John McClane

Terror den Terroristen.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Bruce Willis war mein absoluter Lieblingsactionheld. Schulkollegen von mir betrachteten Michael Dudikoff, Stephan Seagal oder Dolph Lundgren als ihre Idole. Das konnte ich nie nachvollziehen. Jeder Teleshopping-Spot für eine neue Schlager-Compilation, die extra für Sammler mit einem ganz neuem CD-Coverdesign gestaltet wurde und in der Special-Edition-Tannenbaumholz-Schachtel mit Enzian-Gravur und Autogrammkarte für insgesamt nur 99 Euro 99 und nur für ganz kurze Zeit geliefert werden kann, weist mehr Handlung auf, als die Zelluloid-Verschwendungen, in denen man diese drei Schwachmaten auftreten liess. Alles, was diese drei «Schauspieler» jemals glaubwürdig darstellen konnten, waren die Rollen von wandelnden Fleischrobotern auf der verzweifelten Suche nach einem Protein-Shake. Für den gesamten Film konnte man ihnen nicht mehr Text zumuten, als ein Legastheniker in einem durchschnittlichen SMS verbraucht. Im Normalfall haben sie auch diese Schlüsselstellen noch verkackt.

Bruce Willis war da ganz anders. Er konnte überzeugend leiden, kämpfen, hechten, prügeln, schiessen, weinen und lachen. Seine Glanzauftritte hatte er als John McClane in den ersten drei «Stirb-Langsam»-Filmen. Es hat zwar noch weitere Fortsetzungen dieser Reihe gegeben, aber wie bei der besten Gummipuppe war die Luft dann irgendwann draussen. Die letzten Filme haben schlussendlich noch gleich viel Publikum erreicht wie ein Blogger ohne Internetanschluss.
Dabei funktionierten die Filme immer nach dem gleichen Muster. Als haarausfallgeplagter, kettenrauchender und verkaterter Polizist stolperte John McClane stets in unangenehme Situationen. Terroristen stürmten ein Hochhaus, in dem er gerade Weihnachten feiern wollte. Terroristen brachten einen Flughafen, an dem er seine Frau abholen wollte, unter ihre Kontrolle. Terroristen legten halb New York lahm, während er sich gerade in der Stadt aufhielt.

Das schlichtende Gespräch suchte John McClane nie. Auch verzichtete er darauf, seine Argumente vorzutanzen oder die Übeltäter mit einer Tasse Lavendel-Tee, Walgesängen und dem Duft von Räucherstäbchen zu besänftigen. Nein, er machte kurzen Prozess. Nach zwei Stunden Geballere stand Bruce Willis im blutgetränkten Unterhemd vollkommen erschöpft inmitten von Polizeiautos mit blinkenden Blaulichtern und bekam von einem Beamten eine Wolldecke über die Schultern gelegt. Happy End.
John McClane war wirklich sehr oft zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber wer kennt das nicht? Man macht es sich in einem Intercity gemütlich und freut sich auf zwei Stunden erholsames Zugfahren. Dann setzt sich Knackeboul neben einen hin und kommentiert die ganze Fahrt in Reimen. Oder man wird zur Geburtstagsfeier einer alten Freundin eingeladen. Zu Beginn wundert man sich zwar, warum die Fete bereits um vier Uhr nachmittags beginnt, fährt aber trotzdem schon ein wenig vorgewärmt bei ihr zuhause ein. Dann darf man realisieren, dass alle anderen Freunde im gleichen Alter mit ihrem Nachwuchs aufgetaucht sind. Vorbei sind die guten Zeiten, in denen man sich zusammen betrank bis man nicht mehr aufrecht gehen konnte und in den Topf einer Zimmerpflanze erbrach. Nein, jetzt krabbelt man bereits von Anfang an auf allen Vieren auf dem Boden herum und lässt sich von den Kindern ankotzen. Wenn man ab 35 zu einer Geburtstagsparty eingeladen ist, und auf der Einladungskarte beim kleingedruckten Teil mit dem Dresscode nicht gelesen hat, dass man ein Kind als Accessoire mitnehmen sollte, fühlt man sich definitiv auch zur falschen Zeit am falschen Ort.

