Eine schöne Vorgeschichte

Vor 13.7 Milliarden Jahren hat es gekracht.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Bei der Weltausstellung in Sevilla 1992 schmückte der mittlerweile berühmt gewordene Spruch «La Suisse n’existe pas» des Künstlers Ben Vautier den offiziellen Schweizer Pavillon. Dieser Spruch war etwa gleich deplatziert wie wenn auf Kim Kardashians T-Shirt «Genius at Work» stehen würde oder auf einem Flugzeug der Iberia «Freundlichkeit ist uns wichtig». Natürlich kann man sich die philosophische Frage stellen, ob überhaupt etwas existiert, oder ob die ganze Welt nur eine Konstruktion unseres Hirns ist – quasi nur als Wille und Vorstellung vorhanden ist. Aber diese Fragen wurden bereits von Hirnakrobaten wie Arthur Schopenhauer, Heinz von Förster oder von Keanu Reeves in der Matrix-Triologie diskutiert.

Auf fiktive Länder und Gesellschaften bezogen, kennen wir bereits das von Platon beschriebene mythische Inselreich Atlantis, das an Perfektion nicht zu übertreffende Utopia von Thomas Morus oder das fantastische Wunderland von Lewis Carroll. Nun, Atlantis ist im Meer untergegangen wie ein gutes Argument in einem Kreationisten-Workshop. Wenn man auf Google-Maps nach dem Weg nach Utopia fragt, findet man kein entsprechendes Ziel – und wenn Google etwas nicht kennt, dann existiert es nicht. Basta. Was das Wunderland betrifft, so muss ich zuerst mal einen sprechendes weisses Kaninchen finden, das mir den Eingang zeigt. Seit ich mit dem Klebstoffschnüffeln aufgehört habe, gehe ich solchen selbstgenerierten Illusionen allerdings nicht mehr auf den Leim. Somit bleibt diese geographische Zone Alice alleine überlassen. Für mich existiert sie einfach nicht.

In meinem Erlebnishorizont existiert aber die Schweiz. Und wenn etwas existiert, fragt man sich ganz automatisch, wie es entstanden ist. Falls du keine Ahnung hast, woher die Schweiz kommt, möchte ich dich gerne kurz updaten und mit dir eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen. Wir beginnen dort, wo alle gute Geschichten ihren Ursprung haben – und zwar am Anfang.

Vor 13.7 Milliarden ist Raum, Materie und Energie bei einem riesigen Urknall entstanden. Angeblich war dieser Big Bang lauter als die Buhrufe bei einem Gastreferat von Wladimir Putin bei der Femen-Generalversammlung in Kiew. Aus diesem Urknall formte sich das Universum, dessen Mittelpunkt heute die Schweiz darstellt. Momentan untersuchen Physiker am CERN nach wie vielen Sekundenbruchteilen nach dem Urknall sich bereits die Neutrinos und Neutronen sammelten um später den Hauptteil der neutralen Schweiz zu bilden.

Vor gut 4.5 Milliarden Jahren erblickte die Sonne, unser ganz persönlicher Superstar, das Licht der Welt. Korrekt sollte es wohl heissen, dass die Lichtquelle entstanden ist, dank der unser Planet so schön beleuchtet und angenehm warm ist. Dank der wir quasi einen Platz an der Sonne haben. Jedenfalls ist die Sonne massgeblich dafür verantwortlich, dass die Schweiz sich später zum schönsten Land der Erde entwickeln konnte. Dank der Sonne scheint unser Himmel blauer, glitzert unser Pulverschnee weisser und leuchten unsere Wiesen grüner. Sie macht uns zum absoluten Postkartenland. Falls die Hobbits aus «Der Herr der Ringe» jemals einen Internetanschluss erhalten und Bilder vom Engadin zu sehen bekommen, würde ihnen ihr süsses kleines Auenland plötzlich vorkommen wie eine Müllhalde in Mumbai, ihr ganzes Vermögen einem Schlepper überlassen und sich via Mittelmeer und Italien auf den Weg zu uns machen.
Der Planet Erde ist knapp nach der Sonne entstanden. Die Schweiz wird später auf ihm zuhause sein. Das wird sich in naher Zukunft wohl auch nicht ändern.

