Bob Marley

Liebe geht durch die Ohren.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Es war im Sommer des Jahres 1995 als ich zum ersten Mal mit Bob Marley konfrontiert wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich eigentlich nur für Musik interessiert, die möglichst laut und möglichst schnell war, mit verzerrten Gitarren gespielt wurde und zu der ein Sänger Wörter wie «Death», «Kill» oder «Blood» geschrien hat. Wurden in einem Song Frauen besungen anstatt ausgeweidet oder der Sonnenschein anstatt der Blutregen zelebriert, betrachtete ich das entsprechende Stück nicht mal als Musik. Dass mir auch langsame Lieder gefallen könnten, in denen Begriffe wie «Love», «Positive» oder «Peace» vorkommen, das war für mich damals so undenkbar wie für kleine Kinder, dass sie später mal Spinat gut finden würden. Aber während Wissenschaftler beim Spinat davon ausgehen, dass die Kinder aus evolutionsbiologischen Gründen alles was bitter oder sauer schmeckt als giftig und somit ungeniessbar interpretieren, sie im Laufe ihres Lebens aber von ihren Eltern durch rohe Gewalt gezwungen werden können, ihn doch noch zu mögen, war es bei mir und Bob Marley freiwillige Liebe auf den ersten Blick respektive Hörgenuss.

Während unseren Familienferien im Watamu Beach Resort in Kenia haben mein Bruder und ich am Abend im Dorf gerne eine kleine Bar konsultiert um bei ein paar Bierchen den vergangenen Tag zu reflektieren. Wir haben gegenseitig unsere Frisbeewurftechniken analysiert, uns erzählt, was wir gelesen haben, über die Schönheit der einheimischen Frauen sinniert, die uns am Strand den Kokosnusssaft serviert hatten, ausgewertet, ob wir den Tag über mehr auf dem Rücken oder auf dem Bauch gelegen sind und bereits einen Ausblick auf den nächsten Ferientag gewagt. Würden wir eher schlummern oder vielleicht mal dösen? Oder zur Abwechslung mal ein wenig Chillen? Ich würde behaupten, wir waren in diesen zwei Wochen so faul unterwegs, dass man uns zeitweise als klinisch tot hätte erklären können.
Mein Bruder und ich waren in der Bar normalerweise die zwei einzigen Weissen und kamen uns entsprechend vor wie Vanilla Ice und Eminem an einer Hip-Hop-Convention. Die Einheimischen hatten sichtlich Freude daran, dass wir uns regelmässig mit ihnen betrunken haben. In dieser Bar, in der wir uns schon nach dem ersten Abend daheim fühlten, lief immer die gleiche Musik. Auffallend waren die Offbeat-Phrasierung und die eingängigen Refrains der Songs. Sie machten gleichermassen Lust auf Tanzen und auf Marihuana-Konsum. Zum Vergleich: Pop stimulierte meinen Brechreiz, bei Techno wollte ich jeweils mit einer Uzi auf den lokalen Kirchturm steigen und jedes Lebewesen im Umkreis von einem Kilometer von seiner irdischen Existenz befreien, und Schlagermusik löste bei mir eine unbändige Lust aus mich mit Brennsprit zu übergiessen, anzuzünden und in das nächstbeste Sprengstofflager zu stürmen. Wie du siehst: Tanzen und Kiffen waren bei mir durchaus positive Reaktionen auf den Konsum eines bestimmten Musikstils.

