oder Tele Blocher verlassen. Und als wäre diese vielfältige Medienlandschaft nicht schon divers genug, thront hoch über ihr die unbestrittene Königin der Information – die SRG SSR.

Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR wurde 1931 als Schweizer Radio DRS gegründet. Im Verlauf ihrer Geschichte durchlebte sie mehr Metamorphosen als David Bowie. Nach zahlreichen Transformationen, Umbauten, Fusionen, Rebrandings und Neuausrichtungen, bei denen neue Medien wie Fernsehen und Internet ebenfalls in das Unternehmen integriert wurden, steht die SRG SSR heute überlebensgroß in der Schweizer Medienlandschaft. Ihre diversen Fernseh- und Radioangebote für alle Sprachregionen halten unter dem Etikett Service public nicht nur die gesamte Bevölkerung auf dem Laufenden, sondern sie leistet auch einen Beitrag für den Zusammenhalt der Willensnation Schweiz. Mit ihrem ausgewogenen Programm sorgt die SRG dafür, dass sich alle Leute gleichzeitig mit dem Sinn und Zweck gewisser Sendungen auseinandersetzen, schließlich bezahlen wir alle Gebührengelder. Jeder Schweizer kennt ein paar Formate, die ihm gefallen, und solche, auf die er im Notfall auch verzichten könnte. Immerhin sind wir ein sehr heterogenes Volk. Doch da wir untereinander solidarisch sind, gönnen wir den anderen ihre Sendungen und finanzieren sie großzügig mit. Unter dem Strich sind sich alle Schweizer einig: Qualität hat ihren Preis – und da wir alle verdammt reich sind, sind wir auch gern bereit, sie uns zu leisten. Es reicht vollkommen aus, wenn man ab und zu mal unabsichtlich in das Programm eines ausländischen Privatsenders zappt, um zu sehen, wo die Qualität landet, wenn sie sich in der freien Marktwirtschaft behaupten muss. Nach zwei Sekunden irritiertem Fremdschämen zücken wir mit Freude das Scheckbuch, um mit unseren SERAFE-Gebühren den Leutschenbach mit mehr Flüssigem am Fließen zu halten. 

Im Schweizer Fernsehen reihen sich Highlights an Highlights. Legendär sind die Wutanfälle von Hans Jucker, die Italienischversuche von Bernard Thurnheer, die inflationäre Verwendung des Wortes nigelnagelneu von Sven Epiney, die verzweifelten Frisur-Rettungsmaßnahmen von Steffi Buchli, die Theorie, dass nur eine Prostituierte aus einem Jungen einen Mann machen kann, von Roman Kilchsperger und das strahlende Lächeln von Annina Campell, deren Zähne höhere Albedowerte aufweisen als der frischgefallene Pulverschnee in ihrem Heimatkaff Cinuos-chel. Die Institution SRG produziert Helden, Identifikationsfiguren und kollektive Erinnerungen am Laufband. Die SRG strahlt unzählige spannende und unterhaltsame Sendungen aus und ich will an dieser Stelle die Angebote und Moderatoren vorstellen, die ich persönlich am meisten konsumiere. Aber Achtung: Vielleicht ist die Liste zum Zeitpunkt, zu dem ich das Buch herausgebe, nicht mehr ganz aktuell – schließlich kommen und gehen Sendungen und Moderatoren in der heutigen beschleunigten Medienwelt im Minutentakt.  

