Grisu

Feuer und Flamme für die gute Sache.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Einer der grössten Helden meiner Kindheit war eine Italienische Trickfilmfigur namens Grisu – ein kleiner grüner Drache mit einem übergrossen roten Feuerwehrhelm. Grisu hat diesen getragen, weil er gerne Feuerwehrmann werden wollte. Nur logisch, dass sein cholerischer Vater da gar keine Freude hatte. Ein Drache muss Feuer legen – und nicht löschen. Wenn ein Drache auf einmal Feuer löscht, dann irritiert das ungefähr so, wie wenn Wladimir Putin neu auf einem Flamingo reiten würde, Ulrich Giezendanner ein öffentliches Verkehrsmittel benutzen, der Blick am Abend einen Artikel mit Informationsgehalt veröffentlichen, Rapper Knackeboul zu einem Thema schweigen oder Paris Hilton sich begeistert zum aktuellen Forschungsstand der Stringtheorie äussern würde.

In den 28 Episoden von «Grisu, der kleine Drache» versuchte der Papi-Drachen mit allen Mitteln seinen Filius zurück auf den rechten Weg zu bringen. Doch dieser wehrte sich mit allen Mitteln. Seine Überzeugung lautete: «Die Welt braucht kein Feuer. Die Welt will Blumen haben». Bei Grisu war das kein harmloses pazifistisches Gerede, sondern eine Überzeugung mit weitreichenden Folgen.

Grisu war in seinem Verhalten radikaler als gewöhnliche Teenager, die in ihrer Jugend gerne gegen ihre Eltern rebellieren um dabei ihre eigene Identität zu finden. Er war auch viel radikaler als ein Punk, der aus Protest gegen das herrschende kapitalistische System in der Bahnhofsunterführung neben seinem Hund pennt, Dosenbier säuft und sein Nichtstun als politischen Protest missversteht. Vor allem, wenn er beim ersten Hungergefühl Passanten um kleine Tauschsymbole des kapitalistischen Systems anbettelt, damit er sich etwas kaufen kann, was das kapitalistische System für ihn produziert hat.
Grisu ging in seine Anti-Haltung auch definitiv viel weiter als Roger Köppel, der es irgendwann zum Geschäftsprinzip gemacht hat, die Antithese zu den sogenannten Mainstream-Medien zu bilden. Stell dir mal vor, Roger Köppel wäre hier auf der Erde Korrespondent für eine Zeitung eines anderen Planeten – zum Beispiel für die Marswoche. Wenn sich die Marsmenschen nur auf Rogers objektiven Analysen verlassen müssten, dann hätten die dort oben das Gefühl, dass hier auf der Erde Bauchweh ein sehr angenehmes Gefühl ist und dass der weisse heterosexuelle Mann in der Schweiz von muslimischen Lesben an der Leine durch die Strassen gezogen wird. Auch würde der Multimilliardär Christoph Blocher nicht zur Elite gehören, sondern er wäre ein ganz einfacher Mann aus dem Volk, der in einem einfachen Haus auf dem Land wohnt und sich einen Privatsender leistet, weil er für einen Internet-Blog zu bescheiden ist. Auf diesem Planeten würde man auch denken, dass irgendjemand in Amerika Chris von Rohr heute noch kennt und dass Donald Trump ein scharfer Denker mit vernünftigen Visionen ist.

Nein, Grisu war radikaler als ein pubertierender Teenager, radikaler als ein Punk und auch radikaler als ein Roger Köppel. Friedrich Nietzsche hätte ihn als Überdrachen bezeichnet – ein Wesen, das in der Lage war, seine natürlichen Triebe zu überwinden und tatsächlich etwas wie einen freien Willen konstituieren konnte.

