Frank Drebin

Alter schützt vor Geilheit nicht.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Es muss irgendwann an einem schulfreien Mittwochnachmittag im Frühling des Jahres 1990 gewesen sein, als wir zu viert im sturmfreien Haus von Romans Eltern rumlümmelten. Wir waren alle im besten Alter. Geistig bewegten wir uns noch auf dem Niveau von Laubfröschen, emotional wiesen wir die Reife von Silvesterraketen auf und körperlich entwickelten wir uns langsam aber sicher zu jungen Männern. Wir sprühten vor Selbstüberschätzung, Testosteron und Akne. Es war eine herrliche Zeit. Die Welt lag uns zu Füssen, aber wir griffen lieber nach den Sternen. Es verging kaum ein Tag, an dem wir nicht Neuland entdeckten, Grenzen sprengten oder unseren Erfahrungsschatz erweiterten.

An diesem besagten Mittwochnachmittag hatte Roman uns mit dem Versprechen zu sich nach Hause gelockt, dass er eine Videokassette aufgetrieben habe, welche die farbigen Mosaiksteinchen unseres fragilen Weltbildes erneut durchschütteln werde. Gespannt sassen wir nun auf dem Sofa seiner Eltern, öffneten unsere Gürtel und machten es uns bequem. Ohne weitere Erklärungen startete Roman den sagenumwobenen Film. Und tatsächlich, schon ab den ersten Sekunden wurde uns allen klar, dass dieser Film anders war, als alles, was wir bis anhin gesehen hatten. Wir schauten uns ungläubig und in unseren Grundfesten irritiert an, lächelten verlegen und schauten wieder auf den flimmernden Bildschirm.

Szene um Szene, Schnitt um Schnitt, Kamerawinkel um Kamerawinkel stellte dieses Werk alles in den Schatten, was wir bisher über Filme, Storytelling und Charakterentwicklung zu wissen glaubten. Unsere Erregung steigerte sich ins Unermessliche, unsere Begeisterung erreichte ekstatische Sphären. Der ganze Rhythmus des Films und die Aneinanderreihung von Höhepunkten war eine Liga für sich. Dieser Film brachte unsere Kreisläufe in Wallung, ein feuchtes Taschentuch nach dem anderen landete auf dem Wohnzimmerboden.
Wir alle werden Roman immer dafür dankbar sein, dass er uns damals diese neue Welt eröffnete. Als der Film nach viel zu kurzen 81 Minuten zu Ende war, fanden wir endlich Zeit zum Durchatmen und einen Schluck zu trinken. Sekundenbruchteile nachdem Roman die VHS-Kassette aus dem Videorekorder gezogen hatte, ist es passiert. Die Wohnungstüre ging auf und seine Mutter, damals Präsidentin des Schulrats von Pontresina, stand mit grossen fragenden Augen im Türrahmen. Das Letzte, was sie zu sehen geglaubt hatte, war, dass Roman die Kassette in eine Hülle versorgte und diese in einer Schublade verschwinden liess. Sichtlich aufgebracht kam sie auf uns zu und wollte neugierig wissen, was wir uns denn gerade angesehen hatten. Roman antwortete ohne zu Zögern: «Die nackte Kanone».

Vielleicht trügt mich meine Erinnerung, aber die Augen seiner Mutter öffneten sich in dieser Sekunde um weitere drei Zentimeter. Das Pendel an der Wanduhr stoppte mitten in der Aufwärtsbewegung, kein Elektron kreiste mehr um einen Atomkern und das Universum erstarrte zu Eis. Eine unüberhörbare Stille breitete sich aus. Plötzlich wurde uns allen klar, dass Romans Antwort zwar ehrlich war, aber dass der Titel des Filmes und die zahlreichen von Lachtränen getränkten und zerknitterten Papiertaschentücher rund um das Sofa die Fantasie von Romans Mutter bestimmt gerade ein wenig in die falsche Richtung gelenkt hatten. So war es dann auch. Was jetzt startete, kann man höchstens mit den Methoden vergleichen, mit denen Giordano Bruno von der Inquisition verhört wurde. Allerdings wünschten wir uns bereits nach den ersten drei Minuten Psychoterror und subtilen Folterfragen, dass sie uns doch einfach auf den rettenden Scheiterhaufen gebunden und verbrannt hätte. Hauptsache raus hier. Aber wir mussten noch für eine weitere halbe Stunde auf dem Sofa sitzen bleiben und warten, bis Romans Mutter eine Lupe gefunden hatte. Als sie schliesslich den Freigegeben-ab-12-Jahren-Hinweis auf der Videokassette entziffert hatte, entliess sie uns endlich mit einem verlegenen Lächeln in die Freiheit. Wir flüchteten schnurstracks in die Garage, wo wir uns beim Studium ein paar alter Pornohefte ein wenig von der ganzen Aufregung beruhigen konnten.

