Comical Ali

Der rechte Blickwinkel.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Muhammad as-Sahhaf wurde 1940 im irakischen Hilla geboren. Das behauptet jedenfalls Wikipedia. Wenn man ihn persönlich fragen würde, dann ist er bestimmt etwa zehn Jahre jünger, wurde von einem arabischen Rassenhengst und einer scharfen Wüstenfüchsin während einer romantischen Vollmondnacht am Ufer eines paradiesischen Oasensees gezeugt und während einem Sternschnuppenregen auf dem Cheekha Dar, dem höchsten Berg des Iraks, geboren. Aufgezogen wurde er wohl von einer schwarzen Wüstenkobra. Sie brachte ihm alles bei, was man im Leben wissen muss. Die wichtigste Lektion war, dass man sich bei Gefahr bedrohlich aufstellen und Gift und Galle spucken muss. Dieses Wissen konnte er im Zweiten Irakkrieg respektive im Dritten Golfkrieg als Informationsminister von Saddam Hussein voll und ganz ausleben.

Falls du dich nicht mehr so genau an den Zweiten Irakkrieg respektive den Dritten Golfkrieg erinnern kannst, hier ein kurzes Update. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 ging es auf unserem Planeten hektischer zu und her als in einer Entzugsklinik, nachdem ein Witzbold einen Champagnerkorken hat knallen lassen. Niemand konnte diesen Anschlag richtig einordnen, die ganze Welt schrie nach Erklärungen. Dass Amerika hätte angegriffen werden können, das war vor den Anschlägen in New York so unvorstellbar wie dass Hugh Grant mal in einem interessanten Film mitspielen würde. Normalerweise waren es ja die Amerikaner, die in anderen Ländern gerne Terror verbreiteten. Hier eine kleine Aufzählung von Ländern, die zwischen 1950 und 2000 von amerikanischen Interventionen heimgesucht wurden: Iran, Libanon, Kuba, Chile, Laos, Vietnam, Bolivien, Dominikanische Republik, Kambodscha, Jordanien, Angola, El Salvador, Nicaragua, Afghanistan, Grenada, Libyen, Panama, Kuwait, Jugoslawien, Somalia, Sudan, Kosovo. Und um den Planeten zusätzlich noch zu terrorisieren, haben die Amis mittlerweile auch noch Taylor Swift auf Welttour geschickt. Wie du siehst, wird die Welt immer grausamer, auch wenn Steven Pinker das Gegenteil behauptet.

Um dieses Weltbild, das nach 9/11 selbstverständlich auch im Oval Office schräg an der Wand hing, wieder gerade zu drehen, musste der damalige Präsident George W. Bush etwas unternehmen – und zwar schnell. Aber was? Um einen klaren Kopf zu bekommen, hat er das getan, was Texaner in solchen Situationen immer tun. Nach dem Schnupfen einer Linie Kokain, die etwa so lang war wie die Warteschlange vor einer Frauentoilette an einem Openair-Festival, und dem Leeren einer Flasche Balcones, setzte Bush seinen Cowboy-Hut auf, schnallte seinen Colt um und suchte Rat bei seinen Freunden in der Rüstungsindustrie und in der Erdölinteressensgemeinschaft. Fünf Minuten später marschierten die Amerikaner und ein paar hörige Verbündete auch schon in Afghanistan und ein wenig später in den Irak ein. Beide Invasionen waren ungefähr so wenig durchdacht wie damals mein Entscheid, mir von meinem betrunkenen Kollegen Sandro am Dorfmarkt in Pontresina Piercings in meine Ohrläppchen schiessen zu lassen. Aber während es von mir nur dämlich war, meinem lallenden Kumpel eine Nadelpistole anzuvertrauen, war der Einmarsch in den Irak völkerrechtswidrig. Zwischen den Anschlägen in New York und dem Irak gab so wenig Zusammenhang wie zwischen Süsswasser und einem richtigen Süssgetränk – also einem Getränk, das ein normales Kind als Alternative zu einem Coca-Cola akzeptieren würde, ohne im Restaurant einen Wutanfall zu bekommen, sobald es den Betrug seiner Eltern bemerkt.

