Der mit dem Wolf tanzt.

Im Westen viel Neues.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Ich bin ein absoluter Rassist. Warum? Weil ich felsenfest davon überzeugt bin, dass die Indianer Nordamerikas die besten Menschen des Planeten sind. Die Weissen wiederum sind allesamt Landräuber, Vergewaltiger und Massenmörder. Meine undifferenzierte Meinung ist massgeblich das Resultat der Lektüre zahlreicher Bücher von Ernie Hearting. Der Schweizer Schriftsteller schrieb eine Reihe von Biografien über Indianerhäuptlinge und deren heroischen Kämpfe gegen die ungebremste europäische Masseneinwanderung in die neue Welt.

Metacomet und seine Wampanoag setzten sich im King Philip’s War in Neuengland zur Wehr, Sitting Bull und seine Sioux feierten bei der Schlacht am Little Big Horn einen legendären Sieg über das 7. US-Kavallerie-Regiment und die Washington Redskins gewannen schon drei Mal den Superbowl.

Der traurige Schlusspunkt war das Massaker von Wounded Knee im Jahre 1890 an 300 wehrlosen Lakota Sioux in South Dakota. Es war ganz klar, wem meine Sympathien galten: den edlen Wilden und nicht den unwürdigen Zivilisierten. Du kannst ja jetzt sagen, dass die ganze Geschichte viel komplexer verlaufen ist und weder die Weissen noch die Roten eine homogene Masse mit einem einheitlichen Willen bildeten. Das kannst du sagen, aber zum Glück höre ich dich nicht. Ich behalte mein Weltbild lieber einfach und übersichtlich.

Zu den ersten europäischen Siedlern gehörten die Boatpeople, die mit der Mayflower 1620 in Massachusetts völlig entkräftet an Land gespült wurden. Ohne die grosszügige Gastfreundschaft der Einheimischen hätten die Gestrandeten den ersten Winter nicht überlebt. Die Indianer verzichteten auch darauf, mit Europa ein Rücknahme-Abkommen für seine Wirtschaftsflüchtlinge auszuhandeln. Selbst die in England religiös verfolgten Puritaner wurden mit offenen Armen empfangen – ein kapitaler Fehler.

Kaum wieder bei Kräften haben die Weissen nicht nur ihre Familien und Landesleute nachziehen lassen, sondern sich auch noch wie die Karnickel vermehrt. Der grosse Manitu war ein liebender Gott während man den Gott der weissen Einwanderer als einen rachsüchtigen Choleriker bezeichnen musste. Da war es von Anfang an klar, wer die bessere Inspiration hatte. Wenn der türkische Imperator Erdogan heute von den Muslimen in Europa fordert, dass sie unter dem Kampfnamen Geburten-Dschihad so viele Kinder wie möglich auf europäischen Boden stellen sollen, um damit demographische Plattenverschiebungen zu evozieren, hat er die Strategie von uns Christen abgekupfert.

Als der Dichtestress an der nordamerikanischen Ostküste immer mehr zunahm, lautete das Motto «Go West». In einem über zwei Jahrhunderte dauernden Feldzug haben sich die Bleichgesichter bis zur Westküste geschossen, die Ureinwohner und die Büffelherden abgeschlachtet und Städte und Eisenbahnen in die unberührte Natur gestellt. Die überlebenden Indianer pferchten sie in trostlose Reservate, die wenigen übriggebliebenen Bisons in Nationalparks. Stell dir mal vor, Erdogans Plan geht tatsächlich auf und Thilo Sarrazin bekommt Recht. Dann leben wir fortpflanzungsfaulen Europäer in ein paar Jahren in Zoologischen Gärten. Für muslimische Touristen aus aller Welt können wir dort unsere traditionellen Bräuche wie Komasaufen, Pole-Dance oder Demokratisch-über-ein-Burkaverbot-abstimmen vorführen und uns als Freaks einer vergangenen Epoche belächeln lassen.

Doch noch schlimmer als sämtliche Krankheiten und Massaker, mit denen die Weissen den Indianern das Leben zur Hölle machten, empfand ich die Art und Weise, wie die Indianer später von den Weissen in den Western-Filmen dargestellt wurden. In Unwerken wie «The Searchers» mit John Wayne in der Hauptrolle vergewaltigten und mordeten die Komantschen die weissen Siedler. Das kommt mir heute noch vor, wie wenn Neo-Nazis das Tagebuch von Anne Frank verfilmen und dabei das kleine Mädchen als mordlustiges Monster darstellen würden, das im besetzten Amsterdam mit ihrem Füllfederhalter sympathische deutsche Gäste ersticht.

