Terje Haakonsen

Seitwärts hoch hinaus.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Was Wolfgang Amadeus Mozart in der Wiener Klassik, Roger Federer im Tennis oder Daniele Ganser bei den Verschwörungstheoretikern ist, das ist Terje Haakonsen im Snowboarden – der absolute Superstar und Überflieger der Szene. Geboren ist Haakonsen 1974 in der Norwegischen Pampa in einem Kaff namens Vinje. Wenn man den Gerüchten glauben darf, ist er bereits mit einem Backflip aus seiner Mutter gesprungen, sicher auf den Füssen gelandet und hat von den verblüfften anwesenden Hebammen Stilnoten für seinen Trick verlangt.

Nachdem Haakonsen diverse norwegische Nationalsportarten wie Fjordschwimmen, Polarlichterlaufen, Rentierrodeo, Robbenklopfen, Schneeschuhmarathon und Walfangis erfolgreich ausgeübt hatte, ist er mit 14 Jahren zum ersten Mal auf ein Snowboard gestanden. Dieser Moment war für die Weltgeschichte ungefähr so entscheidend wie die Sekunde, in der Isaac Newton ein Apfel auf den Kopf fiel, Alexander Fleming über das Penicilin stolperte oder Anna Zeidler herausgefunden hat, dass man sich auch ohne erkennbare Talente in den Medien halten kann, wenn man nur die eigene Hemmschwelle tiefer legt als jeder Tuner aus dem Aargau seinen Subaru Impreza.

Innert kürzester Zeit wurde Terje Haakonsen in das Pro-Team von Burton aufgenommen. Dieser Akt gilt in der Snowboardszene als Ritterschlag. Das Burton-Team hat im Snowboardzirkus die gleiche Bedeutung wie das A-Team für freischaffende Verbrecherbekämpfer, eine Anstellung bei Google für Nerds oder ein Job bei Hooters für angehende Pornosternchen. Im Laufe der Jahre haben Namen wie Michi Albin, Shaun White oder Nicolas Müller das Burton-Team zu einer überirdischen Elitetruppe geformt.

Vielleicht fragst du dich, was so ein Teamrider genau machen muss. Ein Teamrider bei einem Snowboard-Brand hat die gleiche Funktion wie eine Schaufensterpuppe oder ein Model. Er muss die Klamotten seines Sponsors tragen und diese gut präsentieren. Allerdings reicht es nicht aus, nur faul im Schaufenster eines Stores herumzustehen oder über einen Laufsteg zu flanieren. Als Teamrider snowboardet man an Orten, an denen Videojournalisten gut eine Geschichte über einen generieren können. Am besten fährt man in Alaska möglichst spektakulär durch ein Couloir, das enger ist als die Beziehung zweier Arschbacken (wie zum Beispiel zwischen Donald Trump und seinem Spiegelbild), oder man bezwingt einen Steilhang, der unberührter ist als die Jungfrau Maria – bevor sie Josef mit einem Hirtenjungen betrogen hatte und das Jesuskind Gott anhängte und diesen auf die Zahlung von Alimenten verdonnerte.
Eine andere Möglichkeit ist, dass man sein Können während einem Contest unter Beweis stellt. Die Halfpipe oder der Slopestyle-Kurs sind aus der Sicht eines Sportartikelherstellers wie Burton reine Catwalks. Da hofft man, dass die eigenen Fahrer eine gute Show abliefern und nicht ihre Gesichter im Eis aufkratzen und mit ihrem Blut die zu präsentierenden Klamotten besudeln.

Niemand macht diesen Job besser als die Teamrider von Burton. Terje ist heute noch für Burton ein grösseres Aushängeschild als Mohammed für den Islam oder Kate Moss für die Kolumbianische Kokainkartelle. Und das will etwas heissen. Es wäre kein Wunder, wenn Terje eines Tages eine Sendung wie «Norway’s next Topmodel» moderieren würde. Jungen Snowboardern wird er zeigen, mit welchen Sprüngen oder Posen sie die Klamotten ihrer Sponsoren am besten zur Geltung bringen können.

Terje wurde in der Halfpipe in regelmässigen Abständen Europa- und Weltmeister. Eigentlich gewann er so ziemlich jeden Contest, den er mit seiner Anwesenheit beehrte. Er bewies immer mehr Brettgefühl als jeder Schreiner, stellte einen lang unangetasteten Höhenrekord in der Quarterpipe auf oder drehte Snowboard-Filme. Diese sollten heute noch in den Snowboard-Schulen als Lehrvideos rezipiert werden. Haakonsen ist aber viel mehr als nur ein aussergewöhnlicher Sportler, er wurde zur Identifikationsfigur des Snowboardens schlechthin. Seine Meinung hat heute noch mehr Gewicht als ein Sumoringer auf einem Neutronenstern.