Trotzdem haben die Amis versucht der Weltöffentlichkeit genau das weiss zu machen. Um diesen Feldzug doch noch einigermassen legitim wirken zu lassen, behaupteten die Amerikaner schliesslich auch noch, dass der Irak im Besitz von Massenvernichtungswaffen sei und mit diesen die ganze freie Welt bedrohe. Auch das war zwar nachweislich gelogen. Im ganzen Irak hat man bis heute so viele Massenvernichtungswaffen gefunden wie es Männer gibt, die Frauen mit angemalten Augenbrauen attraktiv finden – also null. Trotzdem erfüllte diese Lüge ihren Zweck. Hätte sie es nicht getan, hätten die Amis noch behauptet, dass die Iraker in naher Zukunft auf ihren Kamelen eine Invasion auf das amerikanische Festland starten würden, um an das amerikanische Öl zu gelangen, das in Alaska oder im Golf von Mexiko schlummert oder auf der Haut der Bodybuilder am Muscle Beach in Venice glänzt.

Aber eben, das war gar nicht nötig. Die Lüge über die Massenvernichtungswaffen und die Unpopularität von Saddam Hussein reichten aus, die amerikanische Invasion irgendwie doch noch cool zu finden. Hauptsache, man wusste wieder, wer auf diesem Planeten die Hosen anhatte. Man sagt zwar, dass im Krieg die Wahrheit als erstes stirbt. Aber dieser Krieg war tatsächlich nur dank einem riesigen Lügengebäude überhaupt möglich. Da durfte man sich auch nicht wundern, dass es der gute Muhammad as-Shahhaf – Comical Ali genannt – mit der Wahrheit schliesslich auch nicht so genau nahm.

Die amerikanischen Operationen begannen in der Nacht vom 19. März 2003. Die Bodentruppen marschierten von Kuwait und Jordanien aus in den Irak ein. Nach einem gemütlichen Spaziergang standen sie gute vier Tage später auch schon vor den Toren Bagdads. Am 1. Mai erklärte George W. Bush den Krieg für beendet. Man kann sagen, dass die hochgerüsteten westliche Übermacht im Irak auf so wenig Widerstand stiess wie ein Prominenter vor dem Schlafzimmer einer Glanz-und-Gloria-Moderatorin. Doch obwohl die irakische Armee inklusive Saddam Husseins Elitetruppe, die Republikanische Garde, soviel Chancen hatten wie eine andere Suchmaschine als Google gegen Google, konnten sie sich stets auf die guten Nachrichten von Propaganda-Minister Muhammad as-Shahhaf verlassen. Falls du übrigens wissen willst, was es ausser Google sonst noch für Suchmaschinen gibt, darfst du gerne selber nach ihnen googeln.

Als einer der grössten Vertreter des Postfaktischen Zeitalters heiterte Comical Ali seine Leute mit so vielen Lügengeschichten auf, dass sich jeder Lügendetektor innerhalb von Sekunden in eine Burnout-Klinik verabschiedet hätte. Er verbreitete ungefähr folgende News: Saddam Hussein höchstpersönlich würde mit seinem Federball-Schläger jede Amerikanische Bombe zurück zu ihrem Absender schlagen. Die Iraker sollten ihre Schwimmwesten anziehen, weil bald eine Flutwelle aus Amerikanerblut über das Land donnern wird. Die Amerikaner seien bereits so verzweifelt, dass sie in der Wüste massenhaft Selbstmord begehen würden. Solche Pressemitteilungen verschickte der mittlerweile Comical Ali genannte Propaganda-Minister noch zu einem Zeitpunkt, als die Amis bereits im Zentrum von Bagdad Baseball spielten und fröhlich Budweiser tranken.

Comical Ali war so realitätsresistent, er könnte heute die PR-Abteilung von VW leiten. Er würde behaupten, die Abgase der Autos seien so gut, dass die Bäume ihren Auspuffen hinterherrennen würden, wenn sie doch nur könnten. Oder er könnte für einen lokalen Buchhändler tweeten und vermelden, dass Amazon sich vor lauter Angst vor den kleinen Leuten schon bald selber auflösen wird. Oder er könnte Propaganda für meinen Haaransatz machen und melden, dass meine Frisur die verlorenen Gebiete bald wieder zurückerobern würde. So tragisch die Figur des Comical Ali und die ganze Situation heute noch im Irak ist, er bleibt für mich ein Vorbild dafür, dass man nicht alles so schwarz sehen sollte, wie es tatsächlich ist. Šukran, Muhammad as-Sahhaf.

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