Während dem sogenannten «Späten schweren Bombardement» – das hat nichts mit Megaupload-Schwergewicht Kim Dotcom und Hella von Sinnen beim Synchron-Turmspringen zu tun – knallten zahlreiche Kometen und vereiste Asteroiden auf die Erde und versorgten uns mit Wasser. Das war wichtig, weil sich später darin Lebensformen wie die Schweizer bilden konnten. Ausserdem hätten wir sonst nichts, womit wir unsere unvergleichlich schönen Bergseen hätten füllen können. Ohne Wasser würde auch der Aquapark Alpamare wesentlich weniger Spass machen. Auf den Rutschbahnen würde man kaum vorwärts kommen, das Wellenbad ist irgendwie schwierig vorstellbar und die pubertierenden Teenager müssten zwangsläufig auf der Liegewiese anstatt wie jetzt im Whirlpool onanieren. Ganz zu schweigen davon, dass man im Conny Land ohne Wasser die Kinder nicht mit Seelöwen spielen lassen kann, sondern gezwungenermassen nur mit Landlöwen. Und falls die Gerüchte über diese Raubtiere stimmen, kann das durchaus gefährlich sein. Aber politisch korrekt, wie wir Schweizer sind, möchte ich selbstverständlich kein Pauschalurteil über alle Löwen dieser Welt abgeben. Nur keine Sippenhaft bitte. Es gibt bestimmt auch ganz nette. Zahnlose vegetarischveranlagte Kuschelkatzen, sozusagen. Dazu gehören zum Beispiel Simba aus «The Lion King», Alex aus «Madagascar» oder die ZSC Lions aus Zürich. Und ja, das hast du richtig erkannt, ich bin Fan des HC Davos.

Konkret bildeten sich etwa 500 Millionen Jahre nach der Entstehung der Erde die ersten Mikroben. Diese Prototypen biologischen Lebens bestanden bereits aus einer guten Mischung Aminosäuren (Proteine), Ribonukleinsäuren (RNA) und Desoxyribonukleinsäuren (DNA). Alle Tiere, Menschen inklusive, sind mehr oder weniger heute noch aus diesen Zutaten geformt. Jedenfalls zogen ein paar Jährchen Evolution ins Land und pflanzliches und tierisches Leben entwickelte sich wunderbar in alle erdenklichen Richtungen. Die Natur lebte ihre Kreativität voll und ganz aus und liess unzählige Lebensformen entstehen. Das Spektrum reicht von einfachsten Einzellern bis zu den komplexesten Argentinosauriern. Doch das nächste schwere Bombardement liess nicht lange auf sich warten. Und nein, damit ist nicht Luciano Pavarotti beim Stagediven gemeint. Vor 65 Millionen Jahren beendete ein Asteroideneinschlag die 170 Millionen Jahre dauernde Vorherrschaft der Dinos. Ihr Verschwinden machte Platz für uns Menschen.

Und dass die Dinos abtreten mussten, das ist auch gut so. Stell dir mal vor, es würde heute noch Dinosaurier geben. Konflikte wären vorprogrammiert. Wir Schweizer leben in einem souveränen Staat. Deshalb legen wir Wert darauf, selber zu bestimmen, wer zu uns rein kommt und wer nicht. Schliesslich ist die Schweiz ein exquisiter Club und kein Stundenhotel an der Autobahnraststätte. Wer sich nicht benimmt, der bekommt ein Problem. Okay, man kann sagen, dass wir nicht ganz konsequent sind. Schliesslich knallen wir immigrierte Pelztiere wie Bären ab, sobald sie sich wie Bären benehmen, während sich ein eingewandertes dekadentes Pelzfaultier wie Irina Beller so bescheuert aufführen kann, wie es nur will, ohne dass je ein Wildhüter dem hemmungslosen Treiben ein Ende bereiten würde. Wahrscheinlich würden Bären die Schweiz meiden, wenn sie kapieren würden, wo genau unsere Landesgrenze verläuft. Blöderweise haben aber seit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens sogar Menschen keine Ahnung mehr, in welchem Land sie sich nun gerade befinden.

