Asterix

Flasche in der Hand, Leben im Griff.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

«Wir befinden uns im Jahre 50 v.Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten».
Mit diesen Sätzen beginnt jede Geschichte mit dem Krieger Asterix – einem der grössten Helden meiner Kindheit. Das von unbeugsamen Galliern bewohnte Dorf ist von Palisaden umzäunt, besteht aus ein paar gemütlichen Häusern mit Strohdächern und befindet sich irgendwo in der heutigen Bretagne. Der Alltag ist idyllisch. Normalerweise ist in diesem Dorf so wenig los wie an einem Gangbang von Pandabären. Häuptling Majestix lässt sich auf dem Schild stehend von zwei Trägern durch die Strassen schleppen, Verleihnix bietet Fische zum Verkauf an während der Schmied Automatix sich darüber beschwert, dass diese das ganze Dorf zustinken. Ärger bereitet den Galliern höchstens die römische Besatzungsmacht. Aber um diese kümmert sich Asterix und sein dicker Freund Obelix.

Zusammen haben sie zahlreiche Abenteuer überstanden, die man in den legendären Asterix Comic-Alben nachlesen kann. Falls mal eine Situation mit Grips alleine nicht bewältigt werden kann, können sich die Gallier stets auf ihren Druiden Miraculix verlassen. Sein Zaubertrank verleiht den Galliern übermenschliche Kräfte. Die aufdringlichen Römer werden von den Dorfbewohnern kurzerhand aus ihren Sandalen geprügelt. Dann kehrt wieder Ruhe ein.

Man kann sagen, dass die Bilderbuch-Abenteuer von Asterix wie die Bilderbuch-Karriere von Lance Armstrong auf dem Konsum von Doping beruhen. Während es Asterix aber in mittlerweile über 35 Abenteuern immer wieder zu einem Happy End gebracht hat, ist die Karriere von Lance Armstrong definitiv zu Ende. Sein Ruf hat mehr Schaden erlitten als derjenige von Steven Spielberg nach der Veröffentlichung des vierten Indiana-Jones-Filmes. Einen schlechteren Ruf als Lance Armstrong hat höchstens noch die Lepra, die Filzläuse, der Typ, der das Pips-Signal für nichtangegurtete Autofahrer erfunden hat, Konditoren, die zu wenig Marmelade in die Berliner füllen, und natürlich jeder Russische Sportfunktionär, jeder Russische Trainer, jeder Russische Sportler und jeder Russische Sportfan.

Selbstverständlich hat die stundenlange Lektüre der Asterix-Comics meinen Charakter geprägt. Unterbewusst habe ich gelernt, dass auch ich über mich hinauswachsen kann, wenn ich ein geeignetes Wundermittelchen zu Hilfe nehme. Nachdem ich vergeblich versucht hatte, mein Selbstwertgefühl, meine Leistungsfähigkeit und mein Draufgängertum mit natürlichen Engadiner Naturmittelchen wie Kreuzotteraugapfelmost, Steingeissmilch, Fliegenpilzsaft, Eulentränen oder Jungfrauenblut zu steigern, wurde ich zum ersten Mal mit einem Produkt namens Feldschlösschen-Bier konfrontiert. Im Gegensatz zu den erwähnten Getränken war dieses zwar wesentlich einfacher zu kriegen, schmeckte allerdings signifikant weniger gut. Dann hat mir jemand erklärt, dass nicht nur Feldschlösschen Bier produziert, sondern wir in Graubünden auch eine eigene Brauerei hätten. Ab meinem ersten Schluck Calanda war meine Suche zu Ende. Ich hatte endlich einen potenten Partner gefunden, der auch meinen geschmacklichen Ansprüchen genügte.

Jawohl, Calanda Bräu ist verantwortlich für einige der grössten Heldentaten, die ich jemals vollbracht habe. Damit meine ich nicht nur, dass mich dieses Wunderbier immer wieder wie Woody Allen in die Lage versetzt Frauen anzusprechen, die extrem über meinem eigenen Niveau sind. Dass 99% meiner erotischen Abenteuer darauf beruhen, dass Calanda mir Flügel verleiht und gleichzeitig der anderen Person das Urteilsvermögen raubt, ist kein Geheimnis. Mit dem fulminanten Einsatz von Calanda hätte ich heute noch kein Problem damit, Wonder Woman, Lara Croft, Sahra Wagenknecht, Prinzessin Rania von Jordanien, Queen Elisabeth II, Amal Clooney, die Mutter der Klitschko-Brüder (selbst während die beiden daneben stehen), die Braut aus «Kill Bill», die Eispickelmörderin aus «Basic Instinct», die Blair Witch oder jede bekennende Lesbe von Kristen Stewart über jede x-beliebige Wrestlerin bis zu Hella von Sinnen anzusprechen und sie zu einer amourösen Achterbahnfahrt in mein Schlafzimmer einzuladen.

