Bud Spencer

Faustdick im Filmgeschäft.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Gut gemeinte Ratschläge bekommt man immer von allen Seiten. Im Normalfall widersprechen sich diese allerdings und stiften eher Verwirrung als Klärung. Der Chef sagt, man solle mehr arbeiten, die Freundin sagt, man solle weniger arbeiten, die eigene Faulheit sagt, man solle gar nicht mehr arbeiten, der Finanzberater sagt, man solle sein Geld für sich arbeiten lassen, und Kim Kardashian sagt gar nichts, weil sie die Bedeutung des Wortes Arbeit zuerst von jemandem googeln lassen muss.

In der Bibel, dem ironischsten Lebensratgeber aller Zeiten, konzentriert sich dieses Problem. Man wird auf jeder zweiten Seite zu etwas anderem angehalten. Im alten Testament kann man lesen «Auge um Auge, Zahn um Zahn», aber im Evangelium nach Matthäus wiederum heisst es, dass wenn dir einer auf die rechte Wange schlägt, du auch deine linke hinhalten sollst. Beide Ratschläge sind ziemlich dämlich. Wenn jemand deinen Maulesel schändet, machst du im Gegenzug wohl kaum romantische Avancen gegenüber seinem Maulesel. Und wenn du jemanden erwischst, der gerade deinen Fernseher klaut, dann überredest du ihn bestimmt nicht dazu, die Stereoanlage auch noch gleich mitzunehmen – ausser vielleicht du heisst Ned Flanders oder Kurt Aeschbacher. Dann wärst du so nett, und würdest den Einbrecher noch fragen, ob du ihm die Diebesgüter als Geschenk einpacken sollst und ob du ihm beim Tragen helfen darfst.

Als guter Italiener hat Bud Spencer die Bibel garantiert mehrmals gelesen. Dabei fand er einen Weg, den Widerspruch dieser beiden spezifischen Ratschläge zu überwinden. In Schlägereien hielt der Brummbär von einem Mann zuerst die rechte Wange hin, dann die linke, dann murmelte er etwas Unverständliches in seinen Bart und beendete schlussendlich die Auseinandersetzung in Sekundenbruchteilen mit dem Einsatz seiner eigenen Fäuste. Ja, die Fäuste waren Bud Spencers Markenzeichen. So wie bei Owen Wilson die Nase, bei Zac Efron das Sixpack oder bei Jürgen Vogel die Zahnstellung, die ungefähr den gleichen Trümmerhaufen bildet wie Dresden nach dem 2. Weltkrieg. Sie spielten in zahlreichen Filmperlen wie «Vier Fäuste für ein Halleluja», «Charleston – Zwei Fäuste räumen auf», «Eine Faust geht nach Westen», «Vier Fäuste gegen Rio» oder «Zwei Engel mit vier Fäusten» die Hauptrollen. Man kann zweifellos sagen, dass Bud Spencer der erste Fisting-Star der Filmgeschichte war.

Geboren wurde Bud Spencer als Carlo Pedersoli 1929 in Neapel. Sein Künstlername war inspiriert vom Budweiser Bier und vom Schauspieler Spencer Tracy. Ich finde, der Name klingt heute noch ziemlich cool. Auf jeden Fall besser als Himbeersirup Affleck, Tomatensaft Cage oder Pasteurisierte Milch Depp.

Seine besten Werke drehte Bud Spencer mit seinem Buddy Terence Hill. So wie Hallenbad und Fusspilz waren die beiden ein unzertrennliches Team. Meine Kinderaugen leuchten heute noch auf, wenn ich den Fernseher einschalte und ihre Gesichter erblicke. Beste Unterhaltung ist garantiert. Ein paar Sprüche wie «Wer beim Duschen den Hut absetzt riskiert eine Grippe» oder «Der hat auch nicht mehr Grips als ein Spatz Fleisch an der Kniescheibe» werden mit Fressgelagen, faulem Rumliegen, Trinkgelagen, ein paar Bösewichten, die artgerecht vermöbelt werden, einem eingängigen Soundtrack und dem Ansatz einer Story, die das ganze zusammenhält, kombiniert. Fertig ist das Gute-Laune-Meisterwerk. So lange in jedem von uns noch ein Hedonist steckt, der sich gegen die Leistungsgesellschaft, eine vernünftige Ernährung oder übertriebenem Pazifismus zur Wehr setzt, werden die Filme Jung und Alt weiterhin begeistern.
Bud Spencer spielte nicht nur als Schauspieler viele Rollen, sondern auch in seinem langen richtigen Leben. Er war unter anderem Jurist, Schwimmer, Wasserballspieler, Musiker, Erfinder, Politiker und Gründer der Fluglinie Mistral Air.

