Steve Irwin

Gefährliche Tierliebschaften.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Die Erde wird nicht von Erdlingen bewohnt, sondern von einer Vielzahl unterschiedlicher Tierarten. Dazu gehören rund 5500 Säugetier-, 6800 Amphibien-, 9500 Reptilien-, 10 000 Vogel-, 32 000 Fisch-, 47 000 Krebstier-, 85 000 Weichtier-, 102 000 Spinnentier- oder über eine Million Insektenarten. Wir Menschen gehören zu den Säugetieren. Als solche reagieren wir aus evolutionsbiologischen Gründen positiver auf niedliche Lemuren-Babys als auf einen grimmig guckenden Blobfisch. Mit gewissen Tieren sind wir ganz einfach näher verwandt als mit anderen. Die Faustregel lautet: Je kuscheliger das Fell ist und je grösser die Augen des Tieres sind, mit denen es uns anglotzt, desto eher wollen wir es knuddeln und füttern. Hunde haben das bereits vor tausenden von Jahren begriffen und den Hundeblick entwickelt. Seither kümmern wir Menschen uns um ihr Futter und ihre Wohnsituationen und räumen sogar noch ihre Kacke weg. Die Kakerlake und der Nacktmull können von so einem Service nur träumen.

Aber egal wie herzig wir eine Tierart finden, ihre Babys holen jeweils noch Extrapunkte, weil sie auf uns noch eine Stufe ungefährlicher wirken. Denke zum Beispiel an einen neugeborenen Tiger. Wenn er unbeholfen vor dir rumstolpert und mit einem Wollknäuel spielt, denkt er sich vielleicht bereits, dass er dir am liebsten das Gesicht wegbeissen und dich mit seinen Krallen zerfleischen möchte. Aber er kann es einfach noch nicht. In diesem Stadium ist er noch so süss wie der Iran, der gerne Atomwaffen hätte um Israel auszulöschen, aber einfach noch nicht so weit ist.

Zu Tieren, deren Verwandtschaftsgrad zu uns kleiner ist und die deshalb weniger Ähnlichkeit zu uns haben, empfinden wir weniger Zuneigung. Und zwar zu Recht. Spinnen haben acht Beine – das sind also absolute Freaks. Schlangen fressen ohne den Gebrauch von Händen – das gibt es sonst nur auf RTL 2. Und die Weichtiere haben alle weniger Rückgrat als jeder Manager, der sich von Frau Martullo-Blocher auf Youtube wie ein Schuljunge die «Seven Thinking Steps» erklären lässt, anstatt den kaputten Beamer nach ihr zu werfen.

Aber während ich mich aus logischen Gründen ebenfalls zu den süssen Tieren hingezogen fühlen sollte, faszinieren mich die gefährlichen Kreaturen ungleich mehr. Mir ist zwar klar, dass kein anderes Tier so viele Menschen und andere Lebewesen umbringt wie der Mensch selbst, trotzdem gehe ich nicht in den Zoo um die Ticketverkäufer, die Wärter oder die anderen Besucher ehrfurchtsvoll anzustarren, sondern um Killermaschinen wie Raubkatzen, Piranhas, Giftschlangen, Skorpione und Taranteln zu bewundern.

Das war auch einer der Gründe, warum ich im Jahre 2002 ein halbes Jahr lang durch Australien gereist bin. Egal wo du in Australien bist, irgendetwas versucht dich immer umzubringen. Im Meer haben dich die gefährlichsten Haifisch-Arten zum Fressen gern, am Strand liegst du auf dem Teller des Salzwasserkrokodils, in der Stadt erwartet dich die Funnelweb-Spider und auf dem Land die Hate-Squad der giftigsten Schlangen der Welt – wie zum Beispiel der Inlandtapian. Und falls du das alles überleben solltest, gibt es immer noch boxende Kängurus, besoffene Autofahrer oder die Sonne, die dir gerne den Rest geben.

Jemand, der meine Liebe zu gefährlichen Tieren ebenfalls teilte, war der Blondschopf Steve Irwin. Während meiner Zeit in Australien war er im australischen Fernsehen so omnipräsent wie die Kosmische Hintergrundstrahlung im Universum, die AfD in den Negativschlagzeilen und du auf dem Facbookprofil deiner Ex-Beziehung. Hätte ich in Australien mal auf einen TV-Bildschirm gestarrt, ohne gleich vom fröhlichen Grinsen Irwins angestrahlt zu werden, wäre ich so irritiert gewesen, wie wenn ich heute auf Tele Blocher zappen und dort von Christoph Blochers Ferienvertretung Jean Ziegler begrüsst werden würde. In seiner tierischen TV-Serie «The Crocodile Hunter» hat Steve Irwin Menschen auf der ganzen Welt der Tierwelt näher gebracht. Das hatte er geschafft, in dem er selbst den Tieren nahe kam. Sehr nahe. Er ist sogar den gefährlichsten Tieren so nahe getreten, dass selbst Pussygraber Donald Trump das als unanständig betrachtet hätte.