Am Morgen schalte ich das Radio ein und lasse mich von den Stimmen von Mona Vetsch und Haussatiriker Peter Schneider im neuen Tag begrüßen. Ein erstes Highlight des Tages ist das Quiz ABC SRF 3. In 45 Sekunden muss ein Kandidat so viele korrekte Wörter wie möglich nennen. Die richtigen Antworten beginnen immer mit dem gleichen Buchstaben, den der Moderator zu Beginn des Spiels bekannt gibt. Ich rate jeden Tag mit den Kandidaten mit und rege mich darüber auf, dass die Beschreibungen nicht schnell genug kommen, weil dem Kandidaten am Telefon aus unerfindlichen Gründen die Antworten zu langsam in den Sinn kommen. Emotional wie ich bin, schreie ich dann in der Wohnung herum: «Ein fasanartiges Tier mit dem Anfangsbuchstaben E? Wie wäre es mit Erckelfrankolin? Das kann doch nicht so schwer sein, fucking Hell!» Dabei bedaure ich, dass ich meinen persönlichen Rekord nicht werde brechen können, weil ganz einfach beide – Moderator und Kandidat – schon wieder zu langsam sind. Aber kaum ist das Spiel vorbei, freue ich mich schon auf den nächsten Tag. Neues Spiel, neues Glück.

Auf dem Weg zur Arbeit höre ich dann die Verkehrsmeldungen. Gespannt lausche ich, auf welcher Landstraße im Thurgau ein Igel auf der Fahrbahn steht, vor welchen Tunnels sich die Autos wie lange stauen und ob die Ghostbusters irgendeiner Kantonspolizei gerade irgendwo einen Geisterfahrer jagen. Auf der Arbeit suche ich im Onlineportal der SRG einen interessanten Podcast. Die besten Gespräche bieten die verschiedenen Focus-Sendungen. Hier wird eine saumäßig interessante Persönlichkeit vorgestellt, zum Beispiel unser Weltretter Reto Knutti, unser Tenniscrack Heinz Günthard, unser Beppe Grillo Christian Jott Jenny oder die einzige schnelle Person aus dem Kanton Bern, unsere Weltklasse-Sprinterin Mujinga Kambundji. Sehr zu empfehlen ist die Ausgabe mit mir vom 17. September 2012. Die ziehe ich mir heute noch einmal pro Woche rein.

Am Abend setze ich mich mit einer liebevoll zubereiteten Tiefkühl-Lasagne um genau 18.40 Uhr vor die Glotze und tauche mit Gesichter & Geschichten in die rosarote Promiwelt ein. Gesichter & Geschichten wurde so konzipiert, dass die arbeitende Bevölkerung nach dem strengen Arbeitstag nach Hause kommen und das überhitzte Gehirn möglichst schnell auf Seekuh-Niveau runterfahren kann. Man hört Gesprächen zu, die selten mehr Inhalt haben als ein Vakuum. Die Worte plätschern vor sich hin, alle sind nett zueinander und kritische Fragen sind gleich beliebt wie im Nationalen Volkskongress in China. Ein Interview von Moderatoren wie Jennifer Bosshard, Nicole Berchtold oder Salar Bahrampoori mit einer unserer unzähligen prominenten Persönlichkeiten kann durchaus als Flirtkurs durchgehen. Im Vergleich zur Stimmung bei Gesichter & Geschichten kommt einem die Atmosphäre in einem balinesischen Massage-Salon vor wie die Hektik an der Wall Street während eines Börsencrashs. Kurz vor dem Hirntod und kurz bevor die Moderatorin und der Promi anfangen rumzumachen, verblasst Gesichter & Geschichten auf dem Bildschirm und der Schweizer ist wieder aufnahmefähig für anspruchsvolles Programm.

Um 19.30 Uhr lasse ich mich von der Tagesschau über das Weltgeschehen aufklären. Zu den absoluten Helden der Nachrichten gehört Mister Tagesschau Léon Huber (1936–2015). Mit seiner ruhigen Art berichtete er so gelassen über Terroranschläge und Kriegsgeschehen, dass der Zuschauer das Gefühl bekam, er würde ihm gerade das Guetnachtgschichtli vorlesen. Die Namen Saddam Hussein und George Bush klangen aus dem Mund von Léon Huber für den Weltfrieden nicht bedrohlicher als Zwerg Zwack und das Krümelmonster.

