Frank Baumann

Gegenwind vom Ventilator.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Es gibt immer wieder mal Fernseh-Ereignisse, die sich im kollektiven Gedächtnis von Generationen von Menschen festkrallen – 1964 der Auftritt der Beatles in der Ed Sullivan Show, 1969 die Mondlandung oder 2001 die Anschläge auf das World Trade Center. Bei allen diesen Ereignissen sassen die Zuschauer sprachlos vor ihren Bildschirmen. Begeistert, fasziniert oder schockiert versuchten sie das Gesehene historisch einzuordnen, theoretisch fassbar zu machen, zu begreifen und zu verarbeiten. Diese Prozesse dauerten zum Teil Jahre. Ein Ereignis mit noch grösserer Tragweite als die bereits erwähnten Beispiele flimmerte am 3. Januar 1996 in den Schweizer Haushalten über die Fernseh-Bildschirme: die erste Ausgabe von Ventil mit Moderator Frank Baumann.

Ich sass zuhause in Pontresina mit meinen Eltern und meinem Bruder vor dem TV. Mehr aus Gewohnheit anstatt aus ernsthaftem Interesse konsumierten wir teilnahmslos die Bilder, die uns das Schweizer Fernsehen ins Wohnzimmer lieferte. Vielleicht lief gerade ein Live-Bericht aus einem Gewächshaus, wo ein Team von Moderatoren den Karotten beim Wachsen zuschaute und die Action mit lauwarmen Bemerkungen und viel Hintergrundwissen kommentierte. Oder vielleicht wurde auch gerade ein Dokumentarfilm über den Erfinder des Zigeunerspiesses gezeigt, der sich unter Tränen dafür rechtfertigen musste, warum er sein Produkt immer noch nicht in den politisch korrekteren Terminus Sinti-und-Roma-Spiess umbenannt hatte. Jawohl, das gute alte Schweizer Wohlfühlfernsehen – für a tüüfä gsundä Schlaaf.

Das Schweizer Fernsehen hatte für unsere Familie die gleiche Funktion wie ein Aquarium oder ein Kaminfeuer. Jeder konnte ein wenig vor sich hinvegetieren, nach Lust und Laune das Nichtgeschehen beobachten und ab und zu ein müdes Lächeln oder eine passende Bemerkung als Lebenszeichen in die Runde werfen. Wäre der Fernseher nicht in Betrieb gewesen, hätte jeder das Gefühl gehabt, er müsse etwas sagen und vielleicht seine Problemchen oder Anekdoten des Tages mit der Familie teilen. Solchem Druck ausgesetzt, wäre wahrscheinlich jeder von uns einfach in seinem Zimmer verschwunden. Wie du siehst, Fernsehschauen ist eine soziale Tätigkeit, obwohl immer wieder das Gegenteil behauptet wird.

Aber dann donnerte die erste Ausgabe von Ventil wie eine Lawine in unsere gute Stube. Nach wenigen Sekunden waren alle hellwach. Mein Vater stellte das Gerät lauter, mein Bruder und ich konzentrierten uns auf den Inhalt. Solche Verhaltensweisen hatte das Schweizer Fernsehen bei uns noch nie evoziert. Die Situation war vergleichbar, wie wenn wir anstatt in den Fernseher tatsächlich in das besagte Aquarium oder Kaminfeuer gestarrt hätten. Im Falle des Aquariums war die Situation so, wie wenn plötzlich eine zornige Miniversion des Weissen Hais aus den dunklen Tiefen aufgetaucht wäre und in einem regelrechten Blutrausch die völlig überrumpelten Zierfische massakriert hätte. Jawohl, endlich Action. Oder falls wir tatsächlich einfach ein Kaminfeuer beobachtet hätten, hätten ein paar Lausbuben auf dem Dach gerade eine Stange Dynamit in unser friedlich knisterndes Feuerchen geworfen.

Ventil wurde als eine Sendung angekündigt, in der die Zuschauer des Schweizer Fernsehens anrufen konnten, um Luft abzulassen. Das haben zahlreiche genervte Gebührenzahler auch fleissig getan. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, klang das ungefähr folgendermassen: Herr Krähenbühl lieferte den Input, dass Volksmusik-Moderator Sepp Trütsch doch endlich einen Crashkurs in Schweizer Folklore absolvieren sollte, weil er angeblich von diesem Thema gleich viel Ahnung hatte wie Arno del Curto von der englischen Sprache. Herr Ochsner regte sich darüber auf, dass bei Mister Bean die Lacher eingeblendet wurden. Herr Künzler vermisste die Klassische Musik im Programm des Schweizer Fernsehens.