«The Crocodile Hunter» wurde zu einem weltweiten Erfolg und machte Steve Irwin neben Ian Thorpe, Heath Ledger und Nick Cave zum wohl berühmtesten Australier des Globus. Aber im Gegensatz zu Olympiaschwimmer Ian Thorpe war Irvine nie in ein Schwimmbecken gestiegen, in dem keine bissigen Weisse Haie, hungrige Piranhas oder schlechtgelaunte Krokodile sehnsüchtig auf ihn gewartet hätten. Im Gegensatz zum Joker Heath Ledger hat Irwin Fledermäuse nie bekämpft, sondern hängte mit ihnen ab – am liebsten die ganze Nacht lang kopfüber in einer Höhle. Und im Gegensatz zu Sänger Nick Cave, der seine Garderobe je nach Unlust, Deprolaune oder Verstimmung in den verschiedensten Schwarztönen variiert, trug Steve Irwin immer das gleiche: ein khakifarbenes Tropenhemd, Tropenshorts und Wanderschuhe.

Steve Irwin als tierlieb zu bezeichnen, wäre ungefähr die gleiche Untertreibung gewesen, wie Robert Downey Junior drogenlieb zu nennen. Steve Irwin war vielmehr tierverliebt. Und dabei liebte er nicht nur wie normale Menschen Hunde, Katzen und Schnitzel, sondern die ganze Bandbreite. Ob Weisskopfseeadler, Eurasische Zwergmäuse, Kiemenschlitzaale, Plattschwanzgeckos, Beilbauchfische, Sumatra-Tiger, Blaue Pfeilgiftfrösche, Zebramangusten oder Küchenschaben, Steve Irwin war von allen Tieren gleich begeistert. Er streifte durch die Wüsten, Steppen, Dschungel, Savannen, Flüsse und Ozeane der Erde, schnappte sich bei jeder Gelegenheit ein sich versteckendes oder davoneilendes Tier, hielt es in die Kamera und flirtete mit ihm schamlos. Wenn er mit einer fauchenden Kobra tanzte, nannte er sie mit seinem australischen Charme «a Beauty», wenn er mit einem Krokodil herumtollte, nannte er es «my Buddy».
Während seiner Karriere wurde Steve Irwin vor laufender Kamera öfter gebissen, gekratzt oder getreten als Seal während seiner Beziehung mit Heidi Klum. Und Seal hatte bestimmt mal aufgehört, Heidi «a Beauty» zu nennen. Allerdings nahm Irwin das nie persönlich und er verlor nie sein Lächeln. It’s a Part of the Job, Dude. Allerdings haben die meisten Tiere Steve auch geliebt. Eine der rührendsten Szenen spielte sich im Dschungel von Sumatra ab. Steve Irwin sass auf einem Baum. Dann kam eine Orang-Utan-Mutter mit ihrem Baby vorbei und hat mit Irwin angefangen zu kuscheln. Steve Irwin war von dieser Charme-Offensive so überrascht und gerührt, wie es ein GC-Hooligan wäre, würde er jemals von einer Frau angesprochen werden.

Im Australia Zoo nördlich von Brisbane war Steve Irwin die Hauptattraktion. Das klingt ein wenig sonderbar, schliesslich sollten in einem Zoo doch die nichtmenschlichen Tiere im Mittelpunkt stehen. Die Situation war vergleichbar mit einem Interview, das Roger Schawinski führt. Auch dort geht es selten um das eigentliche Thema, sondern meistens um ihn selbst. Steve Irwin tollte vor den begeisterten Besuchern mit den Tieren herum. Ein wenig Aufsehen erregte Irwin, als er eines Tages während einer Show ein riesiges Salzwasserkrokodil mit seinem neugeborenen Sohn im Arm fütterte. Die Kritiker meinten, dass Irwin sein Baby unnötiger Gefahr ausgesetzt habe. Vielleicht wollte der Crocodile-Hunter mit dieser Aktion aber nur auf den Mangel an Krippenplätzen in Australien aufmerksam machen. Ausserdem nahmen andere Eltern ihre Kinder ja bestimmt auch zur Arbeit mit. Wenn man nicht gerade Linienpilot, Elitesoldat oder Zuhälter ist, sollte das ja auch kein Problem sein.

Steve Irwin war für mich ein Held. 2006 ist er im Great Barrier Reef ums Leben gekommen. Während Dreharbeiten unter Wasser kam er einem Stachelrochen zu nahe. Diese Begegnung endete im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Stich ins Herz.

15_Meine_Helden_Crocodile_Hunter_fertig

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