Tarzan

Der letzte Urschrei.

Illustration & Text: Dominik Brülisauer

Tarzan ist eine fiktionale Figur des amerikanischen Schriftstellers Edgar Rice Burroughs. Nach einer Meuterei auf einem Schiff stranden die noch schwangere Mutter und der Vater von Tarzan an der afrikanischen Küste. Tarzan wird als John Clayton geboren. Kurz darauf sterben die Eltern. Der Sohn wird von einer Affenbande adoptiert und aufgezogen. Die Affen nennen das Kind Tarzan, was soviel wie «Weisse Haut» bedeutet. Wie du siehst, definieren Primaten auf der ganzen Welt Menschen nach ihren Hautfarben. Jackie Chan hätten sie vielleicht Zitrone genannt, Donald Trump Orange und Sängerin Nicki Minaj, die frisch geschminkt aussieht, als hätte sie gerade während dem Holi-Festival in Indien eine Paintball-Schlacht verloren, hätten sie wohl Jackson Pollock genannt.

Jedenfalls sind auf dieser literarischen Grundlage über 100 Filme entstanden, die von Tarzans Abenteuern im Dschungel erzählen. Der wohl bekannteste Tarzan-Darsteller war der Schwimmer und Olympiasieger Johnny Weissmüller. Keiner konnte so elegant auf Bäume klettern, Wasserfälle runterspringen oder auf allen möglichen Tieren reiten wie dieser flinke Athlet mit dem Luxuskörper. Stell dir mal vor, Kevin James, Vince Vaughn oder Mike Müller würden sich an der Rolle des Tarzan versuchen. Sie würden während ihren Stuntversuchen den Regenwald mehr vergewaltigen als alle brandrodenden Palmölproduzenten und Rinderzüchter zusammengezählt.

Tarzan war ein Held meiner Kindheit und er hat mein Männlichkeitsideal nachhaltig geprägt. Wild, tierlieb und naturverbunden. So sehe ich mich heute noch. Wild bin ich in dem Sinn, dass ich ab und zu zwei unterschiedliche Socken trage. An solchen Tagen bin ich so wild drauf, dass ich durchaus weitere Dinge tue, die sonst niemand machen würde. Im Fahrstuhl spreche ich fremde Leute an. Beim Eingeben des Pincodes am Bankomat singe ich lauthals die Geheimziffern meiner Karte vor. Ich leere Duschgel aus dem Nivea-Energy-Nachfüllbeutel in die Nivea-Active-Clean-Flasche. Und einmal bin ich in einem Sepultura-Shirt an einem Konzert von Slayer aufgetaucht. Als wilder Hund kümmert man sich ja nicht um Tabus, Vernunft oder kulturelle Konventionen.

Auch meine Tierliebe ist tierisch gross. Ich lasse gerne die Sau raus, komme immer wieder mal auf den Hund und am Samstagabend lege ich mir gerne einen Kater zu, den ich dann den ganzen Sonntag über hege und pflege. Meine Naturverbundenheit drückt sich dadurch aus, dass ich bei jeder Gelegenheit mit meinem Off-Roader aus der Stadt raus ins Grüne fahre und auf einem schönen monokulturellen Golfrasen an meinem Abschlag feile.
Ausserdem haben mich dank Tarzan immer wieder Frauen angezogen, die sich unten nicht rasieren. Gerne sinke ich in das Dickicht ab, verirre mich in der Dunkelheit und taste mich durch die Schattenwelt. Einmal bin ich drei Tage nicht mehr aus dem Busch aufgetaucht. Als ich endlich wieder Tageslicht erspähte, musste ich erfahren, dass meine damalige Hippie-Freundin schon vor Stunden einen Rettungstrupp bestehend aus zwölf Buschmännern und vier Suchhunden ebenfalls in die Niederungen ihres Dschungels runtergeschickt hatte. Im Gegensatz zu mir sind diese armen Schweine aber nie mehr aus dem Herzen der Finsternis aufgetaucht.

Tarzans bester Freund war der Schimpanse Cheetah. Falls du dich fragst, warum ein Schimpanse auf den Namen «Gepard» hörte, kann ich dir sagen, dass auch Menschen Namen tragen, die nichts mit ihrer Spezies zu tun haben: Johann Vogel, Julius Bär, Tiger Woods oder Samantha Fox. Tarzan war auch nicht der einzige Mensch, der einen Affen zum besten Freund hatte. Bei Michael Jackson war das nicht anders. Und Boris Becker hat bestimmt auch jemanden, der ihn als seinen besten Freund bezeichnet.