Nach der Tagesschau folgt Meteo. Das ist die Fashion-Sendung für Männer. Mit ausgefeilten Animationen und Visualisierungstechniken erklären uns Wetterpropheten wie Sandra Boner, Thomas Bucheli oder Christoph Siegrist, welche Garderobe am nächsten Tag angesagt ist. Die Ratschläge reichen von wasserabweisend über wärmedämmend bis freizügig. Die Methoden von Meteo sind so fulminant, sie könnten einen Blitzkrieg, einen Sturm im Wasserglas, den Wind des Schicksals, die dunklen Wolken am Horizont, ein Abkühlen der Liebe oder den Nebel des Grauens berechnen. Präziser arbeiten höchstens die Muotathaler Wetterschmöcker, die aus den Kopulations-Stellungen der Ameisen, den Flugbahnen der Spatzen, dem Verliebtheitsgrad von Bachforellen, der Konsistenz von Kuhfladen oder den Glockenklängen der Freiheitstrychler Wetterprognosen für das ganze Jahr ableiten können.

Das Besondere an der Sendung Meteo ist, dass sie vom Dach gesendet wird. Das heißt, die Moderatoren berichten nicht nur über das Wetter, sie sind ihm währenddessen auch ausgesetzt. Es wäre lustig, wenn ausländische Sender sich davon inspirieren lassen würden und ihre Sendungen ebenfalls von passenden Orten ausstrahlen würden – Wirtschaft vor acht live aus dem Casino, Das Model und der Freak live aus der Kanalisation, ZDF Magazin Royale – Late Night mit Jan Böhmermann live von der Anklagebank, Talksendungen mit Anne Will live aus dem Folterkeller und sämtliche Schlagershows live vom Friedhof.

An jedem Wochentag wird im Schweizer Fernsehen eine andere Sendung ausgestrahlt, die mich begeistert. Am Montagabend bekommt man in der Sendung Puls von einem extrem empathischen Moderator Ratschläge zum Thema Gesundheit. Für die Leute, für die jede Hilfe zu spät kommt, bietet das SRF später in der Woche die Sendungen Nachtwach, Das Wort zum Sonntag oder Der Bestatter an – je nachdem, an wen man sich mit seinem Problem wenden will. Ebenfalls am Montagabend präsentiert Reto Lipp das Wirtschaftsmagazin Eco, in dem man zahlreiche Tipps rund um die Themen Geld, Investieren, Anlegen, Börse, Banken, Innovationen und Unternehmen erhält. Hier wird auch immer wieder mal einer unserer brillanten Manager und Wirtschaftskapitäne porträtiert. Namen wie Sergio Ermotti, Urs Roner, Peter Spuhler, Guido Fluri, Philippe Gaydoul, Magdalena Martullo-Blocher oder Heliane Canepa sorgen weltweit für andächtiges Schweigen und tosende Beifallsstürme. Sie alle sind so gut, sie könnten Atomstrom erfolgreich vermarkten, Nokia als Lifestylebrand wiederbeleben, Faultieren Fleiß beibringen und einem Baum aufzeigen, wie er effizienter Treibhausgase wie CO2 aufnehmen und gleichzeitig schneller Sauerstoff ausstoßen kann. Mit ihren Talenten halten sie Schweizer Unternehmen wie die UBS, Swiss Re, Stadler Rail AG oder EMS Chemie an der Weltspitze.

Bis ins Jahr 2020 ließ am Montagabend Roger Schawinski in seiner Talksendung jemanden nicht talken und ich ging langsam, aber sicher ins Bett. Leider wurde die Sendung mittlerweile abgesetzt, deshalb rede ich jetzt in dieser Zeit mit meiner Mitbewohnerin. Ein bisschen Talk muss schließlich sein. Zu meinen Lieblingssendungen am Dienstagabend gehören der Kassensturz und der Literaturclub. Die Konsumentenschutzsendung Kassensturz ist der Albtraum jeder Firma, die Kunden abzockt oder fehlerhafte Produkte herstellt. Wenn jemand eine Gummipuppe auf den Markt bringt, die nach dem Akt kein Bier holt, wird das zum Thema. Ein Laubbläser, der so leise ist, dass er die Nachbarschaft nicht nervt, wird öffentlich zerlegt. Rollerblades, die nicht peinlich sind, funktionieren offensichtlich nicht und werden in der Sendung gnadenlos abgestraft. 

