Rocco Siffredi

Schwerarbeiter in allen Positionen.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Meine Eltern haben mir nie den Unterschied zwischen Mann und Frau erklärt. Sie sind davon ausgegangen, dass sich das Problem eines Tages von selber klären respektive aufklären wird. Das hat mir zwar die Peinlichkeit eines Sextalks mit meinen Eltern erspart, andererseits würde ich heute noch glauben, dass die Kinder vom Storch oder einem Konkurrenzunternehmen wie Amazon via Drohne geliefert werden, hätte mich nicht der italienische Charakterschauspieler Rocco Siffredi eines Besseren belehrt.

Meine Eltern sind weder religiöse Fanatiker noch scheu. Sie haben am Mittagstisch immer wieder durchscheinen lassen, dass sie mir schon lange etwas beibringen sollten. Es habe etwas mit Bienen und Blumen zu tun. Ich konnte nur raten. Betrieben die beiden eine geheime Imkerei und verkauften den Honig auf dem Engadiner Schwarzmarkt? Liessen sie ihre Bienen Überstunden schuften und bezahlten sie schlechter als Starbucks seine Arbeiter? Hatten sie ein schlechtes Gewissen, weil unser ganzer Familienreichtum zusammengestohlen war? Nicht anderes machen doch Imker. Sie stehlen den Bienen ihren Honig. Dabei ist es noch witzig, dass wir von uns das Gefühl haben, das wir die einzige Spezies sein dürfen, die den fleissigen Bienchen ihre Nahrung klauen darf. Sobald sich nämlich in Graubünden ein eingewanderter Bär über den süssen Nektar in einem Bienenhäuschen hermacht, wird er zum Abschuss freigegeben. Auf Vandalismus und Diebstahl steht bei uns die Todesstrafe. Und wie ich so über Paradoxien in unserem Justizapparat sinnierte, haben meine Eltern mich jeweils wieder gebremst und erklärt, dass ihre Bienengeschichte nichts mit Bienen zu tun habe und ich jetzt wieder Ruhe geben soll. Die nächste Gelegenheit für ein aufschlussreiches Gespräch würde sich bestimmt bald bieten.

Mit den Jahren wurde ich immer älter und reifer. Mein Körper hat sich wunderbar entwickelt, Haare spriessten an den sonderbarsten Orten und meine Stimme befand sich im Umbruch. Was mir aber tatsächlich Sorgen bereitete, war die Tatsache, dass sobald in den Ferien auf Kreta die Frauen am Swimming-Pool ihre Oberteile auszogen, im Asterix-Heftchen die schöne Falbala auftauche oder ich beim Ministrieren vor der versammelten Kirchgemeinde ein Bildnis der heiligen Jungfrau Maria anstarrte, mein Pimmelchen jedes Mal komischerweise auf die gefühlte Grösse und Härte einer Salami anschwoll. Die Kausalität zwischen dem Anblick schöner Frauen und den Vorgängen in meinen Unterhosen war für mich unerklärlicher als der Zusammenhang zwischen der Qualität der Songs von Ariana Grande und ihrem Erfolg.

Wenn man nicht weiss, was man mit seiner Erektion anstellen soll, ist sie ungefähr so überflüssig wie ein GPS-Tracker an einem Faultier. Und sie ist extrem unpraktisch. Man schlägt mit ihr Vasen vom Regal oder jagt Passanten Angst ein. Fassungslos habe ich manchmal meinen erigiertes Penis angestarrt, ihm ins Auge geschaut und mich gewundert, was er von mir wollte. Es kam nie eine befriedigende Antwort. Irgendwann hat er den Schwanz wieder eingezogen und der Spuk war vorbei.

An einem schönen Samstagmorgen habe ich einen meiner besten Freunde besucht – aus Diskretionsgründen nenne ich ihn Gian. Wir wollten «Spiel mir das Lied vom Tod» schauen. Gian war etwa drei Jahre älter als ich. Im Teenageralter ist dieser Unterschied so gross wie der zwischen Beppe Grillo und einem ernstzunehmenden Politiker. Dementsprechend war Gian für mich auch immer eine Art Guru, der mich stets mit guten Weisheiten versorgte und mir zeigte, wie man in den Strassen von Pontresina leben und überleben konnte. An besagtem Tag waren seine Eltern nicht zuhause. Ich setzte mich auf das Sofa, er legte eine Videokassette in den Rekorder. Er meinte, bevor er mir einen Klassiker vorführen möchte, wolle er mir noch ein zeitgenössisches Werk zeigen, um meine Meinung zu hören.