Zurück zu «Stirb Langsam». Die Terroristen hatten die Rechnung immer ohne John McClane gemacht. John McClane war die Person, die Terroristen terrorisierte. Würde man John McClane heute in den Iran schicken, würden in Teheran zwei Stunden später die ersten Striplokale ihren Betrieb eröffnen. Auch Terroristen wie rasenmähende Nachbarn oder Leute, die im Kino Popcorn, Kebabs oder Raclette fressen und mit ihren akustischen und olfaktorischen Abfällen wahren Filmliebhabern wie mir das Filmvergnügen ruinieren, ja, auch mit denen würde John McClane kurzen Prozess machen.

Wie du bestimmt bemerkt hast, kann ich Leute, die im Kino essen, nicht ausstehen. Vor allem dann, wenn sie nicht konsequent sind. Einmal entführte ich ein Date ins Kino. Sie war eine wunderschöne Frau – lustig, intelligent, guter Stil. Das war jedenfalls mein erster Eindruck. Als sie sich dann an der Kinokasse so saumässig mit Fressalien beladen hatte, als würde sie gerade eine dreiwöchige Expedition durch die Wüste Gobi starten, bereute ich bereits, ihr das Kinoticket bezahlt zu haben. Ihre Begründung lautete: «Wenn man gerne isst und sich gerne Filme anschaut, ist das Kino der perfekte Ort um beides zu kombinieren».

Es kam, wie es kommen musste. Ich durfte mir den Mystery-Thriller «The Village» mit dem Soundtrack von «Das grosse Fressen» antun. Richtig Spannung kam da selbstverständlich nicht auf. Sich darauf freuen, dass diese Personen irgendwann mal alles fertig gefressen haben und das Filmvergnügen endlich beginnen kann, ist auch umsonst. Schliesslich gibt es ja Mitten im Film eine Pause, in der sich die Fresssäcke neu munitionieren können. Später am Abend kam besagtes Date dann doch noch zu mir nach Hause um ein wenig rumzumachen – so böse war ich ihr auch wieder nicht. Wahrscheinlich um sich für das Kinoticket zu bedanken, tauchte sie unter die Bettdecke und zwischen meine Beine ab. Ich nutzte die Gelegenheit und zauberte aus meiner Nachttisch-Schublade ein Happy-Meal hervor. Als sie meine genüsslichen Schmatzgeräusche vernahm, kam sie blitzschnell wieder hervorgeschossen. Auf ihren irritierten und fragenden Blick habe ich mit dem Kommentar geantwortet: «Wenn man gerne Blow-Jobs bekommt und gerne isst, ist das Bett der perfekte Ort um beides zu kombinieren.» Mit einem gekonnten Krav-Maga-Schlag in meine exponierten Familienjuwelen verabschiedete sie sich und verschwand blitzschnell aus meinem Leben.

John McClane konnte einiges ertragen. Er hat mehr Schläge abbekommen als das Schlagzeug von Keith Moon, er musste mehr Tritte einstecken als Guy Richie während seiner Ehe mit Madonna und auf ihn wurden mehr Kugeln abgefeuert als auf Fidel Castro. Letzteres will etwas heissen, schliesslich hatte der Maximo Lider laut Guinnes Buch der Rekorde 638 Mordanschläge überlebt bis er 90-jährig friedlich einschlief.
Trotz allem hat John McClane nie seinen Humor verloren. Egal wie beschissen die Situation gerade war, er kommentierte sie immer lustig. Auch wenn es nur ein «Yippee ki-yay, Motherfucker» war, bevor er jemandem ins Jenseits beförderte. Das finde ich heute noch sehr inspirierend. Dass heute Chuck Norris mit ganz vielen Sprüchen geehrt wird, die seine angebliche Krassheit unter Beweis stellen, findet nur statt, weil John McClane das erlaubt. Ja, vielleicht kann Chuck Norris tatsächlich alle Liegestützen machen, die es gibt. Aber er macht sie nur, weil John McClane ihm sonst seine Unterhosen bis über seine Ohren ziehen würde. Ja, Chuck Norris lässt während dem Niessen die Augen offen. Aber er lässt sie nur offen, weil er Angst hat, dass John McClane in dieser Zeit auftauchen und ihm sein Taschengeld abknöpfen könnte. Ja, Chuck Norris isst keinen Honig, er kaut Bienen. Aber auch das macht er nur, weil John McClane den Honig für sich reserviert hat.

04_meine_helden_johnmcclane_fertig

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