Der Pac-Man

Das Leben ist ein Hungerspiel.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Ich bin zu einer Zeit gross geworden, als die Kinder noch im Freien gespielt, Bäche gestaut und im Wald Feuerchen gelegt haben. Zu meiner Zeit hat man die Kinder, die zu fett, zu faul, zu gross, zu klein, zu dumm, zu intelligent, zu reich, zu arm, zu sportlich, zu unsportlich, zu wenig schweizerisch, zu schweizerisch – oder Kinder, die sich aus einem anderen Grund nicht schön im Durchschnitt bewegt haben wie die tonangebende Mehrheit – noch von Angesicht zu Angesicht fertig gemacht. In der guten alten Zeit haben sich die Kinder auch noch an der frischen Luft beim Cowboy und Indianer spielen zum Spass gegenseitig massakriert.

Heute ist alles anders. Als Kulturpessimist, so wie ich einer bin, hat man das Gefühl, dass die Kindheit heutzutage hauptsächlich vor einem Bildschirm stattfindet. Kinder treffen sich nicht mehr auf dem Spielplatz oder im Wald, sondern in Chats. Normabweichler werden heute nicht mehr auf dem Pausenhof, sondern in den Sozialen Medien via Cyber-Mobbing mit ihrer Andersartigkeit konfrontiert. Und anstatt an der frischen Luft einen Pfeil oder eine Luftgewehrkugel auf seine Freunde abzufeuern und dabei leise zu hoffen, dass man kein Auge trifft, bekriegen sich die Kinder heute von ihren Sofas aus in Games wie World of Warcraft, Call of Duty oder Battlefield. Wie du siehst, die Welt geht vor die Hunde.

Meine Generation hat sich noch auf die Rekrutenschule gefreut. Draussen sein, dreckig werden, Minderheiten wie die Schwulen oder die Homophoben dissen, Rumballern und Sachen in die Luft jagen. Was kann es Schöneres geben? Den Rekruten von heute muss man zuerst erklären, dass man während dem 12-Minutenlauf nicht nach 8 Sekunden Pause drücken kann – selbst wenn man dann bereits unter grösseren Atemproblemen leidet als eine Kettenrauch-Forelle auf dem Trockenen. Man muss ihnen auch schonend beibringen, dass sie im Gegensatz zu den Avataren in ihren Videogames, bei der Schweizer Armee ihre Uniformen und Waffen nicht individuell selber zusammenstellen können. Und was ebenfalls ein grosser Unterschied ist: Wenn jemand nach der RS die nächste Runde erreicht und weiter machen darf, hat er verloren.

Eigentlich sollte es ein Swiss-Army-Kriegsspiel geben. Kinder können sich damit bereits mental auf die RS vorbereiten. Man muss vielleicht mit seinem Avatar acht Stunden stramm stehen um einen Hydranten zu bewachen. Oder im Gleichschritt marschieren und dabei gleichzeitig einen Joint drehen, Nahrungsquellen wie Kioske aufspüren oder seinen Avatar seine Schuhe auf Hochglanz polieren lassen. Das Schuhputz-Thema beschäftigt mich tatsächlich heute noch – 20 Jahre nach meiner Rekrutenschule. Damals fragte ich mich die ganze Zeit, warum ich ständig in einem Tarnanzug rumlaufen musste, während meine Schuhe so zu glänzen hatten, dass ich selbst in der dunkelsten Nacht von Andrea Bocelli mit Augenbinde entdeckt worden wäre. Die Tarnanzug-Hochglanzkampfstiefel-Diskrepanz raubte mir den Schlaf. Der Schweizer Soldat ist ein personifiziertes Oxymoron – er bildet sich aus zwei sich widersprechenden Elementen: Tarnen und Glänzen. Er reiht sich dabei in die gleiche Kategorie ein wie Flüssiggas, Hassliebe, linker Rechter, stummer Schrei oder intelligenter Big-Brother-Hausbewohner.

Um ehrlich zu sein, spielte auch meine Generation früher ab und zu mal ein Computerspiel. Aber nur bei Regenwetter. Und auch damals gab es Leute, die ein wenig Mühe hatten, zwischen der Realität von Computerspielen und den Realitäten des richtigen Lebens zu unterscheiden. Aber trotzdem ist mir kein Fall bekannt, wo jemand nach dem er zu oft Super-Mario-Jump-’n’-Run-Games gespielt hatte, eine Lehre als Klempner in Angriff nahm und sich darauf freute, Giftpilze zu essen, zu schrumpfen und in den Abwasserrohren Schildkröten zu jagen. Ich kenne auch niemanden, der nach dem stundenlangen Spielen von Tetris Maurer wurde und jedes Mal enttäuscht war, wenn sich seine fertigen Backsteinlinien nicht in Luft auflösten. Nein, meine Generation war noch normal.

