Mister Spock

Das gute Gefühl, keine Gefühle zu haben.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Der Mensch ist ein neugieriges Wesen. Das Fremde reizt, das Unbekannte lockt und der eigene Horizont möchte erweitert werden. Das war schon immer so. Vor sieben bis fünf Millionen Jahren begann die Hominisation. So wird der Prozess genannt, in dem sich unsere Vorfahren von den anderen Menschenaffen abspalteten. Als erstes erfand der Homo Sapiens den aufrechten Gang – schliesslich hatte er bis zu diesem Zeitpunkt den Boden lange genug inspiziert und war jetzt bereit für mehr Überblick. Aber irgendwann war ihm seine nähere Umgebung auch nicht mehr genug. Seefahrer wie Christoph Columbus segelten ins Unbekannte und entdeckten neue Länder und Kontinente. Galileo Galilei beobachtete mit seinem Fernrohr den Nachthimmel über Florenz. Ernest Shackleton erforschte die Antarktis, Sigmund Freud das Reich des Unbewussten, Jacques-Yves Cousteau die Weltmeere und David Attenborough die Tierwelt. Ganz im Geiste dieser neugierigen Persönlichkeiten schleiche ich mich heute immer wieder gerne im Burkini in Frauenbadis und beobachte von meinem Liegestuhl aus durch meine übergrosse Sonnenbrille das andere Geschlecht im Naturzustand. Ich überlege mir bereits ein Buch über meine Beobachtungen zu veröffentlichen. Als Buchtitel sind noch in der engeren Auswahl: «Nackte Tatsachen. Erkenntnisse eines Verhaltensforschers», «Hinter feindlichen Linien» oder «Wie behalte ich meine Erektion unter Kontrolle damit sich andere Sonnenbadende nicht über den Schattenwurf beklagen müssen». Höhöhö. Silvio Berlusconi wollte das Buch bereits vorbestellen.

Die Eigenschaft des Menschen immer tiefer in fremde Gebiete eintauchen zu wollen, gipfelte in der Raumfahrt. Um den Russen den Tarif durchzugeben, rief im Jahre 1961 US-Präsident John F. Kennedy den Mond als Flugziel aus. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollte ein Amerikaner auf dem Mond landen. Die amerikanische Regierung stellte ein Projekt vor, bei dem man mit einer aufgerüsteten Kanone aus dem Nitro-Circus eine menschliche Kanonenkugel direkt von der Erde aus auf den Mond geballert hätte. Allerdings war die Astronauten-Gewerkschaft von diesem Vorschlag alles andere als begeistert. In einem ersten Schritt verlangte die Gewerkschaft, dass man das ganze seriös angehe, ein Team zusammenstelle und die Astronauten mit einer komfortablen Rakete auf den Mond schiesse. Die Budgetverantwortlichen im Weissen Haus trauten ihren Ohren nicht. Als die Astronauten-Gewerkschaft dann auch noch verlangte, dass man die Astronauten allesamt wieder heil zurück auf die Erde holen müsse, sind sie total durchgedreht. Aber obwohl die amerikanische Regierung allen Verhandlungspartnern versuchte klar zu machen, dass die Russen bereits geschlagen seien, wenn ein Amerikaner zuerst auf dem Mond ankomme, und ein Rückflug-Ticket die ganzen Reisekosten unnötig verdoppeln würde, beharrte die Astronauten-Gewerkschaft auf ihren Luxusforderungen und setzten sich schlussendlich durch.

Während der Aufbruch- und Weltraumgeilheitsstimmung der 60er-Jahren entstand auch die TV-Serie «Raumschiff Enterprise». Im Vorspann zu jeder Folge hiess es jeweils: «Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat». Gut, zugegeben, die Enterprise hätte sich nicht viele Lichtjahre von der Erde entfernen müssen, um Dinge zu beobachten, die noch nie ein Mensch gesehen hatte. Die Besatzung hätte auch hier bleiben und auf den Moment warten können, an dem zum ersten Mal ein Mensch ein Fussballspiel im Liveticker eines Onlinemagazins mitverfolgt, Cameron Diaz sich für ihre Filme entschuldigt oder die Juso einen mehrheitsfähigen Einfall hat. Okay, bei genauerem Überlegen, ist der Weltraum wohl doch erfolgsversprechender. Die Besatzung der Enterprise hat schon lange Kultstatus erreicht. Zu den bekanntesten Mitgliedern gehörten Captain James T. Kirk, Schiffsarzt Dr. Leonard McCoy und der Erste Offizier und Wissenschaftsoffizier Mr. Spock. Die Besatzung der Enterprise selbst setzte sich nicht nur aus Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe zusammen, sondern auch aus diversen Spezies – in der gesamten Serie traten sogar hunderte von intelligenten Lebensformen auf. Wer hier auf der Erde bereits von Rassismus befallen ist, wird spätestens nach fünf Minuten «Raumschiff Enterprise» rezipieren überhitzt aus dem Fenster seiner Sozialwohnung springen.