Aber angenommen, ein italienischer Tyrannosaurus Rex möchte seine Ferien im Jurassic Parkhotel in Delsberg verbringen. Wir würden uns an die Schwierigkeiten erinnern, die wir mit dem Tyrannen Gessler hatten und davon ausgehen, dass der Tyrannosaurus Rex ganze Schafherden mit einem Biss verputzen und den spielenden Kindern im Wald Angst einjagen würde. Soll ihn jetzt der Bündner Jagdinspektor über den Haufen schiessen, sobald er im Puschlav gesichtet wird? Wohl kaum. Es wäre eher ein Fall für unsere Luftwaffe. Wenn wir aber Pech haben, ist der Touristen-Dino nachtaktiv. Das heisst, er ist ausserhalb der Bürozeiten unserer Landesverteidigung tätig. Das würde wieder zu merkwürdigen Diskussionen über Sinn und Zweck unserer Luftwaffe führen. Deshalb ist es meiner Meinung nach ganz in Ordnung, dass diese Reptilien Geschichte sind.

In Kenia hat man mehrere Millionen Jahre alte Fussabdrücke in Vulkanasche gefunden. Diese lassen darauf schliessen, dass zu dieser Zeit unsere ersten affenähnlichen Vorfahren bereits aufrecht spazieren konnten. Diese Hominidengattung entwickelte sich zu Unterklassen wie dem Homo Neanderthalensis weiter. Eng verwandt mit dem Neanderthaler ist der Homo Sapiens – der moderne Mensch. Dieser betrat die Weltbühne vor ungefähr 200 000 Jahren. In der biologischen Systematik bildet der Homo Sapiens ein höheres Säugetier aus der Ordnung der Primaten, in der Unterordnung gehört er zu den Trockennasenaffen und dort zur Familie der Menschenaffen.

Wir Schweizer sind auch nur Menschen, ob man es glaubt oder nicht. Das heisst, wir sind alle zusammen Afrikaner, die mal in dieses Land eingewandert sind. Ob das die Schweizerische Volkspartei SVP weiss? Passiert ist das ungefähr 12 000 vor Christus. Vorher gab es hier zwar bereits Neanderthaler, aber die haben es nicht geschafft. Verdammte Loser. Vor 12 000 Jahren gab es in der Schweiz nur drei Berufe. Wir waren entweder Jäger oder Sammler oder Berufsberater. Aber wie du dir bestimmt vorstellen kannst, war Berufsberater damals noch kein besonders anspruchsvoller Job. Eine typischer Ratschlag von Berufsberater zu Homo-Sapiens-Junior musste ungefähr so geklungen haben: «Lieber Homo-Sapiens-Junior, wenn du gerne Beerchen und Pilze sammelst, solltest du dir mal überlegen, eine Karriere als Sammler zu starten. Ach so, du bist oft im Wald unterwegs und tötest gerne Tiere. Ich könnte dir eine Laufbahn als Jäger empfehlen. Das passt doch irgendwie noch besser zu dir. Oder?».

Eine Plattenkollision Afrikas und Europas im Verlauf der letzen paar Millionen Jahren schenkte der Schweiz ihre geologische Struktur. In den letzten zwei Millionen Jahren gaben die wandernden Gletscher unserer Landschaft ihren letzten Schliff. Am Ende des Mesolithikums war die Landschaft der Schweiz mehr oder weniger fertig gestellt. Die Eiszeit zog sich zurück und der Wald startete seinen Triumphzug. Dem Eis gelang erst wieder mit der Gründung von Mövenpick im Jahre 1948 in der Schweiz ein Revival. Nun war es meist kugelförmig und in unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen erhältlich.

Im 5. oder 4. Jahrtausend v. Chr. wurden wir sesshaft und betrieben Ackerbau. Später kam Viehzucht und Töpferei dazu. Wer sich damals vom Acker machte, nachdem er den ganzen Tag wie blöd geackert hatte, war sogleich zuhause. Das war praktisch. Doch in dieser Beziehung haben sich die Zeiten massiv geändert.
Heute sind wir zum grossen Teil wieder Pendler und Wochenendaufenthalter geworden. Das heisst, wir verbringen unsere Zeit am liebsten wieder unterwegs. Berufliches und Privates auseinanderhalten, das haben wir zum Lebensprinzip gemacht. Ausnahmen bilden natürlich die Homeofficebetreiber, die Hausfrauen und die Betreiber von Indoor-Hanfplantagen.