Interessant an Tarzan ist auch die Art, wie er durch den Dschungel reiste. Er schwang sich an Lianen von Baum zu Baum. Lianen waren für Tarzan das, was für gewisse Leute die parkierten Fahrräder in Zürich sind: ein Fortbewegungsmittel, das allen zur Verfügung steht. Bei Bedarf krallt man sich dieses und lässt es wieder stehen, sobald man es nicht mehr braucht. Dabei hat er nicht selten seinen berühmten Tarzan-Schrei ausgestossen – neben Edvard Munchs Schrei und dem von Zalando der wohl berühmteste der Kulturgeschichte. Falls du nicht mehr weisst, wie der klingt, denke ganz einfach an einen Wanderer, der an einen elektrischen Zaun pinkelt. Oder an Dick Cheney, als er erfahren musste, dass seine Tochter lesbisch ist.

Modemässig hat Tarzan Akzente gesetzt und sich nach der Devise «Less is more» bekleidet. Ein Lendenschurz hat ihm vollkommen ausgereicht. Die Frage, warum er sich unter nackten Tieren überhaupt angezogen hatte, wird in den Filmen nie wirklich beantwortet. Kalt hatte er im Regenwald wohl kaum. Und ein Lendenschurz kann sogar kontraproduktiv sein. Während die Frau gerne ihre Preziosen in einer Handtasche mit sich herumträgt, transportiert der Mann alles, was er im Leben so braucht, in seinem praktischen Hodensack. Dieser stellt auch sicher, dass die Temperatur der Testikel 3 Grad unter der durchschnittlichen Körpertemperatur liegt. Ansonsten wird die Samenproduktion beeinträchtigt und beim Mann entweicht während der Ejakulation höchstens eine müde Brise. Seine Nüsse zu wärmen, war also definitiv keine von Tarzans besten Ideen.

Wenn man das Verhalten von Dschungelcamp-Kandidatinnen wie Micaela Schäfer, Brigitte Nielsen und andere zwanghafte Nudisten in der freien Wildbahn beobachtet, kann man sich auch kaum vorstellen, dass Tarzan in dieser Umgebung so etwas wie ein Schamgefühl hätte entwickeln können. Scham kann also auch kein Grund gewesen sein, seine Blösse zu bedecken. Die Frage nach dem Grund für den Lendenschurz bleibt unbeantwortet.

Als einziger Mensch unter allen anderen Tieren musste sich Tarzan vorkommen wie eine Schwangere am Oktoberfest – auch er konnte niemanden verstehen und er war weit und breit das einzige Lebewesen, das aufrecht gehen konnte. Aber wie das Leben so spielt, hat Tarzan dann doch noch ein weibliches Wesen getroffen, das zur gleichen Spezies gehörte wie er. Sie hiess Jane und war die Tochter eines Forschers. Die beiden verliebten sich ineinander und ihre Herzen schlugen wie Emiliana Torrinis Jungle-Drum. Heute ist das Liebespaar Tarzan und Jane so bekannt wie Bonnie und Clyde, Romeo und Julia oder Dwayne «The Rock» Johnson und Anabolika.

Die beiden kamen nicht nur zusammen, weil Tarzan irgendwann mal genug davon hatte, sich sexuell an hohlen Baumstämmen abzureagieren. Nein, seine Liebe zu Jane war ehrlich und nicht eine pragmatische Entscheidung aufgrund mangelnder Alternativen. Tarzan konnte die beschränkte Weibchenauswahl sogar als absoluten Glücksfall betrachten. Mir wäre es auch lieber, ich müsste mich im Supermarkt nicht jedes Mal zwischen 150 verschiedenen Frühstücksflocken entscheiden, sondern hätte einfach einen Brand zur Auswahl. Ich stelle mir die ehemalige DDR als Paradies vor – eine Partei, eine Meinung, einen Lieblingsfilm.

Dir ist es bestimmt egal, aber wie du weisst, holzen wir Menschen aufgrund unserer Schwarm-Dummheit die Regenwälder unseres Planeten im Eiltempo ab. Tarzan wird also schon bald heimatlos sein. Ich bin dafür, dass wir Jane und ihm in der Masoala-Halle in Zürich Asyl gewähren. Wie bei den anderen Tieren im Zürich Zoo darf man ihnen beim Schlafen, Essen und Kopulieren zusehen. Aber im Gegensatz zu den anderen Exponaten kann man mit ihnen auch einen kleinen Schwatz halten und ihnen mitteilen, wie einem die Performance gefallen hatte. Big Brother war gestern.

02_meine_helden_tarzan_fertig

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