Peter Lustig

Alles eine Frage der richtigen Antwort.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Wenn man auf die Welt kommt, beginnt man sein biologisches Programm abzuspulen und stellt keine dummen Fragen. Jedenfalls gilt das für 99.9999 Prozent aller Lebewesen. Setzlinge wachsen in Richtung Lichtquelle. Sie machen sich keine Gedanken darüber, woher sie kommen oder wohin sie mal gehen. Aus diesem Grund wird auch niemals eine Pflanze sagen, dass sie bald zu ihren Wurzeln zurückkehren möchte. Bei den Tieren ist es nicht viel anders. Affenbabys krallen sich an ihren Müttern fest, Elefantenbabys zotteln mit ihrer Herde mit und Eintagsfliegenbabys sind nach fünf Stunden bereits keine Eintagsfliegenbabys mehr, sondern junge Eintagsfliegenerwachsene, nach 12 Stunden erleben sie ihre Midlife-Crisis, nach 20 Stunden geben sie mit ihrer Lebenserfahrung an und vier Stunden später sind sie bereits wieder von der Oberfläche dieses wunderbaren Planeten verschwunden. Auch hier passiert alles automatisch und es werden keine blöden Fragen gestellt.

Bei den Menschen ist das alles ein wenig anders. Unser Leben ist eigentlich eine Aneinanderreihung von Fragestellungen. Säuglinge wollen beispielsweise wissen, warum die Muttermilch zwar an zwei Zapfsäulen, aber nur in einer Geschmacksrichtung erhältlich ist. Kinder wundern sich, warum ihre Eltern Big-Data-Sammler wie die NSA, Google und Amazon verfluchen, gleichzeitig aber den grössten Stalker und Datensammler überhaupt, den Samichlaus, als adäquates Erziehungsinstrument zelebrieren. Jugendliche wollen wissen, wo sie genug Schwarzpulver herbekommen, wenn die Eltern ihnen gesagt haben, sie sollen den Rasen vor dem Haus sprengen. Erwachsene betrachten den Krater, der mal den Rasen vor ihrem Haus dargestellt hat, und grübeln darüber nach, warum sie sich damals unbedingt fortpflanzen wollten. Und die Senioren wiederum beschäftigen sich nur noch mit einer Frage: «Wenn ich mit meinem Rollator zu schnell in der 30er-Zone unterwegs bin, gibt das eine Geh- oder eine Fahrbusse?».

Als Kind stellte ich mir ebenfalls viele Fragen. Mich nahm es zum Beispiel wunder, warum ich von morgens bis abends meine eigene Spucke schlucken musste. Machten das alle anderen auch? Oder war mit mir etwas nicht in Ordnung? Es gab eine Zeit, da war ich felsenfest davon überzeugt, dass alle anderen ekelerregt ihre Nasen gerümpft hätten, wenn ich ihnen erzählt hätte, was ich den ganzen Tag über so mache. Deshalb behielt ich mein Geheimnis für mich, produzierte weiterhin mit meinen kleinen Speicheldrüsen in meiner Mundschleimhaut Spucke und schluckte diese fleissig runter. Meine Mutter erklärte mir dann eines Tages, dass das ganz normal sei. Mein Selbstbewusstsein machte an diesem Tag einen riesigen Sprung nach oben. Juhui, ich war nichts Besonderes – etwas Schöneres kann man einem Kind gar nicht mitteilen.

Aber dieses Beispiel mit meinem Umgang mit der Spucke zeigt etwas Witziges auf. Jeder von uns wird in einen Körper geboren und muss mit diesem umgehen können. Beim Autofahren erklärt einem zuerst ein Fahrlehrer was man drücken muss um vorwärts zu kommen, mit was man den Wagen lenkt und mit welchen Hupsignalen man die Aufmerksamkeit der hübschen Passantin auf sich ziehen kann. Im Umgang mit dem eigenen Körper ist man aber mehr oder weniger Autodidakt. Es wäre doch lustig, wenn man als erstes eine Lebensschule besuchen müsste. Dort wird einem erklärt, wie, wann und warum man rennt, isst, hüpft, blinzelt, pinkelt, rülpst, schwitzt oder gähnt. Man lernt auf welche Anzeichen man achten muss, wie man einen bestimmten Vorgang einleitet, wo und wann man das Manöver ausführt und wie man seine Tricks verfeinern kann. Nach einer bestandenen Abschlussprüfung bekommt man ein Diplom und kann seinen Körper nun übernehmen und sicher durch den Alltag steuern. Dank so einer Körperfahrschule kann man es sich auch die Peinlichkeit ersparen, monatelang vor den Eltern in die Hosen zu kacken. Ich kann meiner Mutter heute noch nicht in die Augen schauen, ohne an diese unrühmliche Zeit zurück zu denken und beschämt im Boden zu versinken. Aber glücklicherweise habe ich das irgendwann kurz vor Abschluss der sechsten Klasse dann doch noch gelernt.

