Al Bundy

Man kann immer verlieren.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Zu meinen absoluten Lieblingssendungen meiner Jugendzeit gehörte «Eine schrecklich nette Familie». Der Star der Sendung war der chronisch schlechtgelaunte Vater und Schuhverkäufer Al Bundy. Er hasste seinen Job, seine Familie und so ziemlich alles andere, was in irgendeiner Form etwas mit dem Amerikanischen Traum zu tun hatte. Er lehnte sich gegen Autoritäten auf, schoss gegen das System und politische Korrektheit war für ihn ungefähr ein so rotes Tuch wie Brandrodungen, Offroader, Flugreisen, Avocados, Coffee-to-go-Pappbecher oder Einwegplastiktüten für einen Menschen mit einem ökologischen Gewissen.

Al Bundy liebte schöne Mädchen. Aber Frauen, welche die Demarkationslinien «25. Altersjahr» oder «55 Kilogramm» überschritten hatten, die verabscheute er mehr als Jeff Bezos elementare Menschenrechte für seine Angestellten. Diese Einstellung würde Al Bundy heute zwar als Personalchef im Beraterstab von Silvio Berlusconi qualifizieren, aber ansonsten holt man sich damit nicht besonders viele Sympathiepunkte. Seine Antworten zu Frauenfragen machten Al Bundy bereits damals zu einem Relikt aus einer vergangenen Zeit. Ausser natürlich in Tschetschenien, Afghanistan oder im Kanton Appenzell Innerrhoden. In diesen Gegenden würde Al Bundy sogar heute noch als die rechte Hand von Alice Schwarzer durchgehen.

Der Name Al Bundy war eine Anspielung auf den Serienmörder Ted Bundy. Damit inspirierte er Schockrocker Marilyn Manson, der mit seinem Künstlernamen einen Bezug zum Sexsymbol Marilyn Monroe und zur Mörderfamilie von Charles Manson schaffte. Hier ein paar Künstlernamensvorschläge für zukünftige böse Schweizer Schockrocker, die gerne eine Referenz zu einheimischen Sexsymbolen und Massenmördern herstellen möchten: Nadine Nikotin, Melanie Alkoholamsteuer, Ursula Fett, Michelle Zucker, Xenia Salz, Kuno Lawine, Renzo Ordonanzwaffe oder Gölä Inderbadewanndiehaareföhnen.

Verheiratet war Al Bundy mit der rothaarigen Peggy. Als Hausfrau bewies diese ungefähr so viel Talent wie Bundesrat Johann Schneider-Ammann als packender Redehalter. Sie kochte nicht, sie putzt nicht, sie kümmerte sich nicht um ihre Kinder. Allerdings darf man Peggy nicht als feministische Gallionsfigur, die sich einfach nicht in klassische Rollenmuster drängen lassen wollte, missverstehen. Peggy hatte keine Botschaft. Sie war einfach nur faul. Leute, die Peggy als Ikone des Feminismus verklären, die sehen in einer McDonald’s Filiale auch einen Tempel des effizienten Zeitmanagements anstatt eine Fütterungsstelle für Betrunkene. Diese Leute sehen in einem getunten Subaru Impreza auch ein Manifest für Kreativität und technisches Interesse anstatt eine Geld- und Zeitverschwendung auf vier Rädern für Männer mit einem niedrigen Penis/Ego-Koeffizienten. Und im Islamischen Zentralrat Schweiz sehen diese Leute ein Symbol für die Pluralität unserer Gesellschaft anstatt eine unrepräsentative Organisation von geistig Verwirrten Individuen, die davon überzeugt sind, dass sie sich einen Bart wachsen lassen müssen, um einem fiktiven Wesen zu gefallen. Wie du siehst, kann man alles überinterpretieren – und unter dem Dach der Konsum-, Markt- und der Religionsfreiheit so manche Absurditäten ausleben.

Die Kinder von Al Bundy waren Sohn Bud und das personifizierte Blondinenklischee Kelly. Die beiden halfen Mutter Peggy tatkräftigt Vater Al den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen und den letzten Nerv zu rauben. Dass Al Bundy sein Leben so in die Scheisse reiten konnte, war eigentlich nicht vorhersehbar. Denn eigentlich hatte er einen guten Start ins Leben hingelegt. Als High-School-Footballspieler war er äusserst erfolgreich und er erhielt sogar ein Stipendium für das College. Blöderweise hatte er auf einer Party einen Kondom einmal zu oft wiederverwendet und dabei seine Peggy geschwängert. Das war der Anfang von seinem Ende, wie er gerne bei jeder Gelegenheit erwähnte.