Der Literaturclub ist ein schöngeistiges Kolloquium aus Intellektuellen, die sich gegenseitig höchst eloquent vier bis fünf Novitäten im Forum der Bücher vorstellen. Würde es der Einschaltquote keinen Abbruch tun, würden die Partizipanten während der Referate bevorzugt zwischen Altgriechisch und Latein oszillieren. Da wir Schweizer aber auf Bramarbasieren und Dekadenz mit Antipathie reagieren, werden die oralen Eskapaden auf ein pragmatisches Minimum beschränkt. Man will schließlich von den Rezipienten verstanden werden. 

Folgende Persönlichkeiten haben in der Sendung bereits ihre Lieblingswerke vorgestellt: Bankier Marcel Ospel das Sparbüchlein, der Schnorri der Nation Beni Thurnheer das Wörterbuch, der Sozialist der Nation Jean Ziegler das Rote Buch von Mao Zedong, der Telefonist der Nation Mike Shiva das Telefonbuch, Mister Corona Alain Berset das Impfbüchlein, die LKW-Planen-Wiederverwerter-Brüder Markus und Daniel Freitag das Taschenbuch, Milieu-Anwalt Valentin Landmann The Devil’s Advocate und die Komikerin Stéphanie Berger ihr Kochbuch Scherzkekse, Spaßhäppchen und Ulknudeln vom Krisenherd.

Die beiden Highlights vom Mittwoch sind die Rundschau und der Kulturplatz. Die Rundschau berichtet über brisante Themen aus Wirtschaft und Politik. Im Jahr 2020 hat ein Recherche-Team herausgefunden, dass die Zuger Crypto AG teure manipulierte Chiffriergeräte an über hundert Staaten geliefert hat, darunter auch an Saudi-Arabien oder an den Iran. Statt dass diese Staaten nun sicher verschlüsselte Geheimbotschaften versenden konnten, wurden sie mit genau diesen Geräten von westlichen Geheimdiensten abgehört. Genial, oder? Wir Schweizer hätten den Trojanern das Pferd nicht geschenkt, sondern es ihnen für teures Geld verkauft. Neben sehr unterhaltsam aufbereiteten, um nicht zu sagen boulevardesk angehauchten Reportagen bietet die Sendung auch jedes Mal eine öffentliche Hinrichtung. Moderatoren wie Dominik Meier, Nicole Frank, Sandro Brotz, Reto Brennwald, Urs Leuthard, Sonja Hasler oder Erich Gysling liefen hier bereits zu Höchstform auf. Sie bombardieren ihre Gäste mit Suggestivfragen und konfrontieren sie mit Studien, Analysen und Behauptungen. Ihnen scheint es sichtlich Spaß zu machen, die Grenzen der Selbstdisziplin ihres Gegenübers auszuloten. Die mittelalterliche Inquisition war im Vergleich zu einem Interview mit einem Rundschau-Moderator ein scheuer Flirt zweier verliebter Rehe. Es ist jedes Mal ein Genuss für alle Zuschauer mit voyeuristischen Tendenzen.

Später am Abend schaue ich den Kulturplatz. Moderatorin Eva Wannenmacher zeigt, was in der Kunstszene gerade angesagt ist. Ich warte auf den Tag, an dem sie einen Gesprächsgast aus der Rundschau einlädt, weil er zuvor in der Sendung trotz des rhetorischen Waterboardings kühl und sachlich geblieben ist. Schließlich wäre das eine wahre Kunst.