Eines schönen tropischen Abends habe ich einen letzten Schluck aus meiner Tusker-Bierflasche getrunken und die drei Einheimischen am Nachbartisch freundlich angefragt, wer denn dieser Musiker sei, der hier jeden Abend auf der Endlosschlaufe gespielt werde. Sie haben mich ungefähr so ungläubig angekuckt, wie wen man in Rom jemanden fragen würde, wer denn der Typ am Kreuz sei. Nachdem ich ihnen glaubhaft machen konnte, dass ich sie nicht verarschen wollte, haben sie mir erklärt, dass sein Name Bob Marley sei. Seine Hits wie «Stir it Up», «Redemption Song» oder «No Woman, No Cry» seien legendär und sie wollten wissen, ob ich einen Hirnschlag gehabt hätte und gerade dabei war alles neu zu lernen, ober warum ich sonst noch nie etwas von Bob Marley gehört hätte. Nun ja, ich machte das Bildungssystem der Schweiz dafür verantwortlich. In der Schule hatte ich tausende von Stunden damit verbracht, den Namen jedes Berges in Graubünden auswendig zu lernen oder wie man Körbe flechtet. Solch elementare Allgemeinbildung hatte in den Pontresiner Schulzimmern anscheinend keinen Platz. Das überraschte mich im Nachhinein umso mehr. Je mehr ich über diesen Reggae-Übervater in Erfahrung gebracht hatte, war ich davon überzeugt, dass man nicht nur den Musikunterricht, sondern so gut wie jedes Schulfach mit den positiven Vibrations von Bob Marley hätte beleben können. In Geografie hätte man alle Stationen durchgenommen, die Bob Marley auf seinem Siegeszug aus seinem kleinem Kaff namens Nine Miles auf Jamaika um die ganze Welt besucht hatte. In Religion wäre der vermeintliche Messias Haile Selassie, die Rastafari-Bewegung und der Reggae-Gott Marley ein dankbares Thema gewesen. Schätzungen zufolge zeugte der grosse Bob zwischen 22 und 46 Kinder. Das wäre ein übergreifendes Thema für die Fächer Sexualkundeunterricht, Buchhaltung und Mathematik gewesen und hätte Schüler bestimmt mehr gefesselt als die nackte Theorie.

Bob Marley wurde in meiner Jugend eine Art Ziehvater für mich. So wie Obi Van Kenobi für Luke Skywalker oder Helmut Kohl für Angela Merkel. Aber im Gegensatz zu diesen zwei Figuren bin ich meinem Mentor nie in den Rücken gefallen. Zurück in der Schweiz begann ich meine Haare wachsen zu lassen und wollte mich frisurentechnisch meinem Idol so weit angleichen wie nur möglich. Ich musste bald herausfinden, dass sich Dreadlocks wachsen zu lassen komplizierter war als der Beziehungsstatus zwischen Hund und Katzen. Falls du beim Anblick des nächsten Rastamenschen denkst, der trage Filzlocken, weil er zu faul ist sich seine Haare zu kämmen, lass dir folgendes gesagt sein: Die Kultivierung von Dreadlocks kostet dich mehr Zeit, Tränen und Mühe als ein Abonnement bei der Swisscom. Und da meine Haare unbändiger waren als eine Gruppe Teenager auf Energydrinks, musste ich sie mit reiner Gewalt zum Verfilzen zwingen. Dazu knetete ich von Zuckerwasser, über Wachs bis Bienenhonig alles in Haare, was ich aus irgendeiner Quelle als einigermassen probates Hilfsmittel zur Rastabildung in Erfahrung bringen konnte. Ausgelassen habe ich nur Fischkleister, Erdöl und Zementit.

Und tatsächlich bildeten sich eines Tages die ersten Verfilzungen. Ein Israelit, der die Wüste zum Erblühen gebracht hätte, hätte sich nicht mehr über die Ernte seiner Arbeit freuen können. Ja, ich fühlte mich wie ein karibischer Sonnyboy. Wenn ich allerdings heute die Fotos aus dieser Zeit so anschaue, erinnert mich das Resultat eher an die Medusa. Im Nachhinein hätte ich mich haartechnisch lieber an einen anderen Helden von damals orientieren sollen – zum Beispiel Billy Corgan von den Smashing Pumpkins. Das hätte mir einige Mühe und viel Gelächter von meinen Eltern, Grosseltern und jeder anderen Person, der ich in den folgenden vier Jahren begegnet bin, erspart.

Aber auch in der Liebe machte Bob Marley mein Leben nicht unbedingt einfacher. Von ihm stammt die unglaublich motivierende Weisheit: «If she’s amazing, she won’t be easy. If she’s easy, she won’t be amazing. If she’s worth it, you wont give up. If you give up, you’re not worthy». Was klingt wie das Credo des internationalen Stalkervereins hat auch mich immer wieder dazu motiviert, Frauen anzumachen, die einige Etagen über meinem Niveau unterwegs waren. Das hat mir nicht nur ganze Ladungen Pfefferspray in meine Lieblingsaugen, Tritte in meine Weichteile und richterliche Verfügungen eingebracht, sondern auch immer wieder Erfolgserlebnisse. Aber wie du weisst, eine Frau, die nicht easy ist, verlangt soviel Aufmerksamkeit und Pflege wie Dreadlocks. Heute bin ich mit einer easy Frisur und mit einer easy Frau vollkommen zufrieden.

28_Mene_Helden_Bob_Marley_fertig

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