Pumuckl

Gut unsichtbar für alle.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Es war im Sommer 1989. Ich war zwölf Jahre alt und in meinem Heimatort Pontresina turnte ein Sportevent mit regionaler Ausstrahlung über die Bühne. Das ganze Oberengadin war eingeladen, sich in den Disziplinen Leichtathletik, Schwimmen und Velofahren zu messen. Es war ein Fest der körperlichen Ertüchtigung und der Bewegung. Citius, altius, fortius. Und weil damals Bier, Zigaretten und McDonald’s für mich noch so tabu waren wie Senf für eine Olmabratwurst, gehörte ich nicht einmal zu den schlechtesten Teilnehmern. Okay, ich gebe es zu. Ich habe gerade tiefer gestapelt als wenn Shakespeare behauptet hätte, er wäre ein durchschnittlicher Dramatiker gewesen. In der Leichtathletik gehörte ich zu den absoluten Favoriten meines Jahrgangs. Das lag bestimmt auch daran, dass ich grösser war als die meisten gleichaltrigen Kinder. Nach meiner eigenen Wahrnehmung habe ich mich damals beim Hochsprung in Höhen katapultiert, die Stratosphärenspringer Felix Baumgartner heute nur mit Heliumballon und Druckkapsel erreichen kann. Ich habe mir beim Hochsprung auch jeweils einen Sauerstoffmaske über das Gesicht gezogen und ein Seil um den linken Fuss gebunden. An diesem hätte mich mein Turnlehrer wieder zurück auf die Erde ziehen können, falls ich eines Tages tatsächlich aus dem Gravitationsfeld der Erde gesprungen wäre. Kein Witz!

Nach den Wettkämpfen in den Disziplinen Sprint, Langstreckenlauf, Weitsprung, Kugelstossen und Speerwerfen versammelten sich sämtliche Teilnehmer und Zuschauer im Hallenbad Pontresina zum 200 Meter Schwimmen – dem letzten Rennen des Tages. Die Preisverleihung fand aus logistischen Gründen gleich im Hallenbad statt. Angedroht war auch noch eine Rede unseres Gemeindepräsidenten Eugen Peter. Aus irgendeinem komischen Grund dachte dieser, es sei eine gute Idee, seine Ansprache auf dem Sprungbrett zu halten. Durch die Tatsache, dass er in viel zu engen Speedos und einem Bauch, dessen Umfang sogar den General-Sherman-Baum beeindruckt hätte, da oben gestanden ist, wurde seine rhetorische Zelebration des Sports zu einer reinen Farce. Die wenigsten konnten sich ein Lachen verkneifen. Ich gehörte nicht dazu. Seine schamlose und absolut ironiebefreite Liebeserklärung an Ästhetik, an das gesunde Leben und an die Disziplin standen in krassem Widerspruch zu dem, was sein Körper da oben vor dem versammelten Dorf darstellte. Das Verhältnis zwischen Bild und Ton war ungefähr so kontradiktorisch, wie wenn man einen Ted-Talk sehen würde, in dem Roger Köppel vor den Gefahren des menschengemachten Klimawandels warnt, eine Bachelor-Kandidatin über die Würde der Frau oder ein Anhänger des Schwarzen Blocks über die Nikomachische Ethik philosophieren würde.

Jedenfalls war die Stimmung im Hallenbad ausgelassen. Die Voraussetzungen für eine stimmungsvolle Medaillenfeier waren gegeben. Die Gewinner sämtlicher Disziplinen wurden ausgerufen, durften nach vorne treten und vor dem gesamten Engadin ihre Auszeichnungen abholen und sich feiern lassen. Gespannt sass ich auf der Tribüne, klatschte anständig bei jedem ausgerufenen Namen. Selbstverständlich hoffte ich auf eine Medaille im Hochsprung. Endlich war mein Jahrgang an der Reihe. Meine Hände wurden feuchter, meine Knie weicher. Nach endlosen Minuten war es soweit. Der dritte Platz und der zweite Platz im Hochsprung des Jahrgangs 1977 wurden verlesen. Mein Name war nicht dabei. Meine Nervosität drohte mich zu zerreissen. War ich nicht so gut, wie ich gedacht hatte, oder war ich wortwörtlich auf den ersten Platz gesprungen? Und tatsächlich, über die Boxen schallte die frohe Botschaft: «… und auf dem ersten Platz, der einheimische Dominik Brülisauer.»