Captain Spock war jeweils zur Hälfte Vulkanier und Erdling. Zu seinen markantesten Merkmalen gehörten sein blauer Anzug, seine spitzen Ohren, sein grünes Blut, seine Dumm-und-Dümmer-Frisur und die Form seiner Augenbrauen. Die Vulkanier waren dafür bekannt, dass sie ihre Gefühle konsequent unterdrücken und sich nur auf Logik verlassen konnten. Aus diesem Grund bildete Spock während meiner Jugend die Antipode zum stets spontan und emotional handelnden Homer Simpson. Dank ihm versuchte ich heute noch mich nicht von meinen Emotionen steuern zu lassen, sondern Situationen stets objektiv und rational zu beurteilen. Ich kann von mir behaupten, dass ich das auch stets ausgezeichnet hinkriege.

Ich beende Beziehungen nicht aufgrund mangelnder Liebe, sondern auf Grund einer Kosten-Nutzen-Analyse. Während meinem Studium war ich beispielsweise knapp bei Kasse. Meine damalige Freundin legte aber Wert auf Luxussachen wie einmal im Monat zusammen ins Kino gehen, Bio-Lebensmittel in meinem Kühlschrank und dass ich alle sechs Monate eine neue Zahnbürste kaufte. Sie war zwar wunderschön, intelligent und ich war auch überglücklich und über beide Ohren in sie verknallt, aber nach genauerem Überlegen kam ich zum Schluss, dass ich mit ihr Schluss machen musste. Ich konnte mir meine Traumfrau einfach nicht mehr leisten. Ausser ich hätte einen der zahlreichen Jobs angenommen, die mir damals angeboten wurden, und hätte am Abend anstatt Bier zu trinken für fremde Menschen Texte geschrieben. Zwar bin ich dann über Monate nächtelang wach im Bett gelegen und habe ihr nachgeweint, aber ich war auch stolz darauf, dass ich mein Verhalten nicht von so etwas Primitivem wie Gefühlen diktieren liess.

Ein anderes Beispiel, wie ich mich von der Logik durch das Leben führen lasse, ist die Auswahl der Geschenke, die ich meiner Grossmutter gemacht habe. Ich hatte berechnet, wie viele Jahre sie rein statistisch noch Freude an meinem Geschenk haben könnte und wie viel Geld adäquat war, von mir dafür zu investieren. Das führte dazu, dass die Sachen mit den Jahren immer billiger und schnelllebiger wurden. Irgendwann hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass ich ihr ein Jahresabo für den Bowlingclub bezahlten sollte, sondern dass ein Halbjahres-Abo eventuell reichen würde. Auch eine Arcteryx-Bergsteigerausrüstung mit lebenslanger Garantie war vollkommen über das Ziel hinausgeschossen. Auch die Bücher, die ich geschenkt hatte, wurden immer dünner. Anstatt «Eine kurze Geschichte der Zeit» von Stephen Hawking entschied ich mich für «Die kürzeste Geschichte der Zeit». Es wäre ja himmeltraurig gewesen, wenn sie gestorben wäre, bevor sie das Buch zu Ende gelesen hätte. Da die Frauen in der Schweiz eine Lebenserwartung von 85 Jahren haben, habe ich ihr ab diesem Geburtstag nur noch Geschenke gemacht, die bereits eine Woche später verbraucht oder veraltet waren. Dazu gehörten selbstverständlich Blumen, Früchte oder das neuste iPhone. Spock wäre stolz auf mich gewesen, wenn er damals bereits geboren gewesen wäre. Das passiert aber erst im Jahre 2230.

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