Homer Simpson

In 2D – aber nie flach.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Drei Dinge kennt jeder Mensch auf diesem Planeten. Erstens: Jemanden, der jemanden kennt, der bei der Fluggesellschaft Iberia als Passagier mitgeflogen ist und den Service gut fand. Zweitens: Jemanden, der mit Mick Jagger Sex hatte. Drittens: Die Simpsons. Nummer eins ist natürlich eine Urban-Legend, Nummer zwei durchaus möglich und Nummer drei stimmt bestimmt. Die Simpsons sind die bekannteste Familie des Planeten. Sie sind berühmter als die Addams Family, die Kelly Family, die Familie Feuerstein, die Britische Königsfamilie, die Corleones, die Geissens, die Kardashians, die Buddenbrooks, die Osbournes, die Familie der Kreuzblütengewächse und die Schweizer Familie zusammengezählt.

Familie Simpson besteht aus dem schnullerlutschenden Baby Maggie, der saxophonspielenden Tochter Lisa, dem skateboardenden Sohn Bart, der putzenden und kochenden Mutter Marge und dem duff-beer-trinkenden, donutfressenden und fernsehglotzenden Vater Homer. Wie du siehst, herrscht bei den Simpsons eine klassische Rollenverteilung – so wie Gott das ursprünglich vorgesehen hatte. Wobei wir Männer ja von Glück reden können, dass Gott ein Mann ist. Ich möchte es mir gar nicht ausmalen, was auf diesem Planeten los wäre, wenn Gott eine Art Theresa May oder Alice Schwarzer wäre. Wären dann die Männer den Frauen untertan? Müssten wir Männer dann für den gleichen Lohn länger arbeiten? Müssten wir uns die Beine rasieren, um nicht als exotische Freaks zu gelten? Und würden wir Männer dann unsere kostbare Freizeit mit dem zwanghaften Konsum von Sendungen wie «Switzerlands next Topmodel, präsentiert von Göla» verschwenden? Eine wahre Horrorvorstellung.

Zwei interessante Tatsachen über die Simpsons: Erstens: Die Familie lebt in der Kleinstadt Springfield. Genau wie bei der sexuellen Präferenz von John Travolta weiss man auch von Springfield nicht so genau, wo es genau liegt. Wenn es die Geschichte verlangt, befindet sich die Stadt am Meer, in den Bergen oder auch in der Wüste. Zweitens: Simpsonsfiguren können sich niemals ein High-Five geben. Kenner der Serie wissen warum. Obwohl – sie könnten es, wenn sie beide Hände benutzen würden.

Die Serie ist eine Kreation des konservativen amerikanischen Senders FOX. Die Macher der Simpsons lassen allerdings keine Gelegenheit aus, dem Sender und seinen reaktionären Ansichten eins reinzuwürgen. Dank denn hohen Einschaltquoten lässt sie der Sender aber gewähren. Die Situation ist vergleichbar, wie wenn die Jungsozialistin und Dauerempörte Tamara Funiciello ein Fenster auf TV Blocher erhalten würde. Einer der Gründe, warum die Simpsons so erfolgreich sind, liegt darin, dass in jeder Episode Witze für alle geistigen Entwicklungsstufen serviert werden. Kleine Kinder und Renzo Blumenthal können lauthals über Slapstick-Szenen lachen, in denen Homer die Treppe runterfällt oder Krusty der Clown einen Kuchen ins Gesicht gedrückt bekommt. Bildungsbürger wie ich wiederum fühlen sich von den zahlreichen intellektuellen Anspielungen auf politische, philosophische oder wissenschaftliche Diskurse oder von den subtilen Referenzen auf Filmklassiker bestens unterhalten.

Im deutschen Sprachraum wurden die Simpsons am 13. September 1991 zum ersten Mal ausgestrahlt. Ich würde behaupten, dass ich von diesem Datum an für die nächsten 20 Jahre im Schnitt eine Folge pro Tag angeschaut habe. Eine Episode dauert 22 Minuten. Das bedeutet, ich habe bis zu diesem Zeitpunkt 160 600 Minuten ununterbrochen Simpsons geschaut – umgerechnet sind das 2677 Stunden oder 112 Tage. Wenn ich heute sterben müsste, habe ich die Gewissheit, dass ich mindestens 112 Tage meines Lebens sinnvoll verbracht habe. Ein beruhigendes Gefühl. So viel Zeit habe ich bestimmt auch schon bei der Swisscom in der Warteschlaufe verbracht – aber da wurde ich nie unterhalten. Das wäre alles ein wenig angenehmer gewesen, würde die Swisscom da Songs wie «Waiting in Vain» von Bob Marley oder «Wait and Bleed» von Slipknot abspielen. Oder noch besser: Die Swisscom könnte ihren wartenden Kunden mit den Harry-Potter-Hörbüchern unterhalten. Wenn sie die Aufnahmen langsam laufen lassen würden, hätte man alle acht Geschichten fertig gehört, wenn man endlich bedient wird.

