James Bond

Der Geheimagent, den jeder kennt.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Jeder kennt James Bond und seine Agentennummer 007. Was eigentlich ein Hinweis darauf ist, dass James Bond in seinem Gebiet ein absoluter Versager ist. Schliesslich ist Berühmtheit für einen Geheimagenten so förderlich wie Höhenangst für einen Piloten, ein Tourette-Syndrom für einen Kundendienst-Angestellten oder Alkoholabstinenz für einen Skilehrer. Trotzdem hat er es geschafft, bereits seit beinahe 70 Jahren im Geschäft zu bleiben. Die Figur des James Bond wurde vom Briten Ian Fleming erfunden. Das erste Buch wurde 1951 veröffentlicht und trägt den Titel «Casino Royale». Elf weitere Romane und einige Kurzgeschichten folgten. Aber weil Menschen ausser Schlagzeilen, Whatsapp-Nachrichten, Facebook-Statusmeldungen, Fernsehzeitschriften, Speisekarten oder Tindermessages nicht gerne lesen, gibt es mittlerweile schon ganz viele James-Bond-Verfilmungen.

Diese Filme folgen einem Ablauf, der fast so exakt getimt ist wie die offizielle Zeremonie der präsidialen Amtsübergabe in Frankreich oder wie die Übernahme des Liebhaberpostens im Hause Melanie Winiger. Jeder James-Bond-Film beginnt mit einem endlos langen Vorspann. Visuelle Effekte, die meistens etwas mit tanzenden Frauen, Explosionen und abgefeuerten Pistolen-Kugeln zu tun haben, werden vom aktuellen offiziellen Titelsong des entsprechenden James-Bond-Filmes begleitet. Heute noch bekannt sind «Live and Let Die» von Paul McCartney, «For Your Eyes Only» von Sheena Easton oder «Skyfall» von Adele. Der Vorspann dauert so lange, dass er eigentlich schon selber einen Vorspann verdient hätte. Wenn man sich einen James-Bond-Film auf einem Privatsender antut, hat man schon drei Werbeunterbrechungen hinter sich, bevor die eigentliche Geschichte überhaupt startet. Als Faustregel gilt: Der Vorspann eines James-Bond-Filmes sollte mindestens so lange dauern, wie ein Renzo Blumenthal benötigt, um eine durchschnittliche Rechenaufgabe für Drittklässler zu lösen. Irgendwann nach dem Vorspann wird James Bond in das Hauptquartier des MI6 zitiert. An der Rezeption flirtet er mit der Sekretärin Miss Moneypenny. Die himmelt ihn dabei so bewundernd an wie Natalie Rickli Christoph Mörgeli. Ein paar sexistische Sprüche später wird James Bond zu seinem Vorgesetzten M reingelassen. M ist mal weiblich, mal männlich. Der Name wird also weitervererbt, wenn jemand entlassen wird. Das würde auch bei anderen Firmen Sinn machen, die unter einer grossen Fluktuation zu leiden haben. Zum Beispiel bei AC/DC. Damit nicht jedes Mal, wenn die Band einen neuen Sänger anstellt, neue Visitenkarten gedruckt und ein neuer Geschäft-E-Mailaccount eingerichtet werden muss, sollte der Sänger einfach immer gleich heissen. Das würde auch den Groupies entgegenkommen, die sich jeweils die Namen sämtlicher Bandmitglieder auf ihre Brüste tätowieren lassen.

M erklärt 007 seine nächste Mission. Nach dem Briefing besuchen sie Q, den Quartiermeister. Er ist eine Mischung aus Daniel Düsentrieb und Stefan Heuss. Er übergibt James Bond seine neuesten Gadgets wie eine Armbanduhr, die sich mit zwei Griffen in ein Amphibienfahrzeug verwandeln lässt, Schuhe, in denen zwei Flugabwehrraketen verstaut sind, oder einen kugelsicheren Aston Martin, mit dem er ohne aufzufallen in St. Moritz, an der Côte d’Azur oder auf dem Parkplatz des Baur au Lac in Zürich ermitteln kann.

Nach diesem Vorgeplänkel nimmt die Geschichte Fahrt auf und James Bond begibt sich endlich auf die Gangsterjagd. Mit Gangster meine ich damit nicht einen semitalentierten Deutsch-Rapper, der seine bescheuerten Jugendsünden wie Zechenprellen, Sachbeschädigung und Körperverletzung mit einer Prise Homophobie und Chauvinismus anreichert und zu Kapitalverbrechen hochstilisiert, damit er bei anderen bildungsfernen Nullcheckern Ghettopunkte sammeln und Konzerttickets verkaufen kann, sondern richtig schwere Jungs. Apropos Deutsch-Rapper. Das grösste Verbrechen, das schöngeistige Poeten wie Haftbefehl, Farid Bang oder Kollegah jemals begangen haben, sind doch einfach ihre ultraschlechten Platten, die sie der freien Welt zumuten. Die sind wahre Körperverletzung. So wie Roger Federer niemals einen ernsthaften Tennismatch gegen eine Frau spielen wird, so wenig würde sich James Bond jemals um solche kleinen Fische kümmern. Für die gemeingefährlichen Deutschen Gangsterrapper sind weiterhin die Psychiatrie, ihre Mütter oder die KITA-Leitung verantwortlich.