Nein, unter Calanda-Einfluss habe ich auch schon ganz andere Projekte in Angriff genommen. Obwohl ich noch weniger Ahnung von Musik habe als jeder Schlagerstar, habe ich mit meiner Gitarre bereits öffentlich Konzerte gegeben und Eintritt verlangt. Obwohl ich schlechter schreibe als jeder Glückspost-Journalist, mache ich öffentlich Lesungen und verkaufe Bücher von mir. Obwohl mein Menschenbild schlimmer ist als jedes Bild, das dein Patenkind jemals für dich gemalt hat, begebe ich mich immer wieder unter Leute. Nüchtern betrachtet ist die Menschheit für mich eine parasitäre Lebensform, die sich alle anderen Lebewesen und den ganzen Rest der Natur untertan macht und die Erde eines Tages so verlassen wird, wie die Japaner 1941 Pearl Harbor, die Amerikaner 2011 den Irak oder Glencore jedes Land, in dem es Bodenschätze abgebaut hat.

Hier liegt auch der kleine Unterschied zu Asterix. Ich darf von mir behaupten, dass ich im Gegensatz zu Asterix mein Wundermittelchen nie dazu benutzt habe, Menschen zu verprügeln. Ganz im Gegenteil. Alkohol ist der einzige Grund, warum ich Leute in Ruhe lasse. Wenn ich auf der Strasse Menschen sehe, die eine Canada-Goose-Jacke mit Pelzkragen trage, würde ich sie am liebsten mit einer Brechstange bewusstlos schlagen, bei mir zuhause in ein dunkles enges Massenmenschenhaltungsverliess sperren, warten, bis sie sich gegenseitig angefangen haben zu beissen und dann irgendwann damit beginnen, ihnen bei lebendigem Leib ihre Haut abzuziehen – selbstverständlich ohne dabei Betäubungsmittel zu verschwenden.

Wenn jemand in der Garderobe des Fitness-Centers seine Tascheninhalt auf der ganzen Sitzbank austeilt und dann eine halbe Stunde unter der Dusche verschwindet um sich dort noch seine Schamhaare zu rasieren, würde ich ihm am liebsten das Wasser so heiss aufdrehen, dass es seine Haut verbrüht und er um Entschuldigung winselt. Wenn Leute im Kino, in der Oper oder im Ruheabteil der SBB am Diskutieren sind, anstatt sich auf den Film, die Vorführung oder die Landschaft zu konzentrieren, würde ich ihnen am liebsten die Zungen rausreissen, diese um ihre Hälse wickeln und sie so lange daran aufhängen, bis sie aufhören zu zappeln. Wenn Hooligans Leuten, die bereits am Boden liegen, in den Kopf treten, würde ich ihnen am liebsten in die Knie schiessen, sie unvermummt an ihren Haaren zu Kurt Aeschbacher in die Sendung schleifen und dafür sorgen, dass sie alle seine persönlichen Fragen über die Herkunft ihrer Minderwertigkeitskomplexe ehrlich beantworten. Wenn Menschen es wagen mich vor dem Mittag anzusprechen, würde ich ihnen am liebsten mit einem Flammenwerfer ihre Gesichter wegbrennen. Wenn ich ein Bild auf Instagram poste und nicht innerhalb von drei Stunden mindestens 12 Likes bekommen habe, würde ich am liebsten jeden einzelnen meiner Follower zuhause besuchen und ihnen jeden Fingernagel einzeln rausziehen – bis sie mir erklärt haben, was ihnen an meinem Foto denn nicht gefallen hat.

Mit anderen Worten: Wenn man ganz genau hinschaut, kann man bei mir durchaus subtile antisoziale Tendenzen entdecken. Aber dank der Tatsache, dass ich dank Calanda 24 Stunden pro Tag betrunken bin, bin ich eine gesellige Frohnatur, die alle Menschen umarmt. Ohne Calanda wäre ich ein kriminelles Subjekt, das lebenslang verwahrt werden sollte und vor dem selbst Hannibal Lecter geschützt werden müsste. Ich danke Autor René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo heute noch dafür, dass sie mit Asterix eine Figur geschaffen haben, die mir heute noch als Wegweiser dient.

23_Meine_Helden_Asterix_fertig

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