In der ersten Szene betrat eine junge Frau ein Fotostudio. Der Fotograf bat sie, auf einem Barhocker Platz zu nehmen. Der Fotograf schoss ein paar Bilder und bat sie schlussendlich, ihren Pullover auszuziehen. Wieder blitze der Fotoapparat. Danach zog sie ihre Bluse aus, auch davon erstellte der Fotograf Bilddokumente. Plötzlich sass die junge Frau nur noch in Unterwäsche auf ihrem Hocker. In meiner Hose wurde es wieder enger, Klaustrophobie bereitete sich aus. Obwohl die Handlung bis dahin nicht besonders spektakulär war, konnte ich es kaum erwarten, was als nächstes passieren würde. Würden sie den Film zum Entwickeln aufgeben? Würden sie über Körnung und Blendeneinstellungen diskutieren? Oder darüber, dass Kodak bestimmt noch in 1000 Jahren ein florierendes Unternehmen sein wird, weil im Segment Fotofilme bestimmt nie etwas Besseres auf den Markt kommen wird?

Nichts davon ist passiert. Plötzlich war der Fotograf ebenfalls nackt. Nachdem die Frau ein paar Komplimente über sein beeindruckend riesiges Glied gemacht hatte, nahm sie dieses in den Mund. Ich war fassungslos. Kurze Zeit später legte sich die Dame hin, spreizte ihre Beine und der Fotograf führte seinen Penis in ihre Vagina ein. Mit fiel es wie Schuppen von den Augen und ich erlebte meinen Heureka-Moment. Ich wusste jetzt nicht nur, was Fotografen den ganzen Tag so tun, sondern auch, dass eine Erektion kein Ärgernis bedeutet, sondern einem auch Freude bereiten kann. Diese Erkenntnis war bereits so aufschlussreich, wie wenn man bei einem Mordillo-Puzzle das 10 000ste und letzte Stück anbringt und das ganze Bild endlich Sinn ergibt. Als Gian die Freude in meinem Gesicht erkannte, hat er mir erklärt, dass der Schauspieler ein Superstar in der Erwachsenen-Film-Szene sei und auf den Name Rocco Siffredi oder The Italian Stallion hörte.

Rocco hat in seiner Karriere in über 600 Filmen mitgespielt – und bei keinem einzigen sagt jemand, dass ihm das Buch besser gefallen habe. Dabei hat Rocco stets die Rolle des Liebhabers gespielt. Mit dieser Figur war er so verwachsen wie John Wayne mit dem Cowboy, Daniel Radcliffe mit Harry Potter oder Roger Köppel mit dem Empörten. Alle haben es schwer, jemals andere Rollen glaubwürdig darzustellen. Rocco hat das gewusst. Obwohl es natürlich interessant wäre, ihn heute mal in der Rolle des Hamlet, Othello oder Macbeth zu erleben.

In seinem Genre ist der Name Rocco Siffredi ein Qualitätsversprechen. Jeder weiss, wo Rocco drauf steht, steckt Rocco drin – hehe. Dank seinem bedingungslosen Perfektionismus wurde er mit unzähligen AVN-Awards ausgezeichnet. Unter anderem für die beste Gruppensex-Szene, die beste Oralsex-Szene oder die beste Analsex-Szene. Was ihm noch fehlt ist ein Oscar für den besten Liebesfilm, ein Integrationsauszeichnung für seine Leistungen im Interkulturellen Austausch – vor allem, was Körperflüssigkeiten betrifft – und einen Preis für die Förderung der Frauen, schliesslich hat er sie in Stellungen und Positionen gebracht, von denen sie früher nicht mal zu träumen wagten. Dank Roccos Einführungskursen – hehehe – war ich schon bald ein Experte der Fortpflanzungswissenschaften. Im theoretischen Bereich, auf jeden Fall. Und ja, meine Eltern streiten heute noch darüber, wer mir endlich die Geschichte mit den Bienchen erzählen muss. Man darf gespannt bleiben.

Übrigens haben Gian und ich nach Roccos Meisterwerk tatsächlich noch «Spiel mir das Lied vom Tod» geschaut. Das hatte zur Folge, dass ich heute noch jedes Mal eine Erektion bekomme, wenn ich irgendwo eine Mundharmonika höre. Mein letzter Besuch an einem Bob-Dylan-Konzert wurde zu einer Zumutung für alle Gäste. Verdammte Klassische Konditionierung.

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