Flipper

Der Wingman mit den Flossen.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Nicht nur, dass die Delphine im Meer unter den Fischen leben, sie sehen auch noch aus wie sie. Kein Wunder also, dass viele Leute Delphine ebenfalls für Fische halten. Allerdings sind Delphine Säugetiere. Diese Tatsache ist ungefähr gleich verwirrend wie die Situation mit Donald Trump. Ihn könnte man auch mit einem Politiker verwechseln, weil er sich oft unter ihnen bewegt und ihnen rein optisch sogar ein wenig gleicht. Trump mit einem Delphin zu vergleichen, wäre allerdings zu sehr an den orangen Haaren herbeigezogen. Schliesslich gelten Delphine im grossen Gegensatz zum aktuellen POTUS als intelligente und soziale Wesen, die bei uns Menschen äusserst beliebt sind. Delphine sind sogar so beliebt, dass sie neben dem Anker und Chinesischen Schriftzeichen zu unseren beliebtesten Tätowierungssujets gehören – am besten in Kombination mit einem Regenbogen, einem Herzchen und einem Männernamen. Aber während ein Anker auch als ein Symbol für Immobilität missverstanden werden kann und ein Chinesisches Schriftzeichen auf weisser europäischer Haut niemals etwas anderes bedeutet als «Wenn du mit mir redest, hast du vielleicht nicht unbedingt das Gefühl, dass ich besonders klug bin. Aber das Zeichen auf meinem Rücken ist eine Weisheit von Konfuzius, die du nicht lesen kannst. Ätsch», generieren Delphin-Sujets immer ein anerkennendes Nicken.

Würde es ein submarines Tätowierungsstudio geben, würden sich die Delphine bestimmt auch Menschen-Sujets auf ihre glatte Haut tätowieren lassen. Die Liebe zwischen Mensch und Delphin beruht nämlich auf Gegenseitigkeit – nicht so wie bei Menschen und Läusen. Das beweisen zahlreiche Augenzeugenberichte, in denen Delphine Menschen aus brenzligen Situationen gerettet haben. Diese Tatsachen waren ein Hauptgrund dafür, dass wir mit Flipper einen von ihnen zu einem TV-Star gemacht haben. Die unbrauchbaren Seepferdchen, die nervigen Quallen oder die selten hässlichen Muränen müssen sich ziemlich anstrengen, wenn sie jemals ähnliche Ehren erfahren möchten.

Neben Poseidon, Neptun, Sponge Bob Schwammkopf, Arielle, dem Clownfisch Nemo, dem Kapitän Nemo, dem Weissen Hai, dem Walfisch Moby Dick, dem Orca Willy, der Titanic und dem Stachelrochen, der Steve Irvin auf dem Gewissen hat, gehört Flipper zu den prominentesten Meeresbewohnern. Flipper war ein wahrer Star. In Kinofilmen und unzähligen Episoden seiner Fernsehserie erlebte er wilde Abenteuer. Er kämpfte gegen entflohene Sträflinge und gegen Umweltsünder, zeigte glücklosen Fischern den Weg zu reichen Fischgründen oder er rettete Menschen aus Seenot. Würde man heute einen neuen Flipper-Film drehen, dann würde er wahrscheinlich vor der Küste Somalias Piratenschiffe versenken oder lecke Ölbohrtürme reparieren. Dem Holländer Boyan Slat würde er dabei helfen, die Ozeane vom Plastikmüll zu befreien und gleichzeitig würde er Baywatch-Rettungsschwimmerinnen, die aus total unerklärlichen Gründen mit ihren Kunststoff-Eutern ebenfalls in den Plastikfallen hängen geblieben sind, befreien und zurück an den Strand bringen. Ausserdem würde Flipper im Mittelmeer Bootsflüchtlinge vor dem Ertrinken retten und in den Korallenriffen Thailands die schnorchelnden Bachelor-Kandidaten vor sich selbst.

Als ich ein Kind war, war «Flipper» eine meiner absoluten Lieblingssendungen. Der Delphin lebte vor der Küste Floridas. Sein bester Freund war der kleine Menschenjunge Sandy Ricks, der mit seiner Familie auf einer Insel lebte. Jedes Mal, wenn der kleine Sandy Ricks ein Problem hatte oder jemanden zum Reden oder Spielen brauchte, war Delphin Flipper sofort zur Stelle. Das faszinierte mich. Es war mir klar, dass ich als Engadiner niemals einen Delphin zum besten Freund haben werde. Die Vorschläge meiner Eltern, ich solle mich doch mit einer lustigen Äsche oder mit einer freundlichen Bachforelle anzufreunden, fand ich spätestens ab meinem 22. Altersjahr nur noch merkwürdig. Meiner Meinung nach hätte es zumindest ein Steinbock, ein Adler oder ein Murmeltier sein müssen, mit dem ich in Pontresina Jagd auf Falschparker oder Kurtaxenpreller gemacht und Touristen aus den Lawinen oder Touristenfallen befreit hätte.