In meiner Erinnerung sprangen die Leute von ihren Sitzen, jubelten frenetisch und sangen mit Freudentränen in den Augen meinen Namen. Ich blieb noch zwei Sekunden sitzen, schaute ungläubig in die Menge, tat so, als wäre ich so richtig überrascht, stand auf, drängte mich durch die mir auf die Schultern klopfenden Fans und eilte mit winkenden Armen und meinem freundlichsten Lächeln im Gesicht nach vorne auf die Bühne. Ehre, wem Ehre gebührt, habe ich mir gedacht und gleichzeitig «One Moment in Time» von Whitney Houston gesummt. Und wie ich so sportlich wie nur möglich im holen Kreuz winkend um die Ecke des Schwimmbeckens rannte, rutschte ich auf dem nassen Hallenbadboden aus und knallte mit voller Wucht auf den steinharten Boden. Mir gab es einen Schlag auf den Hinterkopf, als wäre ich gerade in einem Hallenbad ausgerutscht und mit voller Wucht auf einen steinharten Hallenbadboden geknallt. Halb benommen blieb ich liegen – wäre ich ein Optimist, hätte ich jetzt geschrieben, dass ich halb bei Bewusstsein liegen blieb. Aber eben. Aus weiter Ferne hörte ich Menschen lachen und andere schockiert aufschreien. Nachdem sich die Sterne verzogen hatten und das Peinlichkeitsgefühl sich in meinem ganzen vor Schock gelähmten Körper ausbreitete, dachte ich an einen meiner alten Helden Pumuckl – den kleinen vorwitzigen Kobold mit dem roten Haar.

Pumuckl war der Held einer deutschen Kinderserie. Der kleine Kobold wohnte beim Schreinermeister Eder in der Werkstatt. Der grossväterliche Meister Eder war zwar oft genervt, weil der kindsköpfige Pumuckl nicht selten Chaos stiftete, freche Kommentare von sich gab und blöde Fragen stellte. Aber er war auch froh darüber, dass er jemanden zum Plaudern hatte. Pumuckl war immer extrem gut drauf, immer zu Spässen aufgelegt, immer für einen Streich bereit, immer ein wenig laut und immer aufgedreht. Wäre der Kobold ein menschliches Kind gewesen, hätte man es mit Ritalin abgefüllt und mit zahlreichen Therapien versucht gesellschaftsfähiger zu gestalten. Das beste am Pumuckl war aber, dass er ausser für den Meister Eder für alle Menschen unsichtbar war. Während den Sendungen wurde das visuell so umgesetzt, dass sich die Trickfilmfigur ganz einfach in Luft auflöste, sobald andere Leute in der Schreinerei auftauchten.

Als ich so auf dem warmen Hallenbadboden lag, hätte ich alles dafür gegeben, wenn ich mit den Fingern hätte schnippen können und wie der Pumuckl von der Bildfläche verschwunden wäre. Aber wie du dir bestimmt vorstellen kannst, war das leider nicht möglich. Als ich mich langsam aber sicher aufrichtete, fingen auch noch die Leute an zu lachen, die anständig genug waren, ihre Gelächter so lange zurückzuhalten, bis klar wurde, dass ich nicht querschnittgelähmt war oder mein Hirn gerade aus meiner gesprengten Schädeldecke hervorquoll.

Ich kämpfte mich auf die Bühne, schwankte eine Minute – die mir so lange vorkam wie drei Wochen Zweierhaft mit DJ Antoine – auf dem Podest herum und wartete darauf, dass ich endlich meine verdammte Medaille umgehängt bekam. Verflucht. Es ist ja nicht gerade so, dass aus mir ein Roger Federer geworden ist, der alle zwei Stunden an einer Preisverleihung einen Pokal entgegennehmen darf, einen auf bescheiden machen und allen für die Aufmerksamkeit und die Anerkennung für seine Leistungen danken kann. Nein, wettkampfmässig war ich eher ein One-Hit-Wonder. Hätte ich der Welt jemals etwas mitteilen können, wäre das die Gelegenheit gewesen. Stattdessen machte mich meine Tollpatschigkeit zum Gespött des ganzen Dorfes. Plötzlich hatten auch alle vergessen, was für eine Figur unser Gemeindepräsident vor gut zehn Minuten noch auf dem Sprungbrett gemacht hatte. Und falls du jetzt das Gefühl hast, der Pumuckl bekam relativ wenig Platz in diesem Text, lass dir eins gesagt sein. Ich brauchte endlich eine Gelegenheit, mir diese Geschichte von der Seele zu schreiben. Danke fürs Zuhören.

29_Meine_Helden_Pumuckl_fertig

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