Kelly Slater

Schaut gut aus der Röhre.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Es war im Sommer 1997 als mein guter Freund Andrea von seiner Weltreise nach Hause zurückkehrte. Im Gepäck hatte er ein Surfboard und unzählige Geschichten, die sich ausschliesslich um perfekte Wellen, Strände und Momente drehten. Mit leuchtenden Augen philosophierte er über den Lifestyle und die Religion der Wellenreiter. Selbstverständlich unterstrich er seine Worte mit dem Hang-Loose-Zeichen.

Falls du nicht weisst, wie das Hang-Loose-Zeichen aussieht, rede einfach mal mit einem Surfer. Er wird nach jedem zweiten Wort mit seiner rechten Hand eine Faust bilden und dabei Daumen und kleiner Finger strecken und dir das Ganze unter die Nase halten. Dieses Zeichen lernen Surfschüler auf der ganzen Welt am ersten Tag. Solange man diese Bewegung nicht reflexartig ausführt, wenn jemand ein Foto schiessen möchte, verweigern die Surflehrer dem Schüler den Gang ins Meer. Kontrolliert werden die Schnelligkeit und ob die Verlängerung von Daumen und kleinem Finger einen rechten Winkel bilden. Fortgeschrittene lernen in einem Intensivkurs wie man seine Hand mit dem Hang-Loose-Zeichen noch korrekt hin und her wippen kann.

Der Sinn dieser semiotischen Eigenheit besteht darin, dass sich Surfer auf der ganzen Welt erkennen – selbst dann, wenn sie sich nicht mal in der Nähe eines Meeres befinden. So können sie sicherstellen, dass sie nicht Zeit mit Gesprächsthemen verschwenden, die nichts mit Surfen zu tun haben. Schliesslich diskutiert man als seriöser Surfer ausschliesslich über Beach-Breaks, Reef-Breaks, Swells, Tides, Neoprenanzug-Dicken, Sex-Wachspreise, Leash-Längen, Reef-Girls, Byron Bay, den Endless Summer, Nahtoderfahrungen in der Tube, Blondierungsstufen und die neuesten Billabong-Badehosen mit integriertem Haifisch-Warnsystem. Oder man erzählt die Anekdote, in der man kürzlich an einer Hochzeit die einzige Person war, die in Flip-Flops aufkreuzte. Man kann auch über die Preise im Foodland auf Hawaii fluchen. Oder man erwähnt, dass Bali nicht mehr so cool sei wie vor ein paar Jahren, man aber selber trotzdem noch jeden Sommer hinfliegt. Schliesslich kennt man ja auch den einen oder anderen Local – und die haben ja kein Geld, einen selber besuchen zu kommen. Alle diese Themen bringen einfach viel mehr Spass, als die endlosen Gespräche über den sogenannten Islamischen Staat, den sogenannten Musiker Ed Sheeran oder die sogenannte Frisur des sogenannten Amerikanischen Präsidenten Donald Trump.

Jedenfalls überzeugte Andrea mich mit seiner flammenden Rede davon, bei der nächsten Gelegenheit mit ihm und seinem Subaru Justy nach Hossegor an die Französische Atlantikküste zu fahren. Nach einer Autofahrt, die nur etwa zwei Tage länger gedauert hatte als geplant, kamen wir da tatsächlich an. Für die jungen Leser: damals gab es noch kein Google-Maps. Wir fuhren jeweils in der Nacht, weil wir uns an den Sternen besser orientieren konnten als mit unseren primitiven Französischkenntnissen an den Strassenschildern. Als erstes kaufte ich mir ein Second-Hand-Surfboard und einen Neopren-Anzug. Entgegen Andreas Ratschlag hatte ich keine Lust meine Zeit am Anfängerstrand zu verplempern. Schliesslich war ich ja bereits ein sauguter Snowboarder. Und da Berge ja höher sind als Wellen, sollte das Meer einen wilden Hund wie mich ja nicht weiter herausfordern.

Als hungriger Surfer, der das Hang-Loose-Zeichen sogar im Schlafen ausführen konnte, war Andrea froh, dass er nicht den halben Tag mit einem Rookie wie mir im Weisswasser rumplantschen musste. So sind wir den Strand hinaufspaziert – dorthin, wo die grossen Kinder am spielen waren. Dabei konnte er mir auch gleich meine erste Lektion auf den Weg geben. Wenn man mit einem Surfboard unter dem Arm am Strand unterwegs ist, richtet man seinen Blick träumend auf das offene Meer und drückt seinen Oberkörper in das Hohle Kreuz. Sobald man am richtigen Ort angekommen ist, schliesst man den Reissverschluss seines Anzuges, wartet, bis kein Set reindonnert und spurtet dann ins Wasser. Diese Manöver führte ich perfekt aus. Schnell legte ich mich bäuchlings auf mein neues Surfboard und paddelte Andrea, der zielgenau die Gruppe anderer Surfer angepeilt hatte, hinterher. In diesen Augenblicken überlegte ich mir, ob man mehrere Surfer im Wasser einen Schwarm und mehrere Surfer an Land eine Herde nennt. Irgendwie schaffte ich es tatsächlich raus aufs Meer. Dabei schwor ich mir, nie mehr eine Zigarette anzufassen.