Wie Dorian Gray sind die Simpsons seit ihrer Erstausstrahlung keinen Tag gealtert. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie Zeichentrick-Figuren sind. Die Zeit hat es mit den Darstellern aus anderen TV-Serien aus den 90er Jahren nicht so gut gemeint. Falls meine Recherchen stimmen, mussten die verwöhnten Rich-Kids aus «Beverly Hills, 90210» nach der Finanzkrise von 2008 nach Compton umziehen. Während ihrer ersten Protzfahrt im frisch geleasten Cabriolet durch ihr neues Quartier fragten sie eine Strassen-Gang nach dem Weg zum nächsten Golfplatz. Deren Antwort hat sie so schockiert, dass sie in Sekundenbruchteilen 50 Jahre gealtert sind.

Die Agenten Scully und Mulder aus «Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI» sind heute in einem Alter, in dem sie nicht mehr Aliens nachjagen, sondern bereits von fremden Menschen im Bus eingeschüchtert werden. Handwerkerkönig Tim Taylor aus «Hör mal, wer da hämmert» hört heute kaum mehr einen Presslufthammer, trifft keinen Nagel mehr auf den Kopf und könnte mittlerweile weder in einem Hornbach-Spot auftreten noch einen zweiteiligen Kerzenständer von IKEA vernünftig zusammenschrauben. Würde das Schweizer Fernsehen heute eine Sendung ausstrahlen, in der der mittlerweile 66-jährige Tim Taylor noch auf einer Baustelle rumturnen müsste, würde Gewerkschafter Corrado Pardini vor Schreck seine Pfeife verschlucken und sofort vor dem SRF-Gebäude eine Gross-Demo veranstalten, weil der Sender neoliberale Propaganda verbreitet.

Stuntman Colt Seavers aus «Ein Colt für alle Fälle» erlebt seinen Nervenkitzel beim wöchentlichen Bingo-Nachmittag, Al Bundy aus «Eine schrecklich nette Familie» nervt sich nicht mehr über seine Kinder, sondern über seine Enkelkinder, bei Pamela Anderson aus «Baywatch – Die Rettungsschwimmer von Malibu» muss man den Film mittlerweile vorwärts spulen, um die optimale Geschwindigkeit für die bekannten Slow-Motion-Jogging-Szenen erhalten zu können, und der kleine süsse Dewey aus «Malcolm Mittendrin» hat das gleiche Schicksal erlebt wie die zahlreichen kleinen Tiere, die man in der Zoohandlung für sein Patenkind gekauft hat – seit er aus seiner Süssigkeit herausgewachsen ist, interessiert sich kein Schwein mehr für ihn.
Die traurigste Bruchlandung legte wohl Bill Cosby hin. Das Alter hat ihm so zugesetzt, dass er Frauen nicht mehr länger mit seinem Charme betäuben konnte, sondern sich zunehmend auf das Betäubungsmittel Methaqualon verlassen musste – mit allen rechtlichen Folgen.

Ja, sie alle sind älter geworden. Ausser die Simpsons. Bei ihnen steht die Zeit still. Allerdings ist diese Tatsache nicht unproblematisch. Als Fan der ersten Stunde konnte ich mich in den ersten Jahren voll und ganz mit dem zehnjährigen Bart Simpson identifizieren. Dann wurde ich älter und habe mich immer mehr in der Figur des Homers wiederentdeckt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich mich eines Tages vom verwirrten Grossvater Abe Simpson gespiegelt sehen werde. Aber selbstverständlich ist Vater Homer mein grösster Held. Sprüche wie «Zum Lügen braucht es immer zwei. Jemand, der es erzählt, und jemand, der es glaubt», «Auf den Alkohol – die Ursache und die Lösung sämtlicher Lebensprobleme» oder «Versuchen ist der erste Schritt zum Versagen» haben mir früh gezeigt, was im Leben wirklich zählt. Man kann sich vor Gericht auf Homer berufen, seine Weisheiten in Heiratsanträge und Grabreden integrieren oder ihn in Geschäftsberichten zitieren – mit Homers Weiseheiten macht man immer eine gute Figur.

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