Damals wurde Pac-Man zu meinem Lieblingsspiel. Der Held und Namensgeber des Games war gelb und sah aus wie eine Pizza, von der ein Stück fehlte. Der fehlende Sektor war der Mund des Pac-Mans. Das Schöne an diesem Spiel war, dass es einfacher war als Schuhe binden und noch banaler als das Denken eines PNOS-Aktivisten. Der Spieler musste den Pac-Man durch ein Labyrinth bewegen. Die Gänge waren mit Punkten gespickt. Sobald man mit dem Pac-Man sämtliche Punkte weggefressen hatte, kam man in das nächste Level. Der Pac-Man selber wurde von einem roten, einem pinken, einem hellblauen und einem orangenen Geist verfolgt. Sobald einer der Verfolger den Pac-Man frass, verlor dieser ein Leben. Im gesamten Labyrinth waren Kraftpillen verteilt. Wenn der Pac-Man so eine verschluckt hatte, färbten sich die Verfolger für ein paar Augenblicke dunkelblau. Jetzt schlug die Stunde des Pac-Mans. Solange die Feinde dunkelblau waren, konnte er nun sie fressen und dabei wertvolle Punkte sammeln.

Wenn man gerne Sachen überinterpretiert, kann man dieses Spiel als perfekte Metapher für das Leben betrachten. Schliesslich tasten wir uns alle ständig durch ein Labyrinth, dessen Wände aus Gesetzen, Moral oder Kultur gebaut sind – oder in meinem Fall aus den Meinungen meiner jeweiligen Freundin. Wir sind doch alle Verwirrte, die verzweifelt ihren Weg suchen und dabei von bösen Geistern aus der Vergangenheit verfolgt werden. Die Hoffnung, diese eines Tages zu besiegen, treibt uns weiter. Und falls man Hilfe benötigt, hilft einem die Chemie seines Lieblingsdealers weiter. Dann fühlt man sich kurzfristig unbesiegbar und wächst für ein paar glorreiche Augenblicke über sich hinaus. Man weiss, dass man sich von Level zu Level kämpfen muss und die ganze Geschichte erst Game-Over ist, wenn jemand den Stecker zieht. Ja, man kann Pac-Man so überinterpretieren, wenn man möchte.

Aber die grösste Lektion, die ich vom Pac-Man gelernt habe, ist die folgende: Man muss immer schön aufessen, aber man darf nie gierig werden. Wenn der Pac-Man nicht sämtliche Punkte wegmampfte, kam er nicht weiter. Wenn er seine dunkelblau gefärbten Verfolger zu lange selber verfolgte, konnte es sein, dass er ihnen zu nahe kam, ohne sie zu erwischen. Dann wurden sie plötzlich wieder normal, drehten sich um und frassen den Pac-Man. Ich lasse mich heute noch gerne bei Freunden zum Essen einladen. Irgendwie finde ich das toll. Ich muss nicht selber einkaufen, kochen oder den Abwasch erledigen, sondern muss nur das machen, was ich am besten kann: sitzen und essen. Dank dem Pac-Man weiss ich, dass ich den Teller immer schön aufessen muss, um eine weitere Einladung zu gewinnen. Das ist ein Kompliment an die Küche.

Aber ich weiss auch, wann ich besser auf einen Nachschub verzichte – nämlich dann, wenn der Gastgeber offensichtlich zu wenig gekocht hat. Das merkt man normalerweise, wenn er selber nach nur einem Teller Spaghetti so tut, als hätten wir gerade eine Fressorgie à la Bud Spencer und Terence Hill hinter uns, seinen Hosenknopf öffnet, sichtlich erschöpft beginnt die Teller abzuräumen und fragt, ob es dir auch lieber ist, wenn er den Nachtisch erst in drei Stunden serviert, weil er gerade kurz vor dem Platzen ist. In so einem Fall musst du auch den Gesättigten spielen und ja nicht verraten, dass du gerade seine «Monsterportion» mit einem Amouse-Bouche verwechselt hast. Öffne einfach auch du deine Hosen und freu dich auf das Dessert. Und auf den Burger King auf deinem Heimweg.

14_Meine_Helden_Pac_Man_fertig

 

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