Je nach Massstab, mit dem man meine Lebenssituation beurteilen möchte, bin auch ich ein absoluter Loser. Mittlerweile bin ich über 40 Jahre alt, kann keine nennenswerte Karriere vorweisen und betrachte es immer noch als den Höhepunkt meiner Woche, wenn ich Samstagmorgen mit einer Tasse lauwarmem Kaffee bequem im Bett liegen und dabei ein gutes Buch wie «Leben für Dummies» lesen darf. Aber dank Al Bundy geht es mir dabei trotzdem gut. Der Grund: Weil ich am Totalschaden, der sich mein Leben schimpft, nicht selber Schuld trage. Der gute alte Al Bundy hat mir nämlich schon früh gezeigt, wie wichtig es ist, für sein eigenes grossartiges Versagen Sündenböcke zu finden. Man fühlt sich dann ganz einfach besser.

Ich wäre heute ein berühmterer Langläufer als Dario Cologna, hätte ich nicht meine Karriere im Alter von 15 Jahren begraben, weil die bösen Opinion-Leader in der Schule mich zum Rauchen gezwungen haben. Blöderweise passen Zigaretten und Ausdauersport so schlecht zusammenpassen wie Tiramisu und Ketchup – ausser vielleicht in der Englischen Küche.

Nach dem Langlaufen kam das Snowboarden. Leider schaffte ich es da nicht ganz an die Spitze, weil als die Nachrichten über Global Warming mir das Gefühl gaben, dass ich nicht bis zu meinem Rentenalter ein regelmässiges Halfpipe-Preisgeld-Einkommen werde einsacken können. Die Schuld dafür gebe ich heute Al Gore.

Als Vernunftentscheid konzentrierte ich mich ab sofort auf das Fussballspielen. Kurz bevor aus mir der neue Pelé geworden wäre, verlor ich die Freude an diesem Sport. Der Grund dafür waren meine Mannschaftskollegen. Sie hatten keine Freude daran, dass meine Sololäufe immer so lange dauerten, bis ich entweder ein Tor geschossen oder den Ball verloren habe. In 99% der Fälle war der zweite Fall der Fall. Ich musste mir eingestehen, dass ich kein Teamplayer bin. Ich selber sehe mich eher als Jimi Hendrix anstatt als ein namenloses Mitglied einer Band. Wäre ich ein Puzzle, würde es aus nur einem Teil bestehen.

Somit war mein nächster Schritt nur logisch. Ich begann damit E-Gitarre zu spielen um meine Sololäufe in Zukunft musikalisch zu performen. Der Grund, warum ich hier nicht durchstarten konnte, lag an meinen damaligen Nachbarn. Meine avantgardistischen Klänge fanden leider bei ihrem überempfindlichem Gehör und ihrem riesigem Defizit an gutem Musikgeschmack keinen Anklang. Da entschied ich mich Maler zu werden. Das war leise und subtil und entsprach ohnehin viel mehr meinem introvertierten Charakter. Aber meinen Plänen, ein Künstler zu werden, der am Leben verzweifelt, der Gesellschaft mit kritischen Bildern den Spiegel vorhält, seine Identität immer wieder sucht, findet und wieder verliert, seine Vergangenheit kreativ aufarbeitet und von mindesten fünf illegalen Substanzen abhängig ist, wurde leider auch nichts. Der Grund: Meine Kindheit war einfach zu glücklich. Das werfe ich meinen Eltern heute noch vor. Leider habe ich es nie über das Niveau von Rolf Knie geschafft.

Irgendwann habe ich mich dann auch noch als Schauspieler versucht. Aber da hat mir mein Narzissmus ein Bein gestellt. Ich finde mich selber so toll, dass ich keine Lust hatte, in fremde Rollen zu schlüpfen. Wer möchte schon den Hamlet spielen, wenn er Dominik Brülisauer sein kann.

18_Meine_Helden_Al_Bundy_fertig

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