Ja, dieser kleine Drache war für mich ein Vorbild und er hat mich dazu inspiriert, über meine Rolle in dieser Welt nachzudenken. Ist meine Bestimmung schon seit dem Urknall vor 13.8 Milliarden Jahren festgelegt, die ganze Existenz eine kausale Abfolge von Ursache und Wirkung, sind wir für immer dem Diktat unserer Gene, der Naturgesetze und unseres Umfeldes unterworfen? Sehr wahrscheinlich schon. Bestimmt sind wir bestimmt. Trotzdem ist die Vorstellung interessant, dass man theoretisch etwas werden könnte, zu was einem das Universum und die Evolution nicht determiniert hat. Denke an eine Königskobra, die beschliesst, ab sofort als Goldhamster zu leben. Oder ein Walfisch, der doch lieber ein Leben als Ameise führen möchte. Wie du siehst, sind der Selbstverwirklichung Grenzen gesetzt. Es kann zwar sein, dass der Sohn von Mel Gibson kein Schluckspecht wird, aber zu einem Sibirischen Steppenfuchs wird er bestimmt niemals. Wir alle kennen zwar tragische Beispiele von Leuten, die sich mittels Schuppentätowierungen, Klauenprothesen und Zungenspalten zu Reptilien umformen lassen wollen. Aber die Resultate sprechen ja für sich. Es wird noch eine Weile dauern, bis ein Indonesischer Reptilienjäger einen dieser Neo-Reptilien am Strand mit einem Bindenwaran verwechselt, diesen brutal prügelt und während seiner letzten Zuckungen seine Haut abzieht um diese der Modeindustrie zu verkaufen. Sorry, liebe Möchtegern-Schuppentiere, falls ihr wirklich wollt, dass euch das eines Tages auch passiert, müsst ihr euch mehr Mühe geben.

Dass es schwer ist, aus bestimmten Pfaden auszubrechen, das musste Grisu immer wieder erleben. Nicht selten hat seine Natur durchgeschlagen und er legte aus Versehen ein kleines Feuer. Doch für mich ist und bleibt er ein Vorbild. Ich persönlich bin ja vom Charakter her eher ein unsympathischer Typ. Doch ab und zu versuche auch ich gegen mein Naturell zu handeln und ganz nach Grisu ein angenehmerer Zeitgenosse zu sein.

Erst gerade kürzlich habe ich meiner Mutter im Globus einen Kerzenständer gekauft. Nicht, weil es einen offensichtlichen Grund wie ihren Geburtstag gegeben hätte. Nein, einfach so. Um mal für alles Danke zu sagen. Schliesslich hat sie mich ja neun Monate lang getragen, dann über 30 Jahre lang pausenlos gefüttert, gepflegt und gewaschen. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass ein Kerzenständer durchaus kein übertriebenes Geschenk für ihre erbrachten Dienstleistungen war. Ich fühlte mich auch schon ziemlich gut. Die Wahl zum Gutmenschen des Jahrtausends schien zum Greifen nah. Aber dann ist es passiert. Auf dem Weg nach unten musste ich im Fahrstuhl unbedingt einen fahren lassen. Da ich nicht alleine war, habe ich das so diskret wie möglich erledigt. Rein von der Dezibel-Emission her gesehen ging diese Transaktion auch problemlos über die Bühne. Auf olfaktorischer Ebene sah das ganz anders aus. Der Raum füllte sich mit einem Duft, den man im besten Fall mit dem von faulen Eiern vergleichen konnte. Spätestens als der Spiegel begonnen hatte grün anzulaufen, konnte man meinen kleinen Ausbüchser nicht mehr ignorieren. Es wäre sogar wesentlich einfacher gewesen, am 6. August 1945 in Hiroshima so zu tun, als würde einen die Detonation der Atombombe am Arsch vorbeigehen, als diesen bestialischen Gestank schweizerisch korrekt totzuschweigen.
Da Angriff die beste Verteidigung ist, drehte ich mich zu der älteren Dame um, die links von mir gestanden ist. Kopfschüttelnd habe ich sie gefragt, ob das jetzt wirklich nötig gewesen sei und ob ich ihr helfen könne, da sie ja offensichtlich respektive offenriechlich ein ernsthaftes medizinisches Problem habe und innerlich verwese. Sie verdrehte ihre Augen, starrte mich ungläubig an und teilte mir freundlich aber bestimmt mit, dass mindestens drei Menschen in einem Lift stecken sollten, wenn man die Schuld für so ein Missgeschick jemand anderem in die Hosen schieben möchte. Ich habe mich umgesehen – und tatsächlich, wir waren nur zu zweit. Verdammt.

Als ich meiner Mutter den Kerzenständer ein paar Tage später überreichte, hatte sie das Gefühl, dass ich etwas Gravierendes ausgefressen hatte. Gut sein allein reicht anscheinend nicht aus. Man braucht auch noch jemanden, der es einem glaubt.

09_Meine_Helden_Grisu_fertig

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