Nach 2000 v. Chr. brach in unseren Gefilden die Bronzezeit aus. Im restlichen Europa war Bronze schon seit längerer Zeit die angesagteste Legierung. Ob uns die restlichen Europäer Bronze aufgezwungen haben, oder ob es Teil eines bilateralen Abkommens war, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls wurde aus diesem Gemisch aus Kupfer und Zinn Waffen und Werkzeuge gefertigt.

Ab 750 v. Chr. begann die sogenannte Eisenzeit. Anfangs war die Bronze ein wenig angepisst, aber dann hat sie das Feld geräumt. Heute kennt man Bronze vor allem noch als Material für Medaillen, die niemand wirklich haben möchte. Ausgezeichnet wird damit der dritte Platz. Was für eine Demütigung. Bei Skirennen dürfen alle Teilnehmer, die nicht gewonnen haben, nach Hause gehen und sich schämen. Ausser der Zweit- und der Drittplatzierte. Die müssen mit auf dem Podest stehen, sich vom Sieger von oben herab auslachen lassen und glücklich in die Kamera winken. Wir wissen doch alle, dass nur der Sieg wirklich zählt. Stell dir mal vor, du bewirbst dich um eine Arbeitsstelle oder um eine Freundin. Du gibst dir beim Vorstellungsgespräch die grösste Mühe und stellst dich im besten Licht dar. Eine Woche später bekommst du eine Mail in der dir der potenzielle Arbeitgeber oder die potenzielle Freundin freudig mitteilt, dass zwar jemand anderes das Rennen gemacht habe, aber du es in die Top-drei geschafft hast. Du wirst gebeten nochmals in das Büro oder in das Restaurant zu kommen, um bei der Siegerehrung deine Bronzemedaille entgegenzunehmen. Die einzige adäquate Antwort zu dieser Einladung kann doch nur Fuck-You-You-Fucking-Fuck lauten. Oder? Ich bin froh, dass die Bronzezeit vorbei ist und das goldene Zeitalter der Schweiz 1291, oder 1848, oder spätestens bei der Geburt von Skirennfahrer Pirmin Zurbriggen, angebrochen ist.

Nach der Steinzeit und Bronzezeit brach mit der Eisenzeit das dritte grosse Kapitel der Frühgeschichte an. In dieser Epoche entstanden die ersten Alpentransversalen. Diese gewährleisten bis heute die Handelsverbindungen zwischen Mitteleuropa und dem Mittelmeerraum. Wir machten schon damals für alle anderen Europäer mit schwindelerregenden Baukonstruktionen die unwirtliche Landschaft passierbar. Heute ist es der ganzen Welt klar, dass wir Schweizer sogar eine Brücke zum Mond, zwischen den Israelis und den Palästinensern oder zwischen Impfgegnern und dem gesunden Menschenverstand schlagen könnten, wenn man uns nur lassen würde.

In der Eisenzeit begann man auch damit, Eisen für Werkzeuge, Kunstobjekte und Waffen zu verwenden. Und weil damals kein Mensch an Eisenmangel gelitten hat, waren alle viel behaarter und weniger anfällig auf Müdigkeit als heute. Aus dieser Zeit stammen höchst wahrscheinlich auch der Ironman, die Band Iron Maiden, die Ironie, die Eisenbahn, das Bügeleisen und die Familie Eisenhower.

Nach 100 v. Chr. begannen die Römer Gebiete nördlich der Alpen zu erobern. Dabei stiessen sie unweigerlich mit den Galliern und den Helvetiern zusammen. Während die Franzosen sich auf ein Zaubertrank verlassen konnten, wie uns zahlreiche historische Bildbände von René Goscinny und Albert Uderzo bis heute glaubwürdig überliefern, verzichteten die Schweizer schon damals auf Doping und verprügelten die Römer ganz herkömmlich mit Cheesepower. Jedenfalls konnte der Oberkommandierende der Römer Gaius Julius Cäsar nicht genug betonen, wie schwer ihm die tapferen, hartnäckigen und widerstandsfähigen Helvetier das Leben gemacht haben. Angeblich nannte er unser Land nicht selten Hellvetien. Das ist insbesondere deswegen interessant, weil das Himmel-Hölle-Konzept erst später von den Christen erfunden wurde.