Bei den Winnetou-Filmen wurden die Indianer wiederum wie Witzfiguren dargestellt und der Ethno-Kitsch und sämtliche Klischees ins Unerträgliche gesteigert. Das einzige, das noch dämlicher war als die Kostüme der Protagonisten, waren die Dialoge, die sie führen mussten. Die Winnetou-Filme waren eine Persiflage auf die Indianer. Später setzte Michael Herbig noch einen drauf und veröffentlichte mit «Der Schuh des Manitu» noch eine Parodie der Persiflage. Wenigstens hat Herbig seinen Film als Komödie deklariert – obwohl ich sogar bei «The Texas Chainsaw Massacre» mehr lachen musste. Würde ein Schweizer so einen Film drehen, würde er die Rassismus-Strafnorm verletzen.

Aber 1990 kam die Erlösung. Kevin Costner drehte «Dances with Wolves» und alles war plötzlich ganz anders. Mein Kinderherz konnte sein Glück kaum fassen. Was für ein Meisterwerk. Die Indianer waren die edlen, mutigen und freiheitsliebenden Edelmenschen, die ihre Heimat und ihre Natur zu schützen versuchten, während die Weissen die verlogenen, betrunkenen Kriminellen waren, die zum Spass auf Pferde, Wölfe und Menschen schossen und ihren Abfall in öffentlichen Gewässern entsorgten.

Bei diesem Film stimmte einfach alles – die Bilder von Kameramann Dean Semler, die unvergleichlich schöne Musik von John Barry und die fesselnde Story, in der ein weisser Leutnant im Amerikanischen Bürgerkrieg den Tod sucht und schlussendlich seine Lebensfreude in einer fremden Kultur wiederfindet.

Für mich als Indianerfan war «Dances with Wolves» gleichbedeutend wie «Easy Rider» für Motorradfreaks, «Titanic» für Eisberg-Liebhaber, «Lola Rennt» für Marathonläufer, «The Rocky Horror Picture Show» für Transvestiten oder «Indiana Jones» für Archäologen. Die Indianer sprachen sogar in Originalsprache. Somit lernte ich mit der Zeit sogar ein wenig Lakota. Sunkmanitu-Tanka-Ob-Waci heisst jedenfalls Der-mit-dem-Wolf-tanzt. Mit diesem Wissen punkte ich heute noch an jeder Party. Ich könnte heute auch «Gladiator» einen coolen Film finden, aber ein Römischer Feldherr namens Maximus Decimus Meridius, der mit australischem Akzent Englisch spricht, kann ich einfach nicht ernst nehmen – schliesslich war Australien damals noch gar nicht entdeckt. Da finde ich es noch glaubwürdiger, dass in den Pixarfilmen Clownfische, Spielzeug-Cowboys oder Ratten in menschlichen Sprachen sprechen. Der Fall ist klar: «Dances With Wolves» hat jeden seiner sieben Oscars schwer verdient. Er hat dafür gesorgt, dass Kinder an der Fasnacht sich heute noch gerne als Indianer verkleiden, und nicht als Berber, Guanchen, Aymaren, Uiguren oder Aramäer. Den Film habe ich im Verlauf der Zeit als VHS-Kassette gekauft, später als DVD, dann als Blu Ray und eines Tages bestimmt auch noch als 4D-Hologram-Live-Experience. Die Medien ändern, der Film bleibt grossartig.

Wie die Indianer Nordamerikas ist auch die Karriere von Kevin Costner irgendwann untergegangen. Aber hey, einen richtig guten Film hat er hingekriegt. Und von Neil Armstrong hat auch niemand verlangt, dass er seinen Erfolg wiederholt und noch zum ersten Menschen auf dem Mars wird. Auch dank diesem Film bin ich Indianerfan geblieben. Ab und zu, wenn ich alleine daheim bin, schliesse ich meine Zimmertüre und sämtliche Fenster, ziehe die Vorhänge zu und höre mit meinen Kopfhörern den Song «Indianer» von Gölä auf YouTube. Am liebsten in der Live-Version bei der SRF-Sendung «Happy Day» von Röbi Koller mit Kathrin Burch und dem Jodlerklub Echo vom Glaubenberg. Wie cool ist denn das?

10_Meine_Helden_Der_mit_dem_Wolf_tanzt_fertig

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