Meine Eltern nahmen meine Tierliebe zur Kenntnis und kauften mir und meinem Bruder immerhin eines Tages zwei Wellensittiche. Meinen taufte ich Tschibi. Damals dachte ich komischerweise, das sei ein cooler Name für einen verbrecherjagenden Wellensittich. Heute würde ich meinen bunten Wingman wohl eher Wingman, Captain Angry Bird, Hans Schnabel oder Jürgen Vogel rufen. Allerdings ist mein Plan, mit Tschibi ein A-Team zu gründen und mit ihm zusammen die Welt zu retten, daran gescheitert, dass meine Mutter darauf bestanden hatte, dass ich niemals mit den Vögeln das Haus verlassen würde. Die beiden Wellensittiche lebten in einem Käfig bei uns im Wohnzimmer. Wie im offenen Vollzug üblich, durften die beiden Tiere ihre Zelle immer wieder für ein paar Minuten verlassen und in der Stube ein paar Runden drehen. Mehr lag aber nicht drin. Spätestens an dem Tag, als ich vergessen hatte die Balkontüre zu schliessen und der gute Tschibi ab in die Freiheit flüchtete, habe ich verstanden, was sie damit gemeint hatte.

Zwei Wochen lang harrte er auf dem einzigen Baum in unserer Nachbarschaft aus. An den ersten zwei Tagen pfiff er noch fröhlich den Beatles-Klassiker «Free as a Bird». Mit der Zeit wurde er immer weniger euphorisch bis er zum Schluss nur noch mit grösster Mühe den Song «Help» krächzte. Dann fiel er halbverhungert vom Ast vor die Pfoten der Quartierkatze. «Lieber Tod als in Gefangenschaft», schien seine Devise gewesen zu sein. Dafür zolle ich ihm immer noch Respekt. Trotzdem muss ich mich heute fragen, warum er es vorzog, 50 Meter vor dem rettenden Futter den Löffel abzugeben, anstatt zu uns zurückzukehren.

Flipper hat Sandy Ricks nie verlassen. Man weiss zwar nicht, was aus den beiden geworden wäre, wäre Sandy ins Landesinnere gezogen. Hätten sie versucht, eine Fernbeziehung zu führen? Hätte Sandy Flipper in einem überdimensionierten Goldfischglas mitgenommen? Oder hätten die beiden auf Tinder und Delphinder ganz schnell neue Bekanntschaften getroffen und den anderen vergessen? Man weiss es nicht so genau.

Was ich aber dank meinen Recherchen weiss, ist dass Flipper in den 60er-Jahren einige Male für die Rolle des Besten Schauspielers nominiert wurde. Niemand könne die Rolle des menschenliebenden Delphins so überzeugend darstellen wie er. Allerdings konnte er niemals einen Oscar gewinnen. Das hat ihn in eine üble Depression stürzen lassen. Wegen seines chronischen Lächelns nahm man seine Krankheit aber nie richtig ernst. Als er schliesslich damit drohte, die Rolle gar nicht mehr zu spielen, haben die Produzenten endgültig einen Lachanfall bekommen. Sie erklärten ihm, dass es überhaupt kein Gesetz gebe, dass besagte, dass die Rolle eines Delphins unbedingt von einem Delphin gespielt werden müsse. Sie haben ihm hunderte von Filmen vorgeführt, in denen sie die Rollen von Indianern, Ägyptern oder Schwarzen mit weissen Schauspielern besetzt hatten – angeblich, weil die beim Publikum ganz einfach am besten ankommen würden. Und wenn Orson Welles den Mauren Othello oder Pierre Brice den Apachenhäuptling Winnetou so überzeugend spielen konnten, warum sollte also kein weisser männlicher Schauspieler einen Delphin glaubhaft darstellen?

Flipper nahm das zur Kenntnis und zog sich aus dem Showgeschäft zurück. Im Nachhinein muss man ehrlicherweise aber auch zugeben, dass jede Rolle, die Dwayne Johnson bisher gespielt hat, von Flipper durchaus glaubwürdiger dargestellt worden wäre. Und bestimmt auch billiger.

17_Meine_Helden_Flipper_fertig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s