Die Römer gründeten auf dem Gebiet der heutigen Schweiz Kolonien und gliederten Helvetien schrittweise in das Reich ein. Nebenbei statteten sie unsere Städte mit prachtvollen Bauwerken wie Tempelanlagen und Thermen aus. Nein, das bereits erwähnte Alpamare stammt nicht aus der Römerzeit. Genauso wenig sind CD-ROM, der Coupe Romanoff oder Romantiker wie ich römische Hinterlassenschaften.

Zu den bekanntesten architektonischen Meisterstücken gehört das Amphitheater in Avanches im Kanton Waadt. Dieses 2000 Jahre alte Bauwerk als Ruine zu bezeichnen, wäre mehr als ungerecht. Es sieht heute noch einiges besser aus als das Gesicht von Priscilla Presley, obwohl es wesentlich weniger renoviert worden ist. Das Amphitheater ist noch so gut in Form, dass Weltstars wie Radiohead, Ice-T, Neneh Cherry, Placebo, Muse, Deep Purple, Massive Attack, Marylin Manson oder ZZ Top regelrecht darum betteln, am jährlich stattfindenden Festival Rock oz’Arènes auftreten zu dürfen.

Einer, der in Avanches immer wieder willkommen ist, ist der gute alte Iggy Pop. Ich kann mir gut vorstellen, dass das daran liegt, dass Iggy bereits damals bei den Bauarbeiten kräftig mitgeholfen hatte. Man kann sagen, dass das Amphitheater in Avanches für jeden Musiker, der etwas auf sich hält, etwa die gleiche Bedeutung hat wie der Mount Everest für einen ambitionierten Bergsteiger, die Olympischen Spiele für einen Profisportler oder geschützte Tierarten für die schwerbewaffnete und moralisch schwerbehinderte Trophäenjäger wie Moderatorin Melissa Bachman. Sie sind das Ziel im Visier.

Ausserdem errichteten die Römer in der Schweiz ein Strassennetz. Meiner Meinung nach mehr schlecht als recht. Schliesslich mussten wir Schweizer diese Strassen später wieder aufreissen um Glasfaserkabel, Kanalisationsröhren oder Stromleitungen nachträglich zu verlegen. Und wenn es nach uns umweltbewussten Schweizern gegangen wäre, dann hätten die Römer schon gar keine Strassen bauen müsssen. Schliesslich transportieren wir unsere Güter lieber auf der Schiene. Aber so Sachen muss man den Italienern ja zuerst erklären.

Ab dem Jahr 400 n. Chr. haben sich die Römer langsam aber sicher aus dem Gebiet der Schweiz zurückgezogen. Warum? Weil von Norden her die Deutschen vorrückten. Die Alemannen und die Burgunder, um genau zu sein. Im Mittelland vermischten sich die verschiedenen Kulturen, in der Nordschweiz liessen sich germanische Idiome nieder, während in der Westschweiz und in den Alpentälern sich der romanische Einfluss halten konnte. Zu dieser Zeit wurde also der Grundstein dafür gelegt, dass wir uns zum wohl sprachbegabtesten Volk der Welt entwickeln konnten. Dank diesen Vorsaussetzungen spricht heute ausnahmslos jeder Schweizer Bürger die vier offiziellen Landessprachen Deutsch, Italienisch, Französisch und Romanisch fliessend. Dazu kommen noch die inoffiziellen Landessprachen Albanisch, Spanisch und Portugiesisch plus selbstverständlich noch ein paar Fremdsprachen.
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inen Schweizer zu fragen, wie viele Sprachen er beherrscht, macht etwa gleich viel Sinn wie Gérard Depardieu zu fragen, wie viele Flaschen Wein er heute schon getrunken hat. Die Antwort lautet immer: Habe schon lange aufgehört zu zählen. Sprachbegabtere Individuen beherrschen zusätzlich noch sämtliche Kantonsdialekte wie Bündnerdeutsch, Bernerdeutsch oder Thurgauerdeutsch und die unterschiedlichsten romanischen Idiome wie Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter, Vallader oder Jauer. Mit J.P. Love haben wir ausserdem noch einen wahren Dolmetscher der Sprache der Liebe. Er kann die Wörter Billig, Schamresistenz und Geschmacklos in über 135 Sprachen akzentfrei oral artikulieren.