Doch blöderweise rechneten die Anrufer nicht damit, dass Frank Baumann ihre Kritik am Schweizer Fernsehen ungefähr so ernst nehmen würde wie ein genervter Teenager die Garderobenvorschläge seiner Mutter. Mit einer Frechheit, die mich heute an den Kundendienst der Fluggesellschaft Iberia erinnert, hat er jegliche Kritik im Keim erstickt. Entweder nahm er den Leuten den Wind aus den Segeln, in dem er sich noch viel lauter als sie selbst über die entsprechende Sendung ausgelassen hatte, oder er beleidigte seine Anrufer ganz einfach. Leute, die ihm selber nicht so genehm waren, warf er skrupellos mit dem Umlegen eines übergrossen Hebels, der an seinem Moderationsschreibtisch fixiert war, aus der Leitung. Was für eine Arroganz, was für ein Auftritt, was für ein gewagtes Konzept! Der Fall war klar, ab diesem Tag hatte ich einen Helden mehr in meiner Sammlung.

Frank Baumann hat in den 74 Folgen Ventil, die zwischen 1996 und 2000, ausgestrahlt wurden, keine Gelegenheit ausgelassen, Tabus zu brechen und der Francine-Jordi-Schweiz Ohrfeigen zu verpassen. Die Sendung lief im Verlauf der Jahre zu reinstem Dadaismus auf. Neben den freiwilligen Anrufern liessen sich auch illustre Gäste in der Freakshow vorführen und aberwitzigen Situationen aussetzten. Es herrschte Jahrmarkt-Stimmung. Im Zentrum des Spektakels zog eine Affe auf Zucker im Anzug und Krawatte gekonnt die Fäden und orchestrierte den ganzen Wahnsinn.
Zu den kulturellen Highlights gehörte ein Kunstfurzer, der mit seinen Flatulenzen und adäquater Begleitung eines Streichorchesters die kleine Nachtmusik von Mozart zum Besten gab. Zu den kulinarischen Leckerbissen gehörte Ernesto, der seine Spaghetti durch die Nase konsumierte. Pornostar Laetitia Zappa spielte Baumanns Sekretärin, während Sektenstar Uriella gleichzeitig einen ihrer Liebesfilme konsumieren musste. Ja, Nacktheit war plötzlich allgegenwärtig. Männer hoben mit ihren Penissen Steine und beeindruckten die Zuschauer mit Langdistanz-Urinieren. Auch Frauen liessen keine Gelegenheit aus, ihre Hüllen fallen zu lassen. Der Grund dafür war meistens konstruierter als der Kreationismus, aber das spielte keine Rolle.

Plötzlich war das Schweizer Fernsehen cool. Aber Coolness und Schweizer Fernsehen als etwas wahrzunehmen, das zusammengehörte, das überforderte nicht nur mich kognitiv. Diese beiden Bereiche waren schliesslich bis zu diesem Zeitpunkt zwei separate Universen, die sich gegenseitig abstiessen. Dass Coolheit und Schweizer Fernsehen plötzlich Hand in Hand gingen, dass war gleich irritierend, wie wenn heute Simon Ammann den Chippendales beitreten würde.

Frank Baumann liess die Sendung irgendwann sterben. Ein würdiger Ersatz wurde kaum gesucht. Eine Sendung wie Ventil im Schweizer Fernsehen ist heute so undenkbar wie Rauchen in der SBB. Heute verpesten die Leute mit ihren Kritiken die Kommentarspalten im Internet. Man ruft nicht mehr dem Ventilator an, um ihm mitzuteilen, wie Scheisse man das Leben, das Schweizer Fernsehen und vor allem seine Sendung findet. Das ist äusserst bedauerlich.

Frank Baumann zeigte der Welt, dass man sich von Kritikern nicht fertig machen lassen darf. Auch wenn mir heute mein ganzes Umfeld sagt, dass ich endlich damit aufhören soll während den Hochzeitszeremonien von Freunden «Halleluja» von Leonard Cohen zu singen, nur weil ich heimlich hoffe, dass jemand meine Performance filmen und auf Youtube laden wird, dann schalte ich innerlich den Hebel um und werfe sie aus der Leitung. Ich werde bestimmt noch zum Youtube-Star. Schliesslich gebe ich nicht auf, bis mir mal jemand eindeutig beweisen kann, dass die Tränen des Brautpaars tatsächlich nicht von der emotionalen Ergriffenheit aufgrund meiner schönen Stimme stammen.

12_Meine_Helden_Frank_Baumann_fertig

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