Lassie

Völlig auf den Menschen gekommen.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Die Hunde stammen vom Wolf ab. Bei einem Husky ist das heute noch offensichtlich, bei einem Chihuahua ist die Vorstellung eher belustigend. Wenn heute ein wilder Chihuahua im Wallis auftaucht, schüttet sich kein Schafhirt vor lauter Aufregung sein Glas Weisswein über die Hosen. Selbst die Schafe würden nur faul gähnen und sich über den Chihuahua amüsieren, der sie versucht in Angst und Schrecken zu versetzen. Andererseits würde Paris Hilton bestimmt keinen Wolf in ihrer Handtasche Gassi führen. Es ist offensichtlich, dass Chihuahuas mit Wölfen etwa gleich viel zu tun haben wie die heutige Türkei mit dem Osmanischen Reich. Man trauert vielleicht noch vergangener Grösse nach, aber trotz lautem Gebelle gewisser Nostalgiker wird man global gesehen nicht mehr ernst genommen.

Die Menschen haben vor ungefähr 20 000 Jahre damit begonnen, Wölfe zu domestizieren. Im Laufe der Generationen haben sich die Tiere immer mehr unserem Lifestyle und unserem Essen angepasst, dabei die unterschiedlichsten Körperformen angenommen und sich zum besten Freund des Menschen entwickelt. Und wie bei besten Freunden so üblich, lassen wir sie gerne für uns arbeiten. Wir kennen mittlerweile Jagdhunde, Wachhunde, Schlittenhunde, Lawinenhunde, Rettungshunde, Blindenhunde, Sprengstoffhunde, Polizeihunde, Therapiehunde, Hirtenhunde oder Suchhunde. Es ist durchaus denkbar, dass es schon bald einen Berufsberater für Hunde geben wird. Diesen können die Hundewelpen konsultieren und wertvolle Ratschläge für ihre zukünftigen Karrieren abholen. Das wäre bestimmt lustig. Vor allem wenn sich ein kleiner Amerikanischer Pit-Bullterrier zum Schmusehündchen für den Kindergarten ausbilden lassen möchte oder ein Zwergpudel, wenn er gross ist, unbedingt Wachhund bei der Fussballstadion-Security sein will. Der Berufsberater müsste den Welpen dann schonend beibringen, dass sie für diesen Job eher untalentiert sind und sich doch umorientieren sollten. Das ist zwar hart, aber fair. Und es macht Sinn. Wenn damals ein Berufsberater DJ Antoine gesagt hätte, er solle doch Minenarbeiter anstatt Schlagerstar werden, wäre diese Welt heute auch ein besserer Ort.

Meiner Meinung nach sind Hunde würdige beste Freunde des Menschen. Stell dir mal vor, Regenwürmer, Schnecken oder Frösche hätten sich zu den besten Freunden des Menschen entwickelt. Das würde viel weniger Stil haben. Ein Regenwurm, der einem das Stöckchen apportiert? Das kann nur komisch aussehen. Eine Schnecke, die einem die Zeitung ans Bett bringt? Die würde dem Begriff Schneckenpost alle Ehre machen und zuverlässig nur Altpapier liefern. Ein Frosch, der einen freudig anspringt und einem das Gesicht ableckt sobald man nach Hause kommt? Das würde doch schon sehr an Arthur Cohn erinnern, wie er bei diversen Glamour-Anlässen Schauspielerinnen und andere Diven begrüsst.

Allerdings wäre es fataler Spezies-Rassismus, wenn man behaupten würde, dass alle Hunde nett sind. Als ich noch ein Kind in Pontresina war, wurde ich vom Schäferhund unseres Nachbarn Herrn Bertschinger regelrecht terrorisiert. Dieser vierbeinige Teufel hörte auf den herzigen Namen Mirko. Aber sein Name war ein Euphemismus der krassesten Art. Kinderkiller, Tod auf vier Pfoten oder Fell-Haifisch wären wesentlich treffendere Bezeichnungen für diese Bestie gewesen. Jedes Mal, wenn ich von der Schule nach Hause geschlendert bin, hat er mir aufgelauert. Diese Tatsache machte mich zum einzigen Kind der ganzen Schule, das sich nie auf den Heimweg freuen konnte. Die letzten hundert Meter waren jeweils der absolute Horror. An guten Tagen lag Mirko artgerecht angekettet vor seiner eigenen Haustüre. Sobald er mich wahrgenommen hatte, ist er zwar jeweils wie von einer Hornisse gestochen aufgesprungen, hat seine Mundwinkel mit Speichel geflutet und ist wild bellend in seine Kette gesprungen – es war nur eine Frage der Zeit, bis er die gesamte Fassade des Hauses abgerissen und sich mit dieser im Schlepptau auf mich gestürzt hätte.

