Lucky Luke

Zieht schneller als sein Schatten.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Ich bin zu einer Zeit gross geworden, als die Menschen noch geraucht haben. In meiner vielleicht etwas nebulösen Erinnerung wurde ich von einer paffenden Hebamme auf die Welt geholt, im Kindergarten stapelte ich meine Klötzchen neben einer qualmenden Betreuerin und in der Kirche blies der Pfarrer seinen Rauch von der Kanzel runter in Richtung seiner Schäfchen. Jawohl, damals hat jeder geraucht – der Nachrichtensprecher, der Turnlehrer, der Bademeister, der Lungenarzt und sämtliche Schriftsteller, Schauspieler und Musiker. Damals rauchten die Actionhelden während den Verfolgungsjagden selbstgedrehte filterlose Kippen, die einen ausgewachsenen Elefantenbullen umgehauen hätten. Selbst ihre Autos kannten noch keine Katalysatoren und haben die Nachbarschaft mit anständigen Rauchwolken veredelt. Heute trinken die sogenannten Actionhelden im besten Fall einen Energy-Drink – aber dann rasen sie schockiert ab der eigenen Kühnheit auf ihren E-Scootern zurück ins Fitnesscenter um die angesoffenen Kalorien auf dem Laufband schnellstmöglich wieder wegzubrennen.

In meiner Jugend konnte man sich unter dem Begriff Nichtraucher nichts vorstellen. Wenn sich jemand als Nichtraucher betitelte, haben die normalen Menschen so irritiert geguckt, wie wenn jemand gesagt hätte, man sei ein Nichtesser, ein Nichttrinker oder ein Nichtschönwettergeniesser. Man kann sagen, dass die Nichtraucher damals so exotisch waren wie heute die Nichtveganer, die Nichtesoteriker oder die Nichtdepressiven.

Damals rauchte man auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln. In der Rhätischen Bahn waren die Raucherabteile mit roten Sitzen ausgestattet, damit die normalen Leute sie gut finden konnten. Die wenigen Nichtrauchersektionen waren giftgrün gekennzeichnet, so dass man schnell gemerkt hat, dass man an der falschen Stelle eingestiegen war und diesen Un-Ort fluchtartig verlassen konnte. Hier sassen höchstens stillende Frauen oder Punks. Selbstverständlich haben die Punks auch hier geraucht. Sie liessen sich einfach nicht von irgendwelchen Farbcodes vorschreiben, wo sie ihr Kraut zu paffen haben. Sie ignorierten das Apartheidregime, das die Raucher von den Nichtrauchern trennte. Früher traute sich kein Nichtraucher einen überdramatischen Hustenanfall zu simulieren, wenn man neben ihm im Restaurant, im Fahrstuhl, in der Oper, in der Sauna oder an der Benzinzapfsäule eine Kippe anzündete. Man erntete als Raucher höchstens anerkennende Blicke.

Auch in den Flugzeugen wurde früher ganz selbstverständlich geraucht. Deshalb findet man in jedem älteren Flugzeugsitz Aschenbecher. Diese Aschenbecher sind zwar mittlerweile so überflüssig geworden wie männliche Brustwarzen, Weisheitszähne, Wahlurnen in Russland oder regelmässige Körperpflege, sobald man in einer Beziehung ist. Aber die Aschenbecher erinnern immer noch an die gute alte Zeit. Eine Zeit, als es an den Flughäfen Non-Fumoirs gab, in denen die einzelnen Nichtraucher ein wenig Frischluft schnuppern konnten und in der Flight-Attendants den Passagieren vor dem Abflug keine Sicherheitsregeln erklären mussten, sondern den Leuten gezeigt haben, wie sie den Aschenbecher am besten bedienen sollten und welchen Notfallknopf sie zu drücken haben, falls ihnen die Kippen oder das Feuer ausgehen würden. Heute werden die Piloten gezwungen, während dem Flug alle fünf Minuten zu erklären, dass dies gerade ein Nichtraucherflug sei und man im Falle einer Zuwiderhandlung in hohem Bogen aus dem Flugzeug geworfen werde. Das Blöde daran ist, dass bei jeder dieser Durchsagen der Lustbereich im Hirn jedes Rauchers durchdreht wie eine Promi-Reporterin beim Anblick eines Promis. Aus diesem Grund ist es den Tabakfirmen sogar recht, dass Gesundheitsorganisationen Geld für Antirauchkampagnen ausgeben. Sie wissen, dass bereits konditionierte Hirne auch bei Todeswarnungen und Bildern von ausgekotzten schwarzen Lungen mit Lust auf Nikotin reagieren. Die Situation ist vergleichbar mit Femen-Aktivistinnen, die nackt gegen sexuelle Übergriffe protestieren und dabei die halbe Welt aufgeilen.