Man kann vielleicht sagen, dass mein Humor sehr einfach gestrickt ist, aber für mich zählen «Die nackte Kanone» und seine beiden Sequels «Die nackte Kanone 2½» und «Die nackte Kanone 33⅓» heute noch zu den witzigsten Filmen, die jemals produziert worden sind. Beim Rezipieren dieser Meisterwerke gerate ich immer wieder in das gefährliche Gebiet zwischen Lachkrampf bedingter Atemnot und euphorischer Vorfreude auf den nächsten Gag. Dabei verrenke ich meinen Körper in Positionen, die man sonst nur von Schlangenfrau Nina Burri kennt. Diese Filme übertreffen in Punkto Lustigkeit jedes Katzenvideo, jeden Zaubertrick, der nicht funktioniert, jede Gangart jedes Bodybuilders, jedes Vorsingen eines Kastraten bei einem Death-Metal-Sänger-Casting, jeden Typen, der alleine eine Polonaise tanzt, jeden Sieg des schwarzen Leichtathleten Jesse Owens während den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin vor den Augen von Adolf Hitler, der dabei eine Fresse ziehen musste, als hätte er gerade einen Kuhfladen essen müssen, jede Vorstellung davon, wie viel Lebenszeit Leute aus der walisischen Ortschaft Llanfairpwll­gwyngyllgogery­chwyrndrobwll­llantysilio­gogogoch damit verbringen, am Telefon ihre Adresse zu buchstabieren, jeden Vorschlag, doch mal eine Frau zum Papst zu machen, jede Miss-Burkini-Wahlveranstaltung, jeden Gedanke daran, wie ein Taubstummer mit Tourette-Syndrom versucht zu fluchen, jede Pressekonferenzen mit Jürgen Klopp und jede biblische Erklärung dafür, wie die Welt und die Menschheit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit entstanden sind.

Im Mittelpunkt der Nackte-Kanone-Geschichten stand jeweils der Polizist Lt. Frank Drebin. Dieser wurde von Leslie Nielsen gespielt. In Los Angeles jagte Drebin Drogenhändler, kriminelle Industrielle oder Bombenleger. Dabei stolperte er von Slapstickszene zu Slapstickszene und kam den Tätern nicht dank seinen fulminanten Ermittlungsmethoden, sondern normalerweise nur durch reinen Zufall auf die Spur. Frank Drebin und sein Vorgesetzter Captain Ed Hocken tappten stets im Dunkeln und sprachen ununterbrochen aneinander vorbei. Die Konversationen waren gespickt mit Missverständnissen, Ungereimtheiten und absolutem Blödsinn. Dank ihrer Ahnungslosigkeit waren ihre Gespräche etwa so gaga, wie wenn sich zwei Bachelor-Kandidaten am Strand von Thailand über Kernphysik, zwei Alkoholiker am Stammtisch über Ausdruckstanz, zwei Fitnessfanatiker im Studio über Carpe-Diem oder zwei Hipster in der Szenenbar über Individualismus unterhalten würden.

Aber abgesehen davon, dass ich dank diesen Filmen mehr Lachtränen vergossen habe als mein Chef, nachdem ich ihn kürzlich um eine Lohnerhöhung gebeten habe, faszinierte mich Frank Drebin aus einem anderen Grund. Obwohl er aussah, als hätte er sich schon längst pensionieren lassen können, konnte er dank seinem Charme eine wilde Liebschaft mit der wesentlich jüngeren Jane Spencer starten. Diese wurde von der Witwe des Königs des Rock n’ Roll gespielt: Priscilla Presley. Die Bilder dieses weisshaarigen Senioren, der mit dieser jungen Schönheit rummachte, haben sich in mein Unterbewusstsein gefressen. Ich hatte sehr lange das Gefühl, dass meine Freundinnen höchstens halb so alt sein sollten wie ich. Mein Ziel war es, dass ein Girl mich eines Tages ihrem Vater vorstellen würde und ich ihr dann voller Stolz hätte erklären können, dass ich bereits mit ihm zur Schule ging. Aber mit zunehmendem Alter lege ich je länger je mehr Wert darauf, dass meine Partnerinnen wissen, dass Led Zeppelin kein Flugobjekt war. Ja, langsam fühle ich mich richtig erwachsen.

22_Meine_Helden_Frank_Drebin_fertig

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