Lemmy

Einer wie keiner.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

1945 war der Zweite Weltkrieg Geschichte und in Europa begann das grosse Aufräumen. Diese Katastrophe hatte den Glauben an die Überlegenheit der christlich abendländischen Kultur in ihren Grundfesten erschüttert. Nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, erklärte Theodor W. Adorno. Vereinfacht gesagt meinte er damit, dass man nach dieser brutalen Zäsur nicht einfach so weitermachen durfte wie bis anhin. Schliesslich war es unsere Kultur, die die ganze Welt an den Rand des Abgrunds geführt hatte. Als Hobbyhistoriker und Pseudoreligionswissenschaftler habe ich ein wenig Recherche betrieben und ein paar interessante Sachen herausgefunden.

Da unsere alten Propheten so spektakulär gescheitert waren, war die Zeit reif für einen neuen Messias. Gott durfte seinen Sohn bereits vor rund 1945 Jahren auf die Welt loslassen. Deshalb war jetzt der Teufel an der Reihe. Und weil unsere Kultur auf christlichen Mythen aufgebaut war, griff Satan genau hier an und revidierte in einem ersten Schritt die Weihnachtsgeschichte. Hier die neue und coolere Version, die du gerne bei der nächsten Weihnachtsfeier der Familie weitererzählen darfst:

An Heiligabend 1945 haben sich eine Budget-Prostituierte und ein arbeitsloser Drogenhändler in einer mittelgrossen Stadt namens Stoke-on-Trent in den englischen Midlands in der abgefucktesten Bar zu einem Speed-Date getroffen. Das heisst, sie haben nicht nur schnell viel harten Alkohol, sondern vor allem viel Speed konsumiert. In kürzester Zeit waren die beiden so drauf, dass sie gegenseitig ihre Hässlichkeiten ignorieren konnten. Im Speed-Rausch rannten sie durch das Dunkel der Stadt und suchten nach einem passenden Ort, an dem sie auf ihre Art Weihnachten feiern und sich der Unzucht hingeben konnten. Aber in ihrem desolaten Zustand wurden sie wie Maria und Joseph ein paar Jahrhunderte vor ihnen von jedem Stundenhotel abgewiesen.

Sie hatten die Hoffnung auf ein wenig Zärtlichkeit bereits aufgegeben, als sie zu einem einsamen Saustall stolperten. Schnell war das Schloss geknackt und die beiden fielen vor den Augen der verdutzten Mastschweine auf dem dreckigen Boden übereinander her. In ihrer Erregung gab das Alptraumpärchen Laute von sich, die das Grunzen und Quietschen der Schweine wie Poesie von Rainer Maria Rilke klingen liessen. Speed sei Dank ging alles sehr schnell. Im Gegensatz zur Dauer ihrer Kopulation war jeder herkömmliche Quickie eine unendliche Liebesgeschichte. Nach einer12-Sekunden-Rammel-Orgie in fünf verschiedenen Positionen badeten die beiden ekstatisch in einem sturmflutartigen Höhepunkt. Nach einer zwei Sekunden dauernden Kuschel- und Verschnaufpause legten sie sich beide auf dem Betonboden und rauchten zusammen die Speed-Pfeife-Danach. Schliesslich wollten sie ja ihr Tempo nicht verlieren.

Nach zwei Zügen spürte die Budget-Prostituierte wie sich in ihrem Unterleib etwas bewegte. Sie legte seine Hand auf ihren Bauch und auch er nahm deutlich Vibrationen wahr. Geschockt schauten sie sich an. Sie wussten, dass das gerade nicht nur die befleckteste, sondern auch noch gleich die schnellste Empfängnis aller Zeiten gewesen sein musste. Neun Minuten später wurde Klein-Lemmy am 24. Dezember 1945 im Schweinestall geboren. Seine ersten Worte waren: «Born to Raise Hell». Die Eltern konnten ihr Glück kaum fassen. Das änderte sich allerdings am nächsten Tag, als die beiden wieder nüchtern wurden. Doch dank dem ganzen Speed-Konsum seiner Eltern hatte sich Lemmy so schnell entwickelt, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits kurz vor der Pubertät stand. Fluchtartig haben die Eltern den Schweinestall und ihr selten hässliches Kind verlassen und sind für immer in der Gosse abgetaucht.