Seine Zeit als Jurist war allerdings relativ kurz. Wahrscheinlich realisierte Bud Spencer schon kurz nach dem Studium, dass Gesetze in Italien ohnehin nur unverbindliche Empfehlungen waren, an die man sich gerne halten durfte, wenn man mochte. Deshalb haben in Italien Juristen den gleichen Stellenwert wie Jungsozialisten in der Schweiz – alle finden sie herzig, aber niemand weiss, für was sie gut sein sollen.

Als Schwimmer legte Bud Spencer als erster Italiener überhaupt 100 Meter Freistil unter einer Minute zurück und er wurde in einem Zeitraum von zehn Jahren in diversen Disziplinen immer wieder Italienischer Meister. Wahrscheinlich verdrängte er dank seinem enormen Körpervolumen bereits beim Sprung ins Becken soviel Wasser, dass er die 100 Meter ganz einfach joggen konnte.
Aus ähnlichen Gründen war er auch beim Wasserball erfolgreich. Als Verdrängungskünstler spülte er wohl auch hier sämtliche Gegenspieler mit einer Flutwelle aus dem Becken. Danach liess er sich von den Zuschauern Bälle zuwerfen, jonglierte diese auf der Nase und schleuderte sie mit seiner riesigen Flosse wieder zurück ins Publikum. Zur Belohnung warf man ihm Delphine zu, die er dann vergnüglich vor den geschockten Kindern mit einem Biss runterschluckte.

Als Musiker komponierte und sang Bud Spencer wunderschöne neapolitanische Lieder. Diese Musik war so schön, dass sie alle Leute umhaute, die von Bud Spencers Spezialfaustschlägen Doppelbackpfeife und Dampfhammer verschont blieben. Das Faszinierende daran ist, dass der Schlägertyp Bud Spencer herzzerreissende Lieder singen konnte und es seinem Image sogar noch förderlich war. Stell dir mal vor, die Klitschko-Brüder würden ab sofort eine Helene-Fischer-Coverband gründen oder den Wiener Sängerknaben beitreten. Das würde ungefähr so lächerlich rüberkommen wie der Ausflug von Erich Hess in die Politik.

Berüchtigt waren auch seine Erfindungen. Zwölf Patente reichte er in seinem Leben ein. Zu seinen kreativen Höchstleistungen gehörten ein Spazierstock mit eingebautem Stuhl und eine Einweg-Zahnbürste mit integrierter Zahncreme. Man sagt, Not mache erfinderisch. Bei Bud Spencer war es wohl die Liebe zur Bequemlichkeit. Hätte er noch einen Wecker erfunden, mit dem man am Morgen diskutieren und ihn davon überzeugen kann, warum man noch liegen bleiben sollte, wäre er der nächste Thomas Edison gewesen.

Politisch aktiv war Bud Spencer in der Partei «Forza Italia» von Silvio Berlusconi. Der einzige Grund, warum Bud Spencer nie in das Italienische Parlament gewählt wurde, war wohl, dass man ihm auf Grund seiner Körpermasse zwei Sitze zur Verfügung hätte stellen müssen. Dass er damit die ohnehin schon angeschlagene Demokratie Italiens aus dem Gleichgewicht gebracht hätte, versteht sich wohl von selbst. Allerdings hätten die typischen italienischen Parlamentsprügeleien bestimmt noch an Attraktivität gewonnen.

Als ob Bud Spencer in seinem Leben nicht schon genug um die Ohren gehabt hätte, gründete er 1981 die Fluggesellschaft Mistral Air mit Sitz in Rom. Ich bin zwar noch nie mit dieser Airline geflogen, aber ich kann mir vorstellen, dass die Sitze in den Flugzeugen grosszügig gestaltet sind, das Essen in üppigen Portionen serviert wird und die Beschwerden von Passagieren mit Ohrfeigen beantwortet werden. Zumindest den letzten Teil hat die Iberia bereits übernommen.
Als Bud Spencer 2016 gestorben ist, war sein letztes Wort angeblich «Danke». Ich schreie ihm ein lautes Grazie zurück und überlege mir, was mein letztes Wort sein wird. Cool wäre «Papi» – so quasi als Ausgleich zu meinem ersten Wort.

16_Meine_Helden_Bud_Spencer_fertig

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