Obwohl man als Kind ganz viel Praktisches lernen muss, konnte meine Generation sich immerhin den theoretischen Rucksack mit viel Spass von einem Mann füllen lassen, der die Antworten auf alle nur erdenklichen Fragen kannte. Sein Name war Peter Lustig und er hat im ZDF die Wissensendung «Löwenzahn» moderiert. Neben seiner Allwissenheit gehörten blaue Latzhosen und eine Nickelbrille zu seinen Markenzeichen. Gewohnt hat er in einem blauen Bauwagen, der irgendwo draussen im Grünen gestanden ist. Von hier aus hat Peter Lustig den Kindern mit viel Geduld und Sprachwitz die Natur, die Technik, die Wirtschaft und die ganze Welt und das Universum näher gebracht. Einzig ein Rätsel blieb bis zum Schluss, warum seine Eltern ihn nicht auf den Namen Ernst, Nicht oder Saumässig getauft hatten. So einen Steilpass würde sonst wohl jeder annehmen, oder?

Aber bis auf diese Kleinigkeit konnte Peter Lustig allen alles beibringen. Er hätte den Kindern beibringen können, warum Halbschuhe Halbschuhe heissen und ob zwei Halbschuhe zusammen ein Paar Halbschuhe ergeben oder doch nur einen ganzen Schuh. Oder dass bei den Raben nicht jede Mutter als Rabenmutter bezeichnet werden darf, sondern man immer den Einzelfall betrachten muss. Dabei war er unglaublich talentiert und legte soviel Geduld an den Tag, dass er einem Investmentbanker Social Responsebilty hätte erklären können – und zwar so, das er es verstanden hätte. Oder er hätte einem Chinesen beigebracht, was Umweltschutz bedeutet. Er hätte selbst Leuten, die ununterbrochen mit ihren Smartphones im Hochformat filmen und diese Mühsamkeiten online stellen, gezeigt, dass die Augen von jedem Zuschauer horizontal angeordnet sind und er hätte ihnen angedroht, dass falls sie weiterhin so menschenverachtende Filme drehen, sie ab sofort nur noch Kinos besuchen dürften, in denen Filme auf eine vertikale Leinwand projiziert werden. Dank seinem pädagogischen und didaktischen Geschick hätte Peter Lustig der Schweizer Fussballnationalmannschaft fantasievolles Fussballspielen beigebracht, einem Analphabeten das Scrabble-Spiel oder einem Pegida-Anhänger Menschenachtung.

Es machte mal das Gerücht die Runde, Peter Lustig könne Kinder nicht ausstehen. Das war natürlich ein absoluter Blödsinn. Der Urheber dieser Behauptung war der Journalist Kai Biermann. Dieser hat sich dafür entschuldigt und erklärte, er habe das Gerücht versehentlich in die Welt gesetzt. Wenn Peter Lustig in seinem Job Kinder nicht gemocht hätte, dann wäre das ungefähr so gewesen, wie wenn ein Tagesschau-Moderator die Newsjunkies nicht ausstehen könnte, oder Mike Shiva verwirrte Leichtgläubige, oder die Tatort-Macher Anspruchslose, oder das Schweizer Fernsehen die Senioren, oder die Lottofee die Arbeitsscheuen, oder die Produzenten von «Berlin – Tag und Nacht» alle Leute, die beim Fernsehschauen einen Schlaganfall erlitten haben und bei ihrer Sendung nicht wegzappen können.

Ich persönlich habe von Peter Lustig gelernt, wie man richtig Bäche staut und wie man Strom produziert. Der Damm, den ich im Alter von zehn Jahren im Engadin in den Berninabach gebaut hatte, und mein dazugehörendes Wasserkraftwerk war bereit Strom zu produzieren, als eine Schlägertruppe der Kraftwerke Brusio meinen Kinderträumen ein jähes Ende bereitete.

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