Kurz darauf tauchten die drei unheiligen Könige aus der Unterwelt mit den Geschenken Whisky, Zigaretten und Kokain im Schweinestall auf. Die drei Könige sind angeblich einer Stripperin namens  Stella gefolgt, die ihnen in Trance den Weg zu ihrem neuen besten Kunden wies. Lemmy, mittlerweile ein junger Erwachsener, nahm die Gaben dankend an, verabschiedete sich freundlich, murmelte etwas wie «March ör Die» und zottelte los. Unterwegs schnappte sich Lemmy einen Rickenbacker-Bass auf, begann dreckigen und schnellen Rock n’ Roll zu spielen und gründete nach einigen Umwegen die Band Motörhead. Mit dieser wurde er weltberühmt und zu einer Inspiration für Millionen von Menschen – zum Beispiel für mich.

Ich war ungefähr 17 Jahre alt, als zum ersten Mal die Dezibelattacken von Motörhead meine Gehörgänge massakrierten. Ich war sofort Fan. Kracher wie «Ace of Spades», «Killed by Death» oder «No Voices in the Sky» sorgen noch heute dafür, dass ich bereits nach dem zweiten Ton automatisch meine Hosen runterlasse, auf den nächsten Tisch steige und hemmungslos headbange. Das ist am Samstagabend während einer Party weniger peinlich als am Montagmorgen in der Agentur – aber es ist ja nicht so, dass ich mein Verhalten kontrollieren könnte. Nachdem ich sämtliche Motörhead-Alben rauf und runter gehört hatte, fand ich mit der Zeit nicht nur die Musik, sondern auch Lemmy als Person interessant. In einer Zeit der gecasteten, gephotoshopten, auf Hochglanz polierten und skandalbefreiten Boygroups stand Lemmy mit seiner erfrischenden Hässlichkeit und seiner kompromisslosen Kunst wie ein Urgestein aus einer längst vergangenen Zeit mitten in der Süsswasser-Brandung. Zu diesem Anachronismus passt auch, dass mittlerweile eine vor 165 Millionen Jahren ausgestorbene Krokodilart nach ihm benannt wurde: Lemmysuchus.

Lemmy war authentisch, bevor das Wort überhaupt Mode wurde. Dabei interessierte er sich nicht für sein Image, sondern nur für die richtige Einstellung seiner Instrumente, das Schreiben neuer Alben und für die Kriege der Weltgeschichte. Man sagt zwar, dass eine Coca-Cola-Flasche so ikonenhaft ist, dass man ihr die einzelnen Scherben zuordnen kann. Aber Lemmy wies wesentlich mehr Alleinstellungsmerkmale auf. Dank seiner unzähligen Unique-Selling-Propositions wäre er der feuchte Traum eines jedes Marketingleiters gewesen. Über den Vergleich mit einer Cola-Flasche hätte er nur lachen können. In seiner Freizeit sammelte er gerne Utensilien aus dem 2. Weltkrieg. Wäre er auf einer seiner Sammeltouren über einen Blindgänger gestolpert, und hätte dieser ihn und 50 weitere Personen zerfetzt und die Einzelteile in einem Radius von 300 Metern in die Landschaft geschleudert, man hätte jedes einzelne Körperteil von Lemmy ganz klar identifizieren können.

Niemand hatte eine dickere Haut als er, keiner hatte mehr Rückgrat als er und keiner hatte eine Leber, die länger dem Burnout getrotzt hatte, als er. Weitere Markenzeichen waren der Kavallerie-Hut auf seinem Kopf, zwei Fibrome auf seiner linken Wange, die Zigarette in seinem Mundwinkel, der elegant geschnittene Bart, das Eiserne Kreuz an seiner Halskette, Jeans, die so eng geschnitten waren, dass andere Leute damit nur Spiegeleier in der Gegend herumgetragen hätten, er aber Hoden aus Heavy-Metal darin parkierte und mit diesen mehr Frauen beglückte als Zalando, und seine Cowboystiefel, die er nach eigenen Vorstellungen anfertigen liess.

Lemmy war ein Mann der Prinzipien. Er hat aus Prinzip nichts anderes getrunken als Jack Daniels mit Coca-Cola. Aus gesundheitlichen Gründen ist er in seiner Spätphase auf Wodka Orange umgestiegen – dieser Drink beinhaltete immerhin Vitamin C. Aus Prinzip hat er bis auf Heroin sämtliche Drogen konsumiert, die ihm von der Natur oder der Chemie zur Verfügung gestellt wurden. Ein Bluttropfen von Lemmys Blut in einer Bowle hätte gereicht, um ganz Las Vegas durch eine Silvesterparty zu bringen. Am 28. Dezember 2015 ist Lemmy von der Weltbühne abgetreten. Ich habe früh am Morgen auf dem Weg nach Marokko aus dem Radio davon erfahren und wurde extrem traurig. Dass selbst ein unzerstörbarer Bastard wie Lemmy sterben konnte, das war so unvorstellbar, wie wenn eines Tages Unkraut, Kakerlaken oder der Tod aufhören würden zu existieren. Thanks for the Music.

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