Die Antagonisten von James Bond sind keine kleinen Fische, sondern grosse Tiere. Es sind die Blauwale unter den Kriminellen. Delinquenten, die mit einer grösseren Kelle anrichten als der Bulle von Tölz seinen Frühstücksbrei verputzt. Diese grössenwahnsinnigen Bösewichte versuchen mindestens die Weltherrschaft an sich zu reissen, die Welt zu vernichten oder aus der Unterwelt die gesamte Oberwelt zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Mit anderen Worten, sie versuchen genau das, was jeder vertrottelte Verschwörungstheoretiker Bill Gates, Angela Merkel oder Bono vorwirft. Zu den bekanntesten gehören Dr. No, Goldfinger, Largo, Blofeld, Mr. Big oder LeChiffre. Sie alle sind Subjekte, die mindestens in der Liga von Richard Nixon, Bernhard Madoff, Royal Dutch Shell, Syngenta oder Gianni Infantino spielen. James Bond heftet sich an ihre Fersen. Die Verfolgungsjagden führen normalerweise über mehr Betten attraktiver Frauen als es der Aids-Prävention lieb sein kann, durch Bobbahnen, über Skisprungschanzen, durch spektakuläre Landschaften wie Karibikinseln, Wüsten, den Polkappen, den Alpen, diversen Dschungeln, mondänen Ortschaften im obersten Preissegment und dem Weltraum bis zum grossen Showdown in der Machtzentrale des Übeltäters oder auf einem exotischen UNESCO-Weltkulturerbe. Würde James Bond ein Instagram-Account unterhalten, wäre er definitiv der erfolgreichste Lifestyle-Influencer aller Zeiten. Hier ein Foto von mir beim Sex mit der aktuellen Miss Universe auf ihrem Privatstrand auf Jamaica, hier ein Foto von mir am Chillen in meinem mit Plüsch ausgestatteten Ein-Mann-U-Boot im Titicaca-See, hier ein Foto von mir beim Faustkampf mit einem faschistischen Drogenbaron auf dem rechten Flügel seines Privatjets während einem Sturzflug über den historischen Dörfer von Shirakawa-go und Gokayama. Ja, es war eine easy Woche. Dazu gehören natürlich Hashtags wie #yolo, #idoeverythingformycountry, #businessasusual.

Da es James Bond schon so lange gibt, mussten sich Bonds Gegenspieler immer wieder dem Zeitgeist anpassen. Während der Zeit des Kalten Krieges waren die Bösen normalerweise Kommunisten. In Zukunft werden es wahrscheinlich vermehrt Islamisten, Klimaleugner oder Fleischfresser sein, die mit einem perfiden Plan die freie Welt vernichten wollen. 007 selber wird auch immer wieder von einem neuen Schauspieler verkörpert. Früher waren es Gentleman-Typen wie Sean Connery oder Roger Moore, mittlerweile Unterwäschemodels wie Daniel Craig.

Ob James Bond in zehn Jahren noch ein weisser Heterosexueller sein darf, der am laufenden Band schöne Frauen verführen und ihnen das Etikett Bond-Girl auf die linke Arschbacke heften kann, das bezweifle ich. Das Monster Politische-Korrektheit wird aus ihm langsam aber sicher einen hautfarbeneutralen, menschenverstehenden, esoterischen, geschlechtslosen Agenten machen, der Bond-Girls und Bond-Boys gleichermassen gut behandelt und die Bösewichte nicht über den Haufen knallt, sondern sie mit einem guten Gespräch zu einer Therapie im offenen Strafvollzug in Schweden zu überreden versucht.

Was ich von James Bond gelernt habe: Jeder Gentleman braucht seinen Signature-Drink. Bei ihm ist es der Martini – geschüttelt, nicht gerührt. Bei mir ist es der Calanda-Kübel – frisch gezapft, nicht abgestanden. Ich bin mir nicht sicher, ob die Bond-Macher einen Sponsorenvertrag mit Martini haben, aber auf jeden Fall hat es auch sonst in einem normalen James-Bond-Film mehr Produktplatzierungen als in einem redaktionellen Artikel der Gratiszeitungen 20-Minuten oder jeder anderen Zeitung, die Inserenten verliert und bis heute noch nicht verstanden hat, wie man im digitalen Bereich Geld verdienen kann.

James Bond hat mich auch unterbewusst beeinflusst. Er erledigt seinen Job im Normalfall immer auf den letzten Drücker. Sinnbildlich dafür steht die Zeitbombe, die er in der Regel immer Sekunden vor der Detonation entschärft. Bei mir äussert sich dieser Eigenschaft in zahlreichen Lebensbereichen. Meine Freundinnen, Arbeitgeber oder Kollegen ignoriere ich meistens so lange, bis sie fast in die Luft gehen. Jetzt zu behaupten, dass ich dann im Ernstfall jedes Mal das richtige Kabel durchgeschnitten habe, um die Situation rechtzeitig zu entschärfen, wäre allerdings eine zu gewagte Behauptung. Da hat mir James noch einiges voraus.

20_Meine_Helden_James_Bond_fertig

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