Pirmin Zurbriggen

Gott sei Dank für alles.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Am 4. Februar 1963 hat es im Walliser Saas-Almagell Pip-Pip-Piiiiiip gemacht, die Wehen bei Frau Zurbriggen setzten ein, Fötus Primin hat die Gebärmutter mit einem Blitzstart verlassen, ist mit einer hervorragenden Zwischenzeit durch den Muttermund geschossen, hat die Schlüsselstelle Beckenenge optimal gemeistert und ist schliesslich mit absoluter Bestzeit im Zielraum namens Welt angekommen. Man kann davon ausgehen, dass sich Pirmin Zurbriggens Geburt mehr oder weniger so abgespielt hatte. Höchstwahrscheinlich wurde das ganze Ereignis noch von Sportmoderator-Legende Hans Jucker fachmännisch kommentiert.

In seinem Leben hat Skirennfahrer Pirmin Zurbriggen mehr als 40 Weltcuprennen, vier Weltmeistertitel und in Calgary 1988 die Olympische Goldmedaille in der Abfahrt gewonnen. Bis zum Karriereende hat sich bei Pirmin zuhause so viel Edelmetall angehäuft, dass er den Drachen Smaug als Wache anstellen musste.
Jawohl, unser Pirmin war schnell. Verdammt schnell. Unter den Skifahrern war er der Usain Bolt, der Road Runner, der 9ff GT9 Vmax, der Scatman John, der Gepard, das Rammelhäschen, die Lichtgeschwindigkeit und der Dünnpfiff in Personalunion. Pirmin flitzte schneller an den Fernsehkameras vorbei als das Wochenende an einem ambitionslosen Angestellten.

Und weil der Pirmin Zurbriggen so ausserordentlich schnell war, haben meine Eltern während seinen Rennen bei uns zuhause die eiserne Regel «Gegessen wird am Tisch» ausser Kraft gesetzt. Diese Regel war eigentlich so wenig verhandelbar wie die Gravitation. Aber wenn Pirmin Zurbriggen am Start war, durften mein Bruder und ich ausnahmsweise das Mittagessen vor dem Fernseher verputzen. Das war etwas sehr Besonderes. Nicht am Tisch essen zu müssen, das war eine minimale Ortsverschiebung mit einem riesigen Impact. Damals kam mir das vor, wie wenn mir heute jemand sagen würde, ich dürfe während dem Stau auf der Autobahn auf dem Pannenstreifen fahren, im Flugzeug in die Business-Class wechseln oder im Fitness-Center ausnahmsweise mal bei den Frauen duschen, weil die sich das ausdrücklich gewünscht haben.

Aber egal um welche Uhrzeit Pirmin Zurbriggen gestartet ist, die Schweiz stand jeweils still. Hochzeitszeremonien und Beerdigungen machten eine Pause, Bauarbeiter legten ihre Presslufthammer zur Seite, Maler ihre Pinsel, Studenten ihren Joint, Polizisten ihren Nussgipfel, Prostituierte ihre Freier und Freier ihre Prostituierten. Ausser die Hausfrauen haben alle Berufstätigen ihre Berufstätigkeiten unterbrochen – die Hausfrauen haben einfach weiterhin ferngesehen. Ja, die ganze Schweiz starrte erstarrt auf ihre Bildschirme.

Dabei war es egal, in welcher Disziplin unser Pirmin gestartet ist. Als supertalentierter Allrounder gewann er einfach überall. Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, Slalom oder Superkombination – dem Pirmin war alles recht. Wäre Aprés-Ski ebenfalls eine Weltcup-Disziplin gewesen, Pirmin Zurbriggen hätte alle unter die Schneebar gesoffen – auch den Anton aus Tirol, den Johnny Däpp oder den Tim Toupet. Und hätte das Multitalent Pirmin eine Karriere im Erwachsenenfilm-Business angestrebt, hätte er auf Youporn die Disziplinen Hetero, Gay, Black, Asian, Indianer, Tuareg, Newcomer, Oldschool, Outdoor, Frontdoor, Backdoor, Indoor, Random, Live, Quickie, Fuckatohn, Hindernisbums, Ausdauerrammel, Arty-Farty oder Platonisch dominiert.