An weniger guten Tagen war dieser Satan nicht angekettet, hat mich dies aber glauben lassen. Sobald ich in den Todesradius getreten war, ist er blitzschnell aufgesprungen und in meine Richtung losgeprescht. Von der Binsenweisheit, dass man niemals von einem Hund weglaufen sollte und er einen dann automatisch in Ruhe lässt, hatte Mirko noch nie etwas gehört. Eher hätte das bei einer Lawine etwas genützt, als bei diesem blutgeilen Monster. Und wie ich so schnell ich konnte nach Hause rannte, musste ich hoffen, dass unsere Haustüre nicht verschlossen war, sondern dass ich diese aufreissen, mich in das Gebäude retten und die Türe vor Mirkos fletschendem Gebiss zuschlagen konnte. Die Chancen standen jeweils fifty-fifty. An Tagen, an denen er mich tatsächlich erwischt hatte, habe ich nach dem er mit mir fertig war jeweils ausgesehen wie der Terminator, nachdem er in die hydraulische Presse gefallen war.

Selbst als ich in diesem Look unserem Nachbarn Herr Bertschinger versucht habe zu erklären, dass meine Chancen das 15. Lebensjahr zu erreichen, signifikant höher liegen würden, wenn er sich doch mal die Mühe machen würde, Mirkos Kette verantwortungsvoll abzuschliessen, stiessen meine Bitten auf taube Ohren. Seine Standartantwort lautete: «Mein Mirko bringt doch keine Kinder um, er hat sie nur zum Fressen gern.» Dabei hat er Mirko den Hinterkopf gekrault. Dieser hat währenddessen den unschuldigsten Hundeblick aufgesetzt, den man sich überhaupt vorstellen konnte. Aber kaum hat sich Herr Bertschinger wieder abgedreht, kam das Feuer in Mirkos Blick zurück und er hat mich mit einer klaren Botschaft angestarrt: «Morgen um diese Uhrzeit bist du tot. Wuff». Aber zum Glück gab es ja noch das Fernsehen. Und hier hat ein ganz besonderes Tier meinen Glaube in das Gute im Hund zurückgeschenkt: Lassie.

Lassie gehört neben Snoop Dogg heute noch zu den bekanntesten Hunden der Welt. Doch während der Zöpfchenträger Snoop Dogg sich als Gangmitglied, böser Rapper, Drogenkonsument, Kleinkrimineller, Drive-by-Shooting-Driver, Waffenbesitzer und Pornoproduzent einen schlechten Namen gemacht hat, geniesst der Langhaarcollie Lassie eine weit bessere Reputation. Erfunden wurde die Hündin vom Schriftsteller Eric Knight. Die erste Kurzgeschichte mit Lassie als Hauptprotagonistin veröffentlichte er 1938. Weitere Storys, Kinofilme und eine TV-Serie folgten. Lassie war ein Hund zum Gernhaben. Sie hat den Menschen geholfen, war treu, klug, schön und garantiert stubenrein. Lassie hätte niemals in einen Sandkasten gepinkelt, niemals auf die Strasse gekackt, niemals am Hintern von anderen Hunden geschnüffelt oder ihre Genitalien an Designermöbelstücken gerieben. Das alles kann man von Snoop Dogg wahrscheinlich nicht behaupten. Wenn alle Hunde wie Lassie wären, würde man heute bei der Redewendung «Riecht wie ein nasser Hund» an Rosenblätter denken. Nasser Hund wäre vielleicht sogar ein Deodorant oder eine Waschmittelmarke, wer weiss.

Es gibt viele bekannte Zweierteams, die aus Herrchen und Hündchen bestehen. Tim führt Struppi an der Leine, Lucky Luke seinen Rantanplan, Mike Shiva seinen Chocolat und Irinia Beller ihren Walter. Lassie würde sich aber niemals festlegen. Während ihrer TV-Karriere hat sie sich mit unterschiedlichen Herrchen eingelassen. Auf das Fluchwort Monogamie reagiert Lassie ungefähr so allergisch wie die Bandmitglieder von Steel Panther. Die Frage, ob Lassie unterbewusst verantwortlich ist für mein Unvermögen Beziehungen zu führen, die länger dauern als die Festanstellung eines Fussballtrainers, untersuche ich bei einer anderen Gelegenheit.

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