Draussen diskutierten die Leute darüber, dass in den nächsten Tagen ein gewisser Kelly Slater nach Hossegor kommen wird. Die Surfer waren deswegen so euphorisch wie Weltuntergangsfanatiker einen Tag vor der Landung des rettenden Raumschiffs. Andrea erklärte mir, dass der Amerikaner Kelly Slater der Muhammad Ali des Wellenreitens sei, er auf dem Fruchtwasser seiner Mutter auf die Welt geritten kam und er heute sogar auf einer Grippewelle surfen könne. Ausserdem war er mal mit Pamela Anderson, dem personifizierten Mount Everest männlicher Expeditionsgelüste, zusammen. Das machte ihn auch noch gleich zum Reinhold Messner der Heterosexualität. Mit einem sogar für Surfer-Verhältnisse inflationären Einsatz des Hang-Loose-Zeichens erklärten mir die Wellenreiter, dass Kelly die heilige Dreifaltigkeit aus Talent, gutem Aussehen und Bescheidenheit darstellte.

Nach diesem theoretischen Einführungskurs war es an der Zeit für einen praktischen Crashkurs – im wahrsten Sinne des Wortes. Hinter uns baute sich eine Welle auf. Der ganze Schwarm Surfer feuerte mich an. Ich solle so schnell in Richtung Strand paddeln, wie ich nur konnte. Sobald mich die Welle erwischte, solle ich aufstehen und einfach auf ihr snowboarden – so wie zuhause. Das Adrenalin jagte durch meinen Körper. Ich spürte, dass ich alles richtig machte. Die Welle packte mich, mein Brett baute Tempo auf. Viel Tempo. Verdammt viel Tempo. An das Aufstehen und Wellenreiten, so wie ich es aus den Videos kannte, wollte ich nicht mal denken. Plötzlich war mein Ziel nur noch zu überleben. An meinem Board festklammernd raste ich laut schreiend über die Wasseroberfläche. Links und rechts brach die Welle in einem ohrenbetäubenden Krach in sich zusammen. Dann wurde ich ans steil abfallende Ufer geschleudert, versuchte mich da verzweifelt festzukrallen, wurde vom schäumenden Weisswasser wieder zurückgerissen und von der nächsten Welle wieder an Land geprügelt. Das hat sich noch ein paar Mal wiederholt. Dann konnte ich mich im Robinson-Crusoe-Kriechgang in Sicherheit bringen.

Vollkommen ausser Atem und halb betäubt zog ich mein Brett an der Leash hinter mir her. Es war gebrochen. Aber das war mir scheissegal. Hauptsache, ich lebte. Als ich mit meinen Pupillen endlich wieder fokussieren konnte, erkannte ich vor mir zwei Silhouetten. Es war ein Nudistenpärchen, wie es sie an französischen Stränden wie Sand am Meer gibt. Altersmässig musste die beiden noch die Französische Revolution miterlebt haben. Ja, sie waren kein schöner Anblick. Trotzdem waren es sie, die mich auslachten, und nicht umgekehrt. Das war irritierend. Plötzlich wurden sie ruhig und zeigten auf meinen Oberschenkel. Aus diesem floss mehr Blut auf den Strand, als am D-Day auf den Omaha-Beach in der Normandie. Die Finne meines Brettes hatte sich wohl in mein Bein gebohrt. Ich legte mich theatralisch in den Sand und trat langsam weg. Das Letzte, was ich noch wahrnehmen konnte, war Andrea, der lächelnd und mit einem winkenden Hang-Loose-Zeichen flink aus dem Meer stieg um mir zu meiner ersten Welle zu gratulieren.

Jedenfalls bin ich seit diesem Tag ein angefressener Surfer (Bis heute glücklicherweise noch nicht vom Haifisch) und Kelly Slater eines meiner persönlichen Vorbilder – vor allem auch wegen seiner Frisur. Und ja, die Narbe auf meinen Oberschenkel habe ich immer noch. Hang-loose.

 

07_Meine_Helden_Kelly_Slater_fertig

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