Der Donnerstag sorgte früher für eine gute Balance. Die Sendung Einstein stimulierte das Gehirn, Aeschbacher kurz darauf das Herz. Die Moderatoren Tobias Müller und Kathrin Hönegger stillen in der Wissenschaftssendung Einstein jeden Wissensdurst – selbst wenn er größer ist als der Durst von David Hasselhoff. Einstein trägt maßgeblich dazu bei, dass die Schweizer zu den aufgeklärtesten Menschen des Planeten gehören. Antimaterie bedeutet für uns nicht Kapitalismuskritik, ein Lichtjahr keine Zeiteinheit, eine Mikrowelle kein Surfspot auf Mikronesien, Ohm nichts Hinduistisches, Quark nicht unbedingt ein Milchprodukt, Radioaktivität nicht die Betriebszeiten eines Radiosenders, Spannung nicht nur Element eines Krimis und Trägheit kein Begriff zur Beschreibung des Lebensgefühls eines Süditalieners.

Zurücklehnen und Zuhören war bei Aeschbacher angesagt. Die Sendung wurde mittlerweile leider abgesetzt. Talkmaster Kurt Aeschbacher wäre der perfekte Verhörführer in Guantanamo. Mit seiner unvergleichlich empathischen Art bringt er alle zum Reden – selbst über ihre größten Tabus, Geheimnisse und Peinlichkeiten. Tom Cruise würde Kurt alles über seine Rolle bei Scientology mitteilen, Barack Obama würde lachend erklären, wie er Osama Bin Laden tatsächlich erwischte, und eine muslimische Konvertitin würde ihren Schleier heben, ihr Gesicht in die Kamera halten und der ganzen Nation freizügig erklären, was ihre tatsächlichen psychologischen Beweggründe waren, unter eine Burka zu flüchten. Kurt Aeschbacher hörte seinen Gästen immer so interessiert zu, als würden sie ihm gerade verraten, warum Bugs Bunny immer Handschuhe mit fünf Fingern trägt, obwohl Hasen doch Pfoten haben. Er stellte sogar dann noch tiefgründige Fragen, wenn jemand nur über seine Briefmarkensammlung, seine Gartenzwerge oder seine Faszination für Gina-Lisa Lohfink reden wollte. Diese Fähigkeit machte Kurt Aeschbacher zu einem besseren Gastgeber als Angela «Wir schaffen das!» Merkel und sorgte dafür, dass man seine Sendung nie nur aus Langeweile schaute.

Am Wochenende ist im Schweizer Fernsehen Kartenspielen angesagt. Am Freitagabend wird in der Politsendung Arena unter Aufsicht von Spielleiter Sandro Brotz gepokert, am Tag darauf im Samschtig-Jass bei Fabienne Gyr die Jasskultur gepflegt. In beiden Sendungen legen die Kandidaten ihre Karten auf den Tisch, werden Differenzen thematisiert und Gewinner auf den Thron gehoben. In der Arena entscheidet das bessere Argument über Sieg und Niederlage, beim Samschtig-Jass das bessere Blatt. Was witzig ist: Beim Samschtig-Jass kann ein Jasser von zu Hause aus über eine Telefonverbindung mitspielen. Als Zuschauer denkt man das jedenfalls. Allerdings wird die Sendung nicht live ausgestrahlt. Der Telefonjasser kann also gar nicht zu Hause am Fernsehgerät sehen, welche Karten man ihm in die Kamera hält. Angeblich sitzt auch dieser Teilnehmer am Drehort in einem Nebenraum und ist via Mikrofon mit der Runde verbunden. Genial. Wenn jemand tatsächlich die Mondlandung hätte inszenieren können, wäre es das Schweizer Fernsehen gewesen.

Jeden Sonntagmorgen zwischen 11 und 12 Uhr liege ich verkatert in meinem Bett, blase in den Schaum meines frisch zubereiteten Cappuccinos und höre mir den ersten, den zweiten und den dritten und letzten Teil eines haarsträubenden Falls des Philip Maloney bei Radio SRF 3 an. Der Privatdetektiv nimmt es mit links mit Branchengrößen wie Sherlock Holmes, Hercule Poirot oder Philip Marlowe auf. Maloneys großes Markenzeichen: Er ist ständig so pleite wie Griechenland, stolpert öfter über eine Leiche als ein Wanderer im Basejump-Paradies Interlaken, hat gleich viel für die Polizei übrig wie ein Gangster-Rapper und pflegt den Whisky-Konsum frenetischer als ein Rockstar. Normalerweise taucht der gesuchte Täter erst 30 Sekunden vor dem Schluss der Geschichte zum ersten Mal auf. Trotzdem schafft es Maloney dank seiner Brillanz, ihn in dieser kurzen Zeit doch noch zu überführen. So geht das.