Etwa 600 Jahre nach Jesus Christus erreichte das Christentum die Schweiz. Diese Verzögerung ist ein Beweis dafür, dass wir nicht jedem Trend hinterherlaufen, sondern uns gerne Zeit lassen. Wir begannen mit dem Bau von Kirchen und Klöstern. Ein berühmtes Beispiel ist das Kloster St. Gallen. Für Leseratten ist das Kloster heute noch ein Besuch wert. In seiner Bibliothek haben sich im Verlauf der Zeit mehr Bücher angestaut als während zweier Wochen Pornohefte in einer Studenten-WG.
Wenn Gott gewollt hätte, dass jeder Mensch auf Erden seinen Sohn und die frohe Botschaft noch im gleichen Jahr kennengelernt hätte, und nicht erst Jahrhunderte später, hätte er ihn besser in einem Stall im heutigen Appenzell auf die Welt kommen lassen. Ein Vorfahre von «Bauer, ledig, sucht…» – Moderator Marco Fritsche wäre bestimmt gerade auf dem Bauernhof zu Besuch gewesen, auf dem der kleine Jesus geboren worden wäre, um einen ledigen, suchenden Bauern mit einer Stadtdame zu verkuppeln. Die Idee der unbefleckten Empfängnis hätte den bestimmt auch schwulen Vorfahren von Marco so fasziniert, dass er sie noch am gleichen Tag der ganzen Gaycommunity weitererzählt hätte. Der Bauernhof wäre in kürzester Zeit mit empfangsfreudigen Lesben aus ganz Europa geflutet und das Wort Gottes in die Welt hinausgetragen worden. Aber eben. Die Wege des Herrn sind unergründlich. Deshalb wissen wir auch nicht, warum er sich für Bethlehem anstatt für Appenzell entschieden hat und wir erst 600 Jahre später etwas von Jesus gehört haben.

Bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts wurde das Gebiet zunehmend Teil des Fränkischen Reichs. Später entwickelte sich daraus das Heilige Römische Reich. Dieses Territorium war Teil des Stammherzogtum Schwaben und des Königreichs Burgund. Zu Beginn des römisch-deutschen Reichs waren die grössten Player die Adelsgeschlechter der Lenzburger, der Kyburger und der Habsburger. Die Hamburger starteten ihren Siegeszug durch unser Land erst viel später mit der Eröffnung der ersten McDonald’s Filiale im Jahre 1976 in Genf. Während die Lenzburger und die Kyburger in der Zwischenzeit aus dem kollektiven Gedächtnis der Schweiz gelöscht wurden, erinnert sich heute noch jeder Schweizer an die Habsburger.
Richtig ins Rampenlicht trat dieses Geschlecht, als Rudolf von Habsburg im Jahre 1273 Habsburger-King wurde. Auf unserem Gebiet waren sie etwa gleich willkommen wie Vogelspinnen in Bananenschachteln, Nasenbluten während dem Vorstellungsgespräch oder eine deutsche Reisegruppe im Ruheabteil der SBB. Ja, die Deutschen in der SBB. Es gibt wohl kein Volk, das so lange so laut über das wunderbare Gut namens Stille diskutieren kann, welches man anscheinend nur hier in der beschaulichen Schweiz findet. Lauthals wird dann noch erwähnt, dass es beispielsweise zuhause in Deutschland in öffentlichen Verkehrsmitteln nie so ruhig sei wie hier. Jedenfalls waren die Habsburger für die Geschichte der Schweiz absolut prägend. Dazu kommen wir später.

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