In der guten alten Zeit war es auch noch möglich, dass einer meiner grössten Kindheitshelden während seinen Abenteuern geraucht hat – damit meine ich natürlich Lucky Luke. Neben Buffalo Bill, John Wayne, Art Furrer und einem Sechstel der Village People gehört Lucky Luke zu den berühmtesten Cowboys der Geschichte. Obwohl Lucky Luke als Cowboy zu betiteln ungefähr so übertrieben ist wie Christoph Blocher als Bauern zu bezeichnen – schliesslich hat er in den Comics so gut wie nie auf diesem Job gearbeitet. Viel lieber ritt er auf seinem Pferd Jolly Jumper durch die Prärie. Sporadisch wurde er noch vom vertrottelten Hund Rantanplan begleitet – aber das auch nur dann, wenn die Reise in Richtung eines Futternapfes ging. Lucky Luke kam auf seinen Reisen immer wieder in Situationen, in denen jemand seine Hilfe benötigte. Ein Gefängniswärter suchte die wiedermal entwischten Gangsterbrüder Daltons, ein Reiseunternehmen brauchte jemanden, der eine Postkutsche durch gefährliches Indianergebiet steuerte oder eine Ladung hochexplosives Nitroglycerin musste zu einer Eisenbahn-Baustelle transportiert werden. Lucky Lukes Mut, Entschlossenheit und sein Talent, mit dem Revolver umzugehen, wurden immer wieder gebraucht. Von ihm sagte man sogar, dass er seinen Colt schneller ziehen konnte als sein Schatten. Allerdings muss man nicht Physik studiert haben, um zu wissen, dass das dank der Tatsache, dass das Licht mit einer gewissen Geschwindigkeit reist, jeder schafft. Erst nach seinem Schatten zu ziehen wäre wesentlich anspruchsvoller.

Lucky Luke hatte stets eine Zigarette im Mundwinkel. Zusammen mit dem Marlboro-Man sorgte er dafür, dass Zigaretten und Cowboys in der öffentlichen Wahrnehmung heute noch zusammengehören wie Polizisten und Donuts, Grossmütter und Luxemburgerli oder Zürcher und Kokain. Wie viel cooler wären die Teletubbies, die Schlümpfe, die Biene Maja, Wickie, Donald Duck oder Fix & Foxi gewesen, wären deren Autoren ein wenig mutiger gewesen und hätten ihren Charakteren auch eine kleine Nikotinsucht mit auf den Weg gegeben. Allerdings klopfte der Zeitpoltergeist auch Lucky Luke auf die Finger. Ab 1983 musste auch er sich das Rauchen abgewöhnen. Zeichner Morris hat ihm dafür als Ersatz ab sofort einen Grashalm zwischen seine Lippen geknallt. Für diese Tat wurde der Autor 1988 mit einem Spezialpreis der Weltgesundheitsorganisation ausgezeichnet. Einen Ehrlichkeitsaward hätte er aber definitiv nicht verdient. Oder kennst du jemanden, der nach jahrelangem Rauchen einfach seine Zigi mit einem Grashalm tauscht und dann normal weitermacht? Ich finde Abenteuer wie «Lucky Luke und das Nikotinpflaster», «Akupunktur am Rio Grande», «Lucky Luke sagt nein zur Friedenspfeife», «Die verlorene Lutschtablette», «Lucky Luke und die verlorenen Rauchzeichen», «Lucky Luke leckt einen Aschenbecher aus» oder «Lucky Luke beschimpft alle Raucher als Untermenschen» sollten unbedingt noch nachgeliefert werden.

Als ich früher in meinem Kinderzimmer Lucky-Luke-Comics gelesen habe, fragte ich mich nicht nur, wo ich am einfachsten Zigaretten auftreiben könnte, sondern ich wunderte mich auch darüber, als was sich Cowboys am liebsten verkleiden bevor sie an Kostümpartys gehen. Wenn man als Cowboy als Cowboy auftaucht, wird man vielleicht bereits vom Türsteher abgewimmelt. Und wie lustig würde doch eine Kostümparty aussehen, bei der die Indianer als Cowboys und die Cowboys als Indianer auftauchen? Am Schluss von jedem Abenteurer reitet Lucky Luke in den Sonnenuntergang. Wie viele Bücher noch herauskommen müssen, bis er endlich am Pazifik landet, bleibt wohl das Geheimnis der Autoren.

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