An den Olympischen Winterspielen 1998 in Nagano wurden zum ersten Mal Snowboard-Disziplinen zugelassen. Terje war haushoher Favorit auf den Sieg. Die Chance, dass er der erste Snowboard-Olympiasieger in der Halfpipe geworden wäre, war so gross, wie die Wahlchancen von Wladimir Putin für jedes Amt in Russland. Allerdings hat Terje die Spiele boykottiert. Seiner Meinung nach war Snowboarden kein Sport, der zwischen Ländern ausgetragen werden sollte. Ausserdem traute er der Féderation International de Ski (FIS) nicht zu, Snowboardevents durchführen zu können. Schliesslich lässt man eine Silvesterparty auch nicht vom Blauen Kreuz organisieren. Dass sich der Spass da in Grenzen halten wird, das ist ja von Anfang an klar. Terje hat leider bis heute Recht behalten.

Als Engadiner bin ich selbstverständlich auch Snowboarder geworden. Das war so selbstverständlich, wie man in Compton Rapper, in Brasilien Fussballer oder auf dem Mars Marsmensch wird. Terje Haakonsen war auch das Ideal, an dem ich mich orientierte. Ich habe seine Videoparts analysiert und seine Fotostrecken studiert. Spins, Flips oder Rodeos haben bei ihm so ausgesehen, als wären sie leichter zu performen als Kinder oder Renzo Blumenthal mit einer gestohlenen Nase zu irritieren. Sobald ich aber versucht habe, seine Tricks selber auszuführen, wurde mir ziemlich schnell klar, dass sie für mich ungefähr so herausfordernd waren wie ein Rubik’s Cube für einen Farbenblinden. Blaue Flecken und Gliederschmerzen gehörten in den 90er zu meinen treuen Begleitern.

Aber meine Bemühungen haben sich tatsächlich ausbezahlt. Dank meinen Fleiss kann ich heute von mir behaupten, dass ich es in meinem Leben ebenfalls zum Snowboard-Profi geschafft habe. Einen Snowbord-Profi definiere ich als jemanden, der mit Snowboarden Geld verdienen kann. Und das habe ich. Unvergessen bleibt der Tag, als ich mit meinem Kollegen Alex oberhalb von Celerina am Snowboarden war. Die Sonne strahlte, der Himmel war dunkelblau und der Pulverschnee luftiger als ein Mousse au Chocolat meiner Mutter. Alex und ich waren im besten Alter. Es war die Zeit, als man Mädchen noch mit einfacher Akrobatik beeindrucken konnte – und man noch nicht mit einem 5-Jahresplan für die eigenen Karriere, einem Sparbüchlein mit einem mindestens vierstelligen Betrag drauf oder mit einer schimmelpilzfreien Wohnung angeben musste. Ja, damals hatte ich auch noch ab und zu Chancen, bei einem – oder noch besser: auf einem – Weiblein zu landen.

Jedenfalls haben Alex und ich unter dem Glüna-Lift auf einer selbstgeschaufelten Schanze unsere Sprünge geübt. Er hat an seinem Frontflip gearbeitet, ich an meinem Backside-720. Als wir später am Sessellift angestanden sind und uns gegenseitig für unser Können gehighfived haben, kam eine etwas ältere Touristin in Begleitung ihrer Tochter zu uns und hat sich für die Show bedankt. Dabei hat sie grosszügig ihre Geldbörse gezückt und jedem von uns 50 Franken in die Hand gedrückt. Ob sie sich damals dachte, dass aus uns beiden Lokalidioten ohnehin nichts werden wird und sie uns aus Mitleid unterstützt hat, oder ob sie die Subventionen für die Bergkantone gleich selbst unter die Leute bringen wollte, hat mich damals nicht interessiert. Tatsache war, dass ich mich an diesem Tag ein bisschen wie Terje gefühlt habe. Und das ist mir heute noch mehr Wert als die 50 Franken. Und ja, für jede Stelle, für die ich mich bis heute beworben habe, habe ich in meinem Lebenslauf meine Karriere als Snowboardprofi ebenfalls erwähnt.

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