Der Sonntagnachmittag gehört der Schweizer Hitparade, ebenfalls bei Radio SRF 3. Hier werden von einem chronisch überdrehten Moderator wie Michael Birri die Singles und Alben der Woche präsentiert. Da die Qualität von Musik nicht messbar ist, beschränkt man sich in dieser Sendung gezwungenermaßen auf die Verkaufszahlen. Nicht selten schafft es hier ein Song an die Spitze, für den kein vernünftiger Mensch mit zwei funktionierenden Ohren jemals Geld ausgeben würde. Dafür gibt es allerdings eine einfache Erklärung: Der Europäischen Union ist unsere direkte Demokratie ein Dorn im Auge. Für sie ist es schlicht undenkbar, dass einfache Bürger über komplexe Themen wie Altersvorsorge, Landesverteidigung oder internationale Handelsabkommen abstimmen können. Damit die EU den Ruf nach mehr Mitspracherecht ihrer eigenen Bevölkerung weiterhin im Keim ersticken kann, hat die Propagandaabteilung in Brüssel bereits vor Jahren die streng geheime Operation Unlibero ins Leben gerufen. Mit Geldern, die ursprünglich für die Behebung des Bildungsdefizits in der deutschen Gangster-Rap-Szene hätten investiert werden sollen, werden die Musik-Verkaufszahlen in der Schweiz manipuliert. Über gefälschte Schweizer Online-Profile wird massenhaft Musik runtergeladen, die ungefähr so angenehm klingt wie der Bohrer deines Nachbarn um sieben Uhr morgens und nachweislich zu Gehörgangsverengungen führt.

Die Idee ist es, zu einem geeigneten Zeitpunkt die Bombe platzen zu lassen und mit einer Auflistung sämtlicher Nummer-Eins-Platzierungen der Schweizer Hitparade der letzten Jahre an die europäische Öffentlichkeit zu treten. Wenn die Liste dann mit Namen wie David Guetta, Justin Bieber oder Jennifer Lopez gespickt ist, wird man argumentieren, dass man ein Volk, das sich freiwillig so etwas anhört, doch unmöglich über Steuerpolitik, Einwanderung oder bilaterale Verträge entscheiden lassen kann. Schließlich sind die Songs, die es in die Hitparade schaffen, ebenfalls Mehrheitsentscheide. Parallel dazu wird man einen Plan vorlegen, wie man die Schweiz adoptieren und ebenfalls unter Bevormundung stellen kann. Das wird in Zukunft ein Problem sein, mit dem wir uns ernsthaft befassen müssen. Aber heute ist es einfach nur mühsam, wenn man am Sonntagnachmittag Radio hören will und sich stundenlang die Chartleiter raufleiden muss.

Am Sonntagabend folgt das Sportpanorama. Hier werden unsere unzähligen Sportskanonen wie Giulia Steingruber, Belinda Bencic, Dominique Gisin, Nino Schurter, Marco Odermatt, Marcel Hug, Steve Guerdat oder Andri Ragettli von Moderatoren wie Jann Billeter, Päddy Kälin, Matthias Hüppi oder Annette Fetscherin abgefeiert, nachdem sie wieder einmal irgendwo auf der Welt den Tarif durchgegeben haben.Noch betrunken vom Erfolg anderer Leute ziehe ich mir danach den Schweizer Tatort rein und freue mich bereits auf die nächste spannende Fernsehwoche.


Das war ein Ausschnitt aus meinem Buch Schweiz ist geil. Das ganze Buch kannst du als Print-Exemplar oder als E-Book in jedem Buchshop des Planeten bestellen. Zum Beispiel hier. Vielen herzlichen Dank.

Hinterlasse einen Kommentar