Auch für mich als Pontresiner war Skifahren keine fremde Materie. Im Engadin findet man schliesslich heute noch mehr Skigebiete als Schreibfehler in einem Tweet eines Fussballprofis. Und damit auch wirklich jedes Kind im Tal den Anschluss nicht verlor, erhielten die Schüler während der obligatorischen Schulzeit immer wieder Skiunterricht von professionellen Skilehrern. Bei so einer Gelegenheit konnte ich meinen persönlich grössten Erfolg im Skizirkus feiern.
Das war so: Anfangs der Skiwoche mussten sämtliche Schüler vor einer gnadenlosen Skilehrer-Jury einen kleinen Hang hinunterfahren. Die Skilehrer beobachteten jeweils mit scharfen Blicken, wie blöd sich das Kind anstellte, wie es seine Stöcke und Kanten einsetzte, ob es die Ideallinie finden würde oder wie penetrant es weinte, wenn es sein Gesicht auf der eisigen Piste aufkratzte. Diese ganze Szenerie muss man sich wie auf dem Viehmarkt vorstellen, wo potenzielle Käufer den angebotenen Kälbern ins Maul schauen, sie abklopfen und auf Herz und Nieren prüfen. Die Skilehrer teilen die Kinder dann in Sekundenbruchteilen in drei verschiedenen Gruppen ein: Kategorie 1: «Total Versager», Kategorie 2: «Ziemlich hoffnungslos» und Kategorie 3: «Könnte schlimmer sein, aber nicht viel». Für die betroffenen Kinder war das ganze Prozedere ungefähr so entwürdigend, wie die Pressemitteilungen von Sean Spicer für sich selbst, für seine Eltern und für die Demokratie in Amerika.

Aber einmal habe ich es tatsächlich geschafft, schon vom ersten Tag an zur dritten Kategorie zu gehören. Ich bin mir vorgekommen wie der Pirmin Zurbriggen höchstpersönlich. Gut, zugegeben, nachdem ich zum wiederholten Male auf dem Skilift auf der falschen Seite vom Masten vorbeigefahren war, hat man mich wieder eine Kategorie zurückgestuft. Aber das Gefühl, nicht vor allen anderen Kindern zu den Losern eingeteilt worden zu sein, das beflügelt mich heute noch.

Der Pirmin war für mich ein Superheld. In meinem Kinderzimmer hing ein lebensgrosses Poster von ihm an der Wand. Dieses Poster konnte man damals mit einer gewissen Anzahl gesammelter Rivella-Etiketten bestellen. Heute frage ich mich, was ich mit meinen gesammelten Calanda-Etiketten schon alles leisten könnte. Bestimmt schon ein lebensgrosses Poster eines jeden Eishockeyspielers, der jemals beim HCD gespielt hat. Oder mit meinen Jack-Daniels-Etiketten ein Poster von Lemmy und mit meinen Hustensaft-Etiketten ein Poster von Lil Wayne.

Dass Primin Zurbriggen so überirdisch gut war, hatte auch überirdische Gründe. Der Pirmin war sogar für Walliserverhältnisse tiefgläubig. Er schöpfte seine mentale Kraft im Gebet. Die tägliche Dosis Heiliger Geist verlieh ihm Energie, ohne dass es dieses Wundermittel jemals an einer Dopingkontrolle angezeigt hätte. Es gibt Glaubensbrüder von ihm, die behaupten, man könne auf gewissen Fernsehbildern sehen, wie Gott weniger gläubige Fahrer mit Gegenwind, langsamem Schnee und Manipulationen der Stoppuhr sabotiert habe.

Du kannst dich bestimmt noch daran erinnern, dass Pirmin Zurbriggen einmal behauptete, dass Aids eine Strafe Gottes sei. Logischerweise hat er damit einen Shitstorm losgetreten, der sogar United Airlines beeindruckt hätte. Wieso sollte Gott so inspirierende Künstler wie Magic Johnson, Freddie Mercury oder Charlie Sheen bestrafen? Ich bin davon überzeugt, dass Pirmin Zurbriggen mit dieser behämmerten Aussage einen Warnschuss abfeuern wollte: Befragt niemals einen Sportler zu einem Thema, das nicht zu seiner Kernkompetenz gehört. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein erfolgreicher Sportler sein Leben lang hart trainiert hat. Dementsprechend fehlte ihm die Zeit, um sich mit Nebensächlichkeiten wie Politik, Philosophie oder Wissenschaft auseinanderzusetzen. Da kommt mehr Sinnvolles raus, wenn du deine Grossmutter zum neuen Album von Kendrick Lamar befragen würdest.

Leider verstanden viele Leute das falsch. Hätte Stratosphärenspringer Felix Baumgartner darüber nachgedacht, dann würde er sich heute ausschliesslich zu Themen wie Schwerkraft, Fallschirmziehen oder Punktlandung äussern, und wir müssten uns nicht über den ganzen restlichen Müll